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Velimir Petkovic fühlt sich mittlerweile wiedererstarkt, hat den ThSV Eisenach gerade sensationell in die Bundesliga geführt. (Foto: dpa)

Petkovic: "Welcher Trainer ist nicht ausgebrannt?"

Ungewöhnlich offen spricht Velimir Petkovic, langjähriger Trainer in Wetzlar und Aufsteiger mit dem ThSV Eisenach, über die Belastungen im Spitzenhandball. Der 58-Jährige redet über seine Burn-out-Probleme und eine Telefon-Selbsthilfegruppe unter Trainern. Er fordert ein Umdenken im Handball. Unterstützt wird er von Ottmar Hitzfeld.

Leistungssport kann krank machen, nicht nur physisch, sondern auch psychisch, das wissen Insider und Ärzte. Und wenn Prominente wie der Fußballtrainer Ottmar Hitzfeld oder die Skisprunglegende Hans-Georg Aschenbach den dramatischen Verlauf ihrer Burn-out-Erkrankung öffentlich machen, dann erfährt nicht nur der Sportfan von diesem um sich greifenden Phänomen.

Hans-Georg Aschenbach, der nach seiner Aktivenzeit Medizin studierte und als Sportarzt in Freiburg niedergelassen ist, erläuterte schon vor Jahren die komplexer werdenden Risiko-Mechanismen, die als ungeheure Psycho-Pressionen auf Spitzensportler, Trainer, Mediziner und Funktionäre einwirken. Der "De-Autonomisierung" zu willfährigen Erfüllungsgehilfen eines "profitorientierten Systems Sport" oder der "medialen Inquisition" seien die Spitzenkräfte nur noch teilweise gewachsen, so der einstige Ausnahme- Skispringer, der in den Siebziger jahren alles gewonnen hat, was es in seiner Sportart zu gewinnen gab.

Derartige Einschätzungen lassen innehalten für den Moment, und beim Suizid von Robert Enke stockte einer ganzen Nation der Atem. "Es ist an der Zeit", legt Dr. Aschenbach den Finger in eine weitere Wunde, "dass den Betroffenen gesamtgesellschaftlich geholfen wird. Es ist ein Unding, dass das Burn-out-Syndrom bis heute aus medizinisch-rechtlicher Sicht keine eigenständige Erkrankung darstellt. So kann z. B. kein Arzt eine Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung unter dieser Diagnose begründen. Also ist Handlungsbedarf geboten, damit endlich eine Enttabuisierung erfolgt und den Erkrankten die nötige Rechtssicherheit gegenüber den Kostenträgern eingeräumt wird."

"Der Stress bei einem

Handballspiel ist viel höher"

Dass derartige Erkrankungen keine Einzelfälle sind, dass Handlungsinitiativen des organisierten Sportes, der Verbände, folgen müssen, beweist eine Studie der Deutschen Sporthilfe zum Thema "Dysfunktionen im Spitzensport" aus dem Jahr 2013. Jeder Zehnte der befragten aktiven Sportler gab an, unter psychischen Erkrankungen, Burn-out oder Essstörungen zu leiden. Einige Verbände scheinen auf einem guten Weg, vor allem der DFB, in dessen Gliederungen es kein Makel mehr zu sein scheint, sich zu einem Burn-out zu bekennen und sich rechtzeitig eine gesundheitliche Auszeit zu nehmen.

Anders der Deutsche Handball-Bund, in dessen Reihen das Thema "Burn-out-Erkrankung" so gut wie nicht zu existieren scheint oder derartige Erkenntnisse bisher als Geheimnisse gehütet werden. Ein Mutiger dieser Szene, Velimir Petkovic, redet Klartext und will den erkrankten Kollegen zur Seite stehen. Und er erhält Rückendeckung für diese Initiative von Ottmar Hitzfeld. Der renommierte Fußballtrainer erklärt: "Die Aussagen von Velimir Petkovic überraschen mich nicht. Ich glaube, dass der Stress bei einem Handballspiel um mindestens 50 Prozent höher ist, als bei einem Fußballspiel!"

Wir führten mit dem gebürtigen Bosnier, der seit 2000 die deutsche Staatsbürgerschaft besitzt, folgendes Gespräch:

Herr Petkovic, Sie haben in den zurückliegenden Monaten etwas selbst für Handball-Insider Unfassbares geschafft: Sie haben Mitte Oktober den Zweitligisten ThSV Eisenach auf einem Fast-Abstiegsplatz mit 7:9 Punkten übernommen und zur Vizemeisterschaft und damit zurück in die 1. Bundesliga geführt. Hat Sie damals der Teufel geritten, diesen Job anzunehmen, Sie konnten doch nur an Prestige verlieren?

Velimir Petkovic: "Ich fühlte mich wiedererstarkt, mich hat das Risiko gereizt. Es war für mich eine Herausforderung, eine Mannschaft, die ein Jahr Erstligaerfahrung hatte und die in der zweiten Liga deutlich unter ihren Möglichkeiten spielte, wieder aufzubauen. Ich wusste, dass ich jedem einzelnen Spieler ein "neues Leben" einhauchen musste, jeden überzeugen musste von einer – wenngleich sehr geringen – Chance, wieder aufzusteigen."

