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Christoph Albrecht von Karate Gießen führt die Übungen beim virtuellen »Speck-weg-Training« vor.

KARATE-ONLINE-TURNIERE

Online-Training »enorm wichtig«

  • vonGerd Chmeliczek
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Sportvereine müssen in Corona-Zeiten erfinderisch sein, wollen sie ihren Mitgliedern auch in Zeiten des Lockdowns Angebote unterbreiten. Online-Training heißt das Zauberwort, das auch beim Karate Einzug gehalten hat. Aber geht das überhaupt kontaktlos?

Kumite geht halt aktuell überhaupt nicht«, sagt Lars Stein, Jugendwart des Karate Dojos Lich. Der Zweikampf, als Übungs- oder als Wettkampfform, fällt den Beschränkungen zum Opfer - ist aber trotzdem nicht gänzlich vom Trainingsplan der Athleten verschwunden. Dafür haben die Licher schon im März auf Online-Angebote umgestellt - gezwungenermaßen.

Im Karate gebe es drei Grundsäulen: Die Grundschule, in der es um die Techniken gehe. »Das geht auch online.« Die zweite Säule nennt sich Kata, auch Formlauf genannt, und umschreibt den Wettkampf gegen einen imaginären Gegner. »Das ist online ebenfalls möglich, sofern man etwas Platz zur Verfügung hat.« Die dritte Säule, das Kumite, gibt es ebenfalls nur im Einzeltraining vor der Webcam. »Hier werden Techniken des Kumite trainiert. Wir haben versucht, auch diesen wichtigen Bereich unseres Sports in das Online-Training zu integrieren, sagt Stein.

Hat Kündigungen gegeben

»Für die meisten Teilnehmer geht es um die Erhaltung der Form. Der Unterschied zum Training in der Halle ist schon sehr groß.« Für die Trainer sei es schwer, bei allen Athleten ganz genau auf die Technik zu schauen. »Das ist schon allein wegen der verschiedenen Kamera-Blickwinkel schwierig.« Ebenfalls Platz im Trainingsplan des Karate Dojos haben Athletik- und Ausdauereinheiten bekommen. Auch ein Pilates-Kurs wird angeboten. Knapp über 400 Mitglieder zählt der Verein, rund 60 nehmen die Angebote regelmäßig wahr, darunter auch Kinder und Jugendliche, für die es ebenfalls ein Programm gebe. Neun Einheiten werden insgesamt pro Woche von acht Trainern für alle Mitglieder angeboten.

»Das Online-Training ist für den Verein enorm wichtig«, betont Stein. Nicht nur aus sportlicher Sicht. Man tausche sich aus, pflege soziale Kontakte. Aber es sei natürlich kein vollwertiger Ersatz für das »normale« Vereinsleben. »Im Sommer war es ein wenig entspannter, da haben wir unter anderen im Licher Freibad trainiert. Auch kontaktloses Training in den vereinseigenen Hallen war eine gewisse Zeit lang möglich. Aber es war und ist einfach nicht das- selbe.«

Und die Mitgliederentwicklung? Im ersten Lockdown sei man positiv überrascht gewesen. Man habe kaum Rückmeldungen gehabt, dass Mitglieder den Verein verlassen wollten. Ab November habe da schon anders ausgesehen. »Es hat Kündigungen gegeben. Etwa zehn Prozent der Mitglieder wollten bislang dem Verein den Rücken kehren. Zum großen Teil sei es aber gelungen, die Kündigungen in eine passive Mitgliedschaft umzuwandeln. Bedeutet: Ein geringerer Mitgliedsbeitrag und die Schwelle zum Wiedereinstieg bei einer Rückkehr zum »normalen Training« ist nicht so hoch. Ob alle auch wieder zurückkehren, ist allerdings auch nicht sicher.

Das größte Problem für das Karate Dojo Lich sei die Planungsunsicherheit. »Man entwirft Hygienekonzepte und macht sich Gedanken, wenn Lockerungen angekündigt werden - und dann wird es leider wieder nichts. Jetzt warten wir auf den 1. Februar. Die Hoffnung nicht ganz so groß, aber wir sind bereit.«

Karate Gießen stellt früh um

»Wir haben das Glück. dass unser 1. Vorsitzender Thorsten Maier Mediziner ist und sich schon recht früh mit dem Thema Corona beschäftigt hat. Daher haben wir in Abstimmung mit dem Sportamt sehr zeitig ein Hygienekonzept entwickelt«, sagt Marc Wiese, 2. Vorsitzender und Trainer von Karate Gießen e. V. Entsprechend früh sei auch das herkömmliche Training eingestellt und auf Online-Angebote umgestellt worden. »Das war schon herausfordernd«, blickt Wiese auf die Anfangszeiten des Lockdowns zurück. Nicht nur wegen der fehlenden Kontaktmöglichkeiten: »Karate ist eine sehr komplizierte Sportart. Bewegungen des Trainer möglichst genau nachzuvollziehen, sei online schwieriger. »Aber wir haben das angepasst, halt ohne Partnerübungen und ohne Freikampf.«

Die kurze Zeit des Hallentrainings im Sport Point in Gießen habe man wie die Kollegen in Lich sehr vorsichtig genutzt. »Wir sind in die Badminton-Halle ausgewichen, um noch größere Abstände zu gewährleisten. Die allermeiste Zeit aber haben wir kein Partnertraining gemacht.« Es habe Mitglieder gegeben, die sich trotz Hygieneplans bei solchen Übungen unwohl gefühlt hätten. »Darauf haben wir reagiert.« Für Abwechslung sorgten in der Zeit, in der die Halle genutzt werden konnte, Einheiten mit dem Karateka Martin Herbig aus Siegen.

Beim Karate werde neben dem Körper auch die innere Balance trainiert. Und das sei in solch einem schwierigen Jahr sehr wichtig und hilfreich. »Deshalb werden unsere Angebote auch sehr gut angenommen.« Von den 25 bis 30 Leuten, die vor Corona regelmäßig in der Halle standen, seien rund 70 Prozent auch beim Online-Training dabei. Solche Angebote seien gerade in solch schwierigen Zeiten elementar wichtig. »Auch und gerade für die Kinder im Verein.« Insgesamt werden bei Karate Gießen drei Online-Stunden pro Woche für Erwachsene angeboten sowie drei Stunden Kinder- und eine Stunde Jugendtraining.

Glücklicherweise seien die rund 200 Mitglieder dem Verein sehr treu. Coronabedingte Austritte habe es noch nicht gegeben. »Viele sind miteinander befreundet.« Daher sei das Online-Angebot auch eine Möglichkeit, die sozialen Kontakte weiter zu pflegen.

Eine besondere Idee hatte der Verein zwischen Jahren mit dem »Speck-weg-Trainingsmarathon«. Vom 28. Dezember bis zum 1. Januar trafen sich Groß und Klein und von Weißgurt bis Schwarzgurt täglich zum Online-Training, um den Feiertagspfunden den Kampf anzusagen. Und obwohl die Angebote so gut angenommen werden, steht man auch in Gießen in den Startlöchern, wenn der Lockdown vorüber ist: »Ich möchte wieder in der Halle stehen, bei einem Lehrgang mit 200 Schwarzgurten und einfach loslegen. Und nicht mehr an Corona denken«, sagt Marc Wiese.

Der Licher Karateverein hat im vergangenen Jahr, initiiert durch Trainer Christian Bonsiep, mit zahlreichen Sportlern an Online-Turnieren teilgenommen. Dabei erkämpfte sich Kai Schneider den 1. Platz der Weltrangliste in der Kategorie »Masters B E-Kumite Male«.

In der Disziplin Kata (Formenlauf, siehe großer Bericht) reichten die Teilnehmer ihre Übung als Video ein und eine Bewertung erfolgte von verschiedenen Kampfrichtern online. In dieser Disziplin belegte Schneider nach Angaben seines Vereins den sechsten Platz der E-Weltrangliste. In der Freikampfdisziplin »Kumite« wurde ohne einen echten Gegner gekämpft Auch hier wurde jeweils ein Video für die Kampfrichter aufgenommen. Sie bewerten die Athleten nach ihren Leistungen in den Bereichen der technischen Ausführung und der angewandten Taktik.

Schneider nahm über das Jahr 2020 hinweg 32-Mal für das Karate Dojo Lich und für die Technische Hochschule Mittelhessen an Online-Wettkämpfen teil und belegte durchgehend Platzierungen unter den ersten Fünf gegen Gegner aus der ganzen Welt. In der Kumite-Disziplin gelang es Schneider, sich im Dezember mit dem 1. Platz bei den Dutch Open in den Niederlanden den weltweiten Sieg in der Kategorie »Masters B E-Kumite Male« zu sichern.

Auch Niko Stang vom Karate Dojo Lich gibt sein Wissen derzeit online weiter.
Kai Schneider in Aktion.

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