Ein neuer Zuschauerrekord

(fz) Neuer Zuschauerrekord in Schotten! Erstmalig wurde die magische Hürde überschritten. 20 500 Zuschauer säumten den 1,4 Kilometer langen Stadtkurs beim 21. Int. VFV/ADAC Schottenring Classic Grand Prix. Sie erlebten bei traumhaftem Wetter packenden Motorsport um die Deutsche Historische Motorradmeisterschaft (DHM) und hoch interessante Sonderläufe mit den technisch hochwertigsten Rennmotorrädern und -gespannen von 1900 bis 1990.

(fz) Neuer Zuschauerrekord in Schotten! Erstmalig wurde die magische Hürde überschritten. 20 500 Zuschauer säumten den 1,4 Kilometer langen Stadtkurs beim 21. Int. VFV/ADAC Schottenring Classic Grand Prix. Sie erlebten bei traumhaftem Wetter packenden Motorsport um die Deutsche Historische Motorradmeisterschaft (DHM) und hoch interessante Sonderläufe mit den technisch hochwertigsten Rennmotorrädern und -gespannen von 1900 bis 1990.

"Stars, Sound und Speed" lautet die Erfolgsformel des Veranstalterclubs MSC Rund um Schotten. Sportlich gesehen sind es Gleichmäßigkeitsfahrten in neun Klassen zur DHM. Dazu gab es sieben verschiedene Sonderläufe mit zig Stars. Weltmeister auf Weltmeistermaschinen: Seitenwagen-Multichampion Ralf Engelhardt, Doppelweltmeister Dieter Braun, dessen schärfster Widersacher Rod Gould (GB) und erstmals der Begründer Schräglagenakrobatik, Steve Baker aus den USA, lieferten sich Windschattenduelle mit einem halben Dutzend Grand-Prix-Siegern von einst.

Insgesamt 408 Fahrer und Fahrerinnen - und im Seitenwagen-Beiboot die "Schmiermaxen" - machen den Schottenring Classic Grand Prix zu einer Veranstaltung der Superlative und die Schottenringveranstaltung trotz Konkurrenten wie Hockenheim, Nürburgring und Oschersleben zum Saisonhöhepunkt. Entlang der Bundes- und der Seestraße stehen die Zuschauer allen Sicherheitsansprüchen genügend, ganze zwei Meter entfernt vom Renngeschehen; im offenen Fahrerlager lässt sich die Technik der Maschinen von 1900 bis 1990 und 50 bis 2000 Kubikzentimeter betrachten.

Eine neue - nicht nur für Motorsport gedachte - Multifunktionsanlage mit mehreren bis zu zwei Kilometer langen Streckenführungen ist bereits geplant. Der Veteranen-Fahrzeug-Verband, der die DHM ausrichtet, hat den Schottenern dann sogar schon zwei Classic Grand Prix pro Saison versprochen!

Bernd Albert siegt

Die heimischen Rennfahrer erlebten wieder beide Seiten des Rennsports. Bernd Albert aus Laubach schaffte mit Jens Daniel aus Grünberg auf einer 1964er 580er-BMW sogar einen Klassensieg bei den Gespannen der Jahrgänge 1949 (ein Jahr vor der Formel 1 begann seinerzeit die Motorrad-WM) bis 1967. Auch mit seiner erstmals eingesetzten Solo-BMW (Platz 5, 500 ccm, 1964) war er zufrieden. Allerdings geriet er ausgerechnet in der für die Wertung ausgesuchten Referenzrunde in einen "Stau" und hatte in der Folge einige Mühe, ähnlich langsame Zeiten herauszufahren. Ebenfalls siegreich war Heinz Sukolak aus Lautertal (NSU 350, Baujahr 1939). Theo Sattler/Rolf Klingelhöfer (Neubulach/Langgöns, BMW 500, 1967) holten Platz zwei und sind auf Titelkurs in ihrer Klasse. Erwin Mahl/Alexander Hirth (Alsfeld/Schotten, BMW 500, 1970) holten nach technischen Problemen in der gleichen Kategorie Rang 17. Patrick Schlosser (Grünberg) und Marco Funk (Mücke-Sellnrod) wurden auf ihren 50er-Kreidlern Fünfte und Sechste. Klaus Herbel aus Hüttenberg-Volpertshausen (Norton 500, 1947) fiel aus. Toni Schneider aus Langgöns indes präsentierte mit einer Ernst-MAG von 1926 und einem britischen Matchless-Gespann von 1924 wunderschön vorbereitete Raritäten.

Clark folgt Einladung

Nobby Clark weilte auf Einladung in Schotten. Er ist ebenso eine Mechanikerlegende wie Ferry Brouwer, den die Schottener ja schon mit seinem Yamaha Racing Team kennen. Clark ist aus dem ehemaligen Rhodesien (Simbabwe) 1960 mit Landsmann Gary Hocking nach Europa gekommen. Die beiden haben zuvor die ostdeutschen MZ eingesetzt, ehe MV Agusta sie abwarb. Auf Clark verlassen sich anderthalb Jahrzehnte lang die Weltmeister gleich dreier Marken: Hocking mit MV Agusta, Jim Redman und Mike Hailwood auf Honda sowie Kel Carruthers, Rodney Gould und Kent Andersson auf Yamaha. Heute führt Clark im US-Bundesstaat New York eine Autowerkstatt, die auf Ferrari-Oldtimer spezialisiert ist.

Kneubühler ist überrascht

Stets einer der sympathischsten und erfolgreichsten Privatfahrer war Bruno Kneubühler aus der Schweiz. Geradezu legendär waren die zahlreichen Schweizