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Tennis

Nicolas Kiefer: Star ohne Allüren in Wettenberg

  • Markus Konle
    VonMarkus Konle
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Als Star zum Anfassen präsentiert sich Ex-Tennis-Profi Nicolas Kiefer auf der Anlage des TC Wettenberg. Die einstige Nummer vier der Weltrangliste steht in Wißmar drei Stunden lang auf dem Platz.

Nicolas Kiefer hat sich für seine 44 Jahre gut gehalten. Durchtrainiert wirkt er, und seine Waden dürften selbst zu seiner Zeit auf der ganz großen Tennis-Bühne kaum muskulöser gewesen sein - auch wenn der Hannoveraner seine Karriere schon 2010 beendet hat. Sechs ATP-Turniere hat er in seiner Zeit als Profi gewonnen, bei allen vier Grand-Slam-Turnieren stand er im Achtel-, Viertel- oder Halbfinale. Und bei den Olympischen Spielen 2004 in Athen hat er an der Seite von Rainer Schüttler in einem dramatischen Endspiel Silber im Doppel geholt.

Kiefer gehört zu den besten deutschen Tennisspielern aller Zeiten, hat sich zwischen 1997 und 2010 packende Matches mit Pete Sampras, Boris Becker oder Roger Federer geliefert. Er ist auch heute noch ein Star - nur lässt er sich das nicht anmerken. Auf der Anlage des TC Wettenberg hat er am Donnerstag drei Stunden lang mit Spielern des TCW trainiert, mit den Menschen geplaudert, unzählige Fotos mit den Fans gemacht und Autogramme geschrieben.

Kiefer präsentierte sich in Wißmar charmant und nahbar. Dass er noch herausragend Tennis spielen kann, versteht sich von selbst. »Du musst den Schläger so halten«, korrigiert er einen U15-Akteur. »Guter Schlag«, lobt er einen anderen beim lockeren Spielchen mit wechselnden Partnern - und er macht auch die 20 Liegestützen, die auf die Verlierer der Tiebreak-Vergleiche warten. »Ich war nicht der beste Tennisspieler, aber du darfst kein Spiel verlieren wegen deiner Fitness«, gibt er auf der Anlage in Wißmar einen seiner Grundsätze weiter.

»Kiwi« ist viel beschäftigt

In den Genuss der speziellen Trainerstunde sind die Wettenberger gekommen, weil sie auf der Facebook-Seite von Coach »Kiwi«, so Kiefers Spitzname, der Monatsgewinner waren. »Für uns ist das eine Mega-Aktion«, freute sich Thorsten Müller-Rietdorf, der 1. Vorsitzendes TC Wettenberg, über den Besuch seines »Idols«, das in seiner Karriere allein 7,5 Millionen US-Dollar Preisgeld gewonnen hat und auch nach der Karriere ein vielbeschäftigter Mann ist. Kiefer trainiert die Talente des SSC Berlin-Charlottenburg, ist mit den Herren 40 der Hauptstädter amtierender deutscher Meister und peilt auch in diesem Jahr den DM-Titel mit der internationalen Truppe an. Zudem hat er seine eigene Marke für Sportmode auf den Markt gebracht, gibt für einen Touristikanbieter Tennis-Camps in Südeuropa, läuft Marathons (Bestzeit: 3:28.20), ist begeisterter Golfer, spielt Fußball in der Ü32 von Hannover 96 und ist glühender Fan des Zweitligisten. Außerdem ist er sozial stark engagiert für die »Aktion Kindertraum«. Die Organisation aus seiner Heimatstadt erfüllt bundesweit benachteiligten Kindern Herzenswünsche.

Und zwischendurch fährt der Familienvater durch die Republik, um Clubs mit seiner Coach-Kiwi-Aktion zu unterstützen. »Ich mache das, weil ich den Tennissport liebe«, sagt er, »und dass kleinere Vereine ein Highlight haben, um sich zu präsentieren. Auf meiner Facebook-Seite kann sich jeder Verein bewerben, und am Ende eines jeden Monats wird dann ein Siegerverein gezogen, zu dem ich dann komme.«

In Wettenberg hatten sie für den Besuch Kiefers ein kleines Volksfest organisiert, die neun Teilnehmer an den Trainingseinheiten (sechs Jugendliche, drei Erwachsene) - wurden unter den Vereinsmitgliedern ausgelost. Rund 150 Zuschauer wollten sich zudem Kiefers Auftritt nicht entgehen lassen. Sie sahen zum Abschluss auch noch ein Doppel, in dem Kiefer jeweils an der Seite von Lars Pörschke, der in der Herren-30-Bundesliga spielt, TCW-Jugendtrainer Timo Dittmann und Andreas Hessler aus dem Herren-40-Verbandsliga einen Tiebreak gegen das verbliebene Duo absolvierte. Egal in welcher Konstellation: Kiefer verlor nicht einmal, als etwas ernster als in den Trainingsrunden zuvor wurde. »Er hat einfach unglaublich stark gespielt«, meinte auch Müller-Rietdorf, der hinterher glücklich war: »Kiwi ist ein unglaublich sympathischer Mensch. Das war eine ganz tolle Aktion für unsere Mitglieder.«

Kefers Tipp: Nicht nur Tennis

Auf dem Platz bringen es nur wenige so weit wie Nicolas Kiefer in seiner Profi-Zeit. »Wenn man den Kindern einen guten Rat mit auf den Weg geben will, dann den: Habt viel Spaß, genießt es, spielt nicht nur Tennis, sondern auch ein bisschen Fußball oder Basketball«, sagt er im Gespräch mit dieser Zeitung.

Wer es ganz nach oben schaffen möchte, muss dennoch die richtige Mentalität mitbringen. »Es gehören sehr viel Fleiß, Disziplin und Ehrgeiz dazu.« Daran fehle es vielen Talenten in Deutschland: »Viele sind nicht bereit, sich zu quälen. Viele sind mit sehr wenig zufrieden«, blickt er auf seinen Job in der Nachwuchsförderung des Deutschen Tennis-Bundes zurück. Kiefer war bis 2018 Coach am Bundesstützpunkt in Hannover, nun arbeitet er als Nachwuchstrainer beim SSC Berlin und ist trotz der Pendelei aus Hannover glücklicher: »Das ist dort eine ganz andere Struktur, in Berlin steht der Leistungssport im Vordergrund. Die Kinder haben ein richtiges Leuchten in den Augen, wenn sie auf den Platz kommen.« Der 44-Jährige gibt zu bedenken: »Man muss sich mal anschauen, wo die deutschen Spitzenspieler herkommen. Eine Angie Kerber bei den Damen hat nicht beim DTB trainiert, sondern bei sich zu Hause in Polen. Und bei den Herren ist es ja das Gleiche: Die Nummer 1 ist Sascha Zverev und der hat alles privat auf die Beine gestellt.«

Natürlich verfolgt Kiefer die Spiele der Deutschen bei den großen Turnieren, fiebert aber auch mit den aktuellen Branchen-Größen Novak Djokovic, Rafael Nadal oder Roger Federer mit. »Ich bin schon ein bisschen stolz drauf, dass ich in meiner Generation noch mit den drei zusammengespielt habe.« KUS

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