Spürt man als arbeitsloser Trainer und Familienvater den wirtschaftlichen Druck, ist man gezwungen, nach einem solchen Strohhalm zu greifen?

Petkovic: "Gezwungen nicht, denn ich hatte das Glück, dass meine beiden Söhne gerade in ihren Staatsexamina standen, diese Zeit des Finanzierens also bald vorbei sein würde. Der eine verdient mittlerweile als Assistenzarzt sein Geld, und der andere kann als Jura-Referendar auch seinen Lebensunterhalt selbst bestreiten. Also wirtschaftliche Zwänge gab es nicht. Natürlich verlangt das Arbeitslosengeld ein privates Einschränken, aber da haben andere Bevölkerungskreise größere Sorgen."

Blicken wir ein wenig zurück: Sie waren ab 2004 nahezu zehn Jahre bei Frisch Auf Göppingen beschäftigt. In diese Zeit fielen Ihre Wahl zum "Trainer der Saison 2005" sowie der zweifache Gewinn des EHF-Pokals (2011 und 2012). In der Adventszeit 2013 wurden Sie in Göppingen beurlaubt, quasi vor die Tür gesetzt. Hat Sie das persönlich getroffen?

Petkovic: "Es gibt ein deutsches Sprichwort: Undank ist der Welten Lohn. Dass die Göppinger Verantwortlichen eingeknickt sind vor der Petko-weg-Stimmungsmache einiger weniger selbsternannter Fans, das hat mich schon überrascht. Aber richtig geärgert hat mich, dass es nicht mal ein Abschiedsessen, nicht mal eine Flasche Wein gab. Aber lassen wir diese Geschichte ruhen. Ich schaue nach vorne."

"Viele holen sich bei mir

telefonisch Rat und Hilfe"

Sie sagten eben, Sie fühlten sich wiedererstarkt bei der Übernahme der Aufgabe in Eisenach…

Petkovic: "Ja, ich konnte wieder schlafen. Im Grunde genommen war die Beurlaubung für Körper und Seele eine Erlösung."

…ähnlich äußerte sich Ottmar Hitzfeld nach seiner Entlassung durch den FC Bayern 2004 und seinem erlittenen Burn-out…

Petkovic: "Sie meinen dieses Interview (holt aus seinen Unterlagen die Sportseite der FAZ vom 23.Dez. 2014)? Sie sind überrascht? Lassen wir das Scherzen, dafür ist die psychische Erkrankung von Trainern unter dem vielfältigen Druck zu ernst. Ein Arzt sagte mir mal, ein Burn-out sei eine deutsche Krankheitserfindung. Das hat mich natürlich nicht befriedigt. Ich habe in mich hinein gehört, ja sogar reihenweise Bücher gelesen zu dem Thema. Und eine Bemerkung Hitzfelds – ohne mich an seiner Bedeutung messen zu wollen – hat sehr nachdenklich gestimmt, weil ich es auch an mir habe spüren können: "aus Leidenschaft wurde Leiden". Da wusste ich, dass ich auch gerade vor einem Burn-out stand."

Haben Sie professionelle Hilfe in Anspruch genommen?

Petkovic: "Nein, nach dem Bücherstudium wusste ich, dass mir mein Temperament und meine Emotionalität zugutekommen könnten, ich es allein und ohne großes Aufsehen würde schaffen können. Ich habe mich nicht verkrochen in eine Selbstisolation, sondern bin tagtäglich unter die Leute gegangen, habe Freunde besucht, habe kommuniziert.

Ich war im Alltagsleben präsent, habe Reisen unternommen und konnte meine Familie so auch vor Schlagzeilen in den Boulevardblättern schützen. Aber wie gesagt, ich habe in diesem Punkt Glück gehabt mit meinem Temperament. Ich weiß von Handballkollegen, die sich vergraben..."

Sie sprechen von Kollegen?

Petkovic: "Ja, viele holen sich bei mir telefonisch Rat und Hilfe. Wenn Sie so wollen, stehe ich im Zentrum einer Telefon-Selbsthilfe-gruppe. Eigentlich müsste die Frage lauten: Welcher Trainer im deutschen Spitzenhandball ist nicht ausgebrannt, nicht gefährdet durch einen Burn-out?"

Warum dringt dieses Thema nicht zumindest in die Handball-Öffentlichkeit?

Petkovic: "Schauen Sie doch nach, was Ottmar Hitzfeld gesagt hat. Die Zeit ist im Handball noch nicht reif für dieses Thema. Die Kollegen glauben noch, sich durch Verschweigen vor einem möglichen beruflichen Schaden schützen zu müssen. Der Handball hängt dem Fußball um zehn Jahre hinterher. Der Fußball ist da bedeutend weiter – Auszeiten sind mittlerweile en vogue. Prominente Beispiele kennt jeder Fan."

Günter Breitbart und Lydia Schwenk

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