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Nicht auf das Schicksal reduzieren

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Von: Ralf Waldschmidt

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Catharina Weiß (10) stellt für ihren RSV-Teamkollegen Reo Fujimoto (12) in vollem Tempo einen Block. © Armin Diekmann

Mit Catharina Weiß greift an diesem Wochenende in den Niederlanden eine Rollstuhlbasketballerin im Trikot des RSV Lahn-Dill nach dem Titel im europäischen Champions Cup, die in Folge einer Krebserkrankung im Alter von nur zwei Monaten, die dass Rückenmark angriff, Zeit ihres Lebens im Rollstuhl sitzt. Im Gespräch mit der taffen 22-Jährigen wird aber schnell deutlich, dass sie sich nicht auf ihr Schicksal reduzieren lässt und lassen will.

Für den RSV Lahn-Dill steigt heute Abend (19 Uhr) im niederländischen Nimwegen das Halbfinale im europäischen Champions Cup gegen den Dauerrivalen Thuringia Bulls. Im Team von Trainerin Janet Zeltinger steht mit Catharina Weiß eine Akteurin, die in jungen Jahren bereits viele sportliche Erfolge eingefahren hat und zudem wie kaum eine Zweite stellvertretend für viele Inhalte und Werte des Rollstuhlbasketballs als Inklusionssportart steht.

Im Gespräch wird auch schnell deutlich, dass sich die Esslingerin nicht auf ihre Behinderung, auf ihr persönliches Schicksal reduziert sehen möchte. Jung, selbstbewusst, zielorientiert. Die eigentliche Intention des Autors für die Geschichte geht schnell über Bord, das Interview nimmt einen vollkommen anderen Verlauf.

Ja, Catharina Weiß ist in Folge einer Krebserkrankung im Alter von nur zwei Monaten, die das Rückenmark angriff, durch eine inkomplette Querschnittlähmung von klein an auf den Rollstuhl angewiesen. Da ist Empathie gefragt. Klar. Das ist schicksalhaft und hat ganz bestimmt einen außergewöhnlichen, auch mit Tränen und Traurigkeit behafteten Lebenslauf erzeugt.

Aber heute, Ende April 2023, sitzt einem eine taffe, aufgeweckte, kluge, stets freundlich lächelnde Schwäbin gegenüber, die große Eigenständigkeit, viel Mut, enorme Lebensfreude und sportlichen Ehrgeiz ausstrahlt. Die Unterhaltung läuft nicht Gefahr, sich im mitleidigen »Die Arme«-Modus zu verhaken; die Unterhaltung endet mit einer ebenso klaren wie aufrufenden Botschaft: Das Leben bietet so viel Reize, für die sich alle Anstrengungen lohnen. Nicht nur für Catharina Weiß.

Catharina, zwischen DM-Endspielen und Champions Cup-Finale, wie ist die aktuelle Situation beim RSV Lahn-Dill?

Die letzten Wochen waren sehr herausfordernd für uns. Wir haben das eine jetzt abgehakt, jetzt geht es wieder bei null los.

Das sind die Partien, auf die man als Sportlerin ein ganzes Jahr hinarbeitet?

Für diese Spiele arbeitet man, das stimmt, die ganze Saison. Sie haben uns in der Serie und im Finale dominiert. Wir müssen das Spiel auf jeden Fall eng halten. Die Rotation muss stimmen, wir müssen gut ausboxen, defensiv muss das Teamplay stimmen und vorne die Trefferquote ordentlich sein. Unser Schützen dürfen nicht wieder in schwierige Situationen geraten. Wir müssen gegen die Bulls immer bei mehr als 100 Prozent sein. Wir müssen von Beginn an wach sein, dem Spiel unseren Stempel aufdrücken.

Die Endrunde im Champions Cup ist die Krönung einer langen Spielzeit.

Das ist definitiv so. Wir wissen um unsere Qualität, wissen, dass wir die Bulls schlagen können, was wir im zweiten Finalspiel mit einem herausragenden Teamplay ja bewiesen haben. Wir treffen ja seit Ewigkeiten immer und immer wieder aufeinander. In der Defense gut stehen, paar Kontakte mehr machen, die denen auch weh tun, offensiv besser ins Spiel finden, denen Druck geben, dass sie liefern müssen - dann können wir sie knacken.

Welche Aufgabe haben Sie als Forward, als Lowpointerin im Team?

Meine Aufgabe ist es nicht, eine Schützin zu sein, sondern einfach meinen Centern zu helfen, dass sie bessere Situationen bekommen. Mein Anspruch an mich selbst ist, eine starke Defense zu spielen.

In nur drei Jahren beim RSV Lahn-Dill haben Sie schon DM-Titel und Champions Cup gewonnen und sich zu einer echten Leistungsträgerin entwickelt. Wie lauten Ihre weiteren sportlichen Ziele?

Ich denke von Großereignis zu Großereignis, von Jahr zu Jahr. Mein direktes Ziel ist aktuell Paris 2024. Ich hatte die Ehre, Tokio zu spielen. Paralympics sind absolut einzigartig. Wie lange ich Rollstuhlbasketball auf diesem hohen Leistungsniveau ausüben möchte, weiß ich ehrlich gesagt aber nicht.

Sie haben sich aufgrund ihrer frühkindlichen Behinderung ja schon vor dem Rollstuhlbasketball im Monoski, Handbike oder Schwimmen versucht. Was fasziniert Sie am Rollstuhlbasketball?

Der unglaubliche Vorteil des Teamsportes ist, man motiviert sich gegenseitig. Für Rollstuhlbasketball den Ausschlag gegeben hat dessen Agilität, das Tempo, der Kontaktsport - ein aufregender, ein kampfbetonter Sport zum Anschauen und zum Spielen.

Wie war das mit dem Sport in der Schule?

Es war eigentlich immer abhängig von den Lehrern/innen, wie offen sie sind. Teilweise hat das nicht gut funktioniert, teilweise schon. Mit den Jahren wurde es von der Grundschule bis zur Oberstufe besser, ich habe dann sogar mein Sport-Abi gemacht.

Wie kann man sich das vorstellen?

Die Grundlage war, dass ich sehr viel Verständnis von den Mitschülern/innen und aus der Lehrerschaft bekommen habe. Weil es mir angeboten wurde, habe ich als Teamsport natürlich Rollstuhlbasketball gewählt. Das Kultusministerium in Baden-Württemberg war da sehr offen. Als Einzelsport hatte ich Schwimmen, da gibt es ja die Klassifizierungen, je nach Behinderung Zeiten und Notenpunkte. Beim Cooper-Test bin ich auch geschwommen. Ich bin meiner Schule sehr dankbar, dass ich diese Chance bekommen habe. Natürlich war das mit Anträgen verbunden, aber am Ende haben sich alle darauf eingelassen.

Das liefert den Übergang zum Thema Inklusion, welches im Rollstuhlbasketball eigentlich gar keines mehr ist. Oder?

Rollstuhlbasketball ist die inklusivste Sportart, die man haben kann. Man muss nicht mehr über Inklusion reden, es ist Normalität, dass Menschen mit und ohne Behinderung diesen Sport zusammen ausüben. Der Ligabetrieb mit gemischten Mannschaften legt da dann noch mal eine Schippe drauf. Mehr geht nicht.

Ergibt sich für Sie als 1,0-Akteurin in einem europäischen Topteam sowie in der Damen-Nationalmannschaft eine Vorbildfunktion?

Ich denke, wenn man Leistungssport auf diesem Level ausübt, hat man gerade für Jüngere immer eine Vorbildfunktion. Für Menschen, die einen Unfall hatten oder mit einer Behinderung aufwachsen, die sehen, wo der Weg hinführen kann, was man alles erreichen kann. Dass man selbst mit einer Behinderung erfolgreich sein kann. Was schön zu sehen ist für Eltern mit Kindern, die eine Beeinträchtigung haben, dass man Selbstständigkeit, Normalität erlangen kann.

Egal, ob eine Behinderung von klein auf oder durch ein schicksalhaftes Ereignis?

Ich kann es gar nicht beurteilen, ob es für einen schwieriger ist, wenn man eine Unfall hat und dann das Leben eine ganz andere Wendung nimmt. Es ist immer schwierig zu sagen, wie es ist, wenn man etwas kannte und das nicht mehr geht im Wissen, wie das Leben davor war. Oder wie bei mir, die nie erfahren hat, wie viele Dinge sind. Es ist immer der Punkt, dass man eine Akzeptanz haben muss. Man kann die Zeit nicht zurückdrehen oder auf eine Wunderheilung hoffen. Solange es man für sich selber akzeptiert, ist das dann in Ordnung.

Sie können dem Thema und dem Sport durch ihre Person aber schon Aufmerksamkeit verleihen.

Rollstuhlbasketball hat schon eine große Akzeptanz, natürlich mit regionalen Unterschieden. Wenn ich dem Sport und seinen Werten eine Stimme geben kann, dann bin ich gerne bereit, das zu tun.

Stipendium in den USA, Wechsel zum RSV Lahn-Dill. Hat Ihnen der Sport auf dem Weg zur Selbstständigkeit geholfen?

Ich hatte das Glück, dass mir meine Eltern mit meiner Eigenständigkeit nicht im Wege standen, sondern mich dabei immer unterstützt haben. Das hat mich mitgezogen. Es ist unglaublich wichtig, einem Menschen mit Behinderung seine Entscheidungen zu überlassen, auch wenn die Eltern einen natürlich etwas mehr zu behüten oder zu beschützen versuchen.

Ist die Sensibilität mit dem Thema Behinderung/Inklusion in den letzten Jahren gewachsen?

Es hat sich viel getan, ja, aber wir sind immer noch nicht an dem Punkt, an dem wir sein sollten oder gar müssten. In Restaurants kommt man zum Beispiel barrierefrei rein, aber nicht mehr zur Toilette - wie hier, wo diese nur über eine Treppe in den Keller zu erreichen sind. Da muss sich noch eine Menge tun.

Wenn es sein muss, schlagen sie selbstbewusst auch kritische Töne an.

Wenn ich nach meiner Meinung gefragt werde, gebe ich die auch kund. Bei Zügen und an Bahnhöfen muss schon noch viel getan werden, um uns das Leben zu vereinfachen. Ich fahre Auto, Auto mit Handgas, das gibt mir natürlich eine enorme Freiheit. Ich fahre ebenso gerne mit dem ÖPNV, aber da besteht doch noch enormer Nachholbedarf.

Zurück zum Sport. Die ›Freistellung‹ von Ghazain Choudry gerade vor den entscheidenden Spielen der Saison, mit der dem Team ein absoluter Leistungsträger entzogen wurde, hat sicher intern zu Diskussionen geführt.

Keine Frage. Wir als Spieler/innen aber müssen die Entscheidung des Vereins akzeptieren und respektieren. Aber es ist doch klar, dass man so etwas als Sportler/in, der mit einem Team ein ganzes Jahr lang hoch intensiv auf ein Ziel hinarbeitet, mental erst einmal verarbeiten muss. Das lässt niemanden unberührt.

Ihr Ziele artikulieren Sie klar und deutlich

Wenn ich mir etwas vornehme, versuche ich das auch zu verwirklichen. Vielleicht auch, um mir selber gerecht zu werden. Da sind wir wieder beim Leistungssport. Ist zum Beispiel das Ziel Paralympics erreicht, möchte ich auch eine Rolle in der Mannschaft spielen - und dann will ich auch erfolgreich sein.

Das betrifft auch ihre beruflichen Ziele.

Das Spektrum in meinem Studium Wirtschaftsrecht ist relativ groß. Ich kann noch gar nicht sagen, in welchem Bereich ich mich künftig sehen könnte. Das entwickelt sich noch. Ich denke schon, dass ich nach dem Bachelor noch meinen Master mache und parallel den Sport leistungsmäßig betreiben werde.

Können Sie gut mit Niederlagen umgehen?

Ich kann gut nach einem Tag abschließen. Ein K.-o.-Spiel ist aber noch einmal etwas anders, da hat man bei einer Niederlage länger zu kämpfen. Bei den Paralympics in Tokio haben wir das Spiel um Platz drei verloren, danach war Schluss. Das hat mich länger beschäftigt.

Vor dem Hintergrund ihres ganz persönlichen Lebenslaufes bekommt der Umgang mit Niederlagen eine andere Bedeutung.

Ich würde sagen, Niederlagen gehören dazu. Man wird immer stärker durch Niederlagen.

Sportlich ging es in den letzten Jahren bei Ihnen- immer bergauf.

Ich bin dankbar für all die letzten Jahre. Nationalteam, RSV Lahn-Dill, Paralympics - es ist eigentlich eine unglaubliche Geschichte.

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Catharina Weiß © pv

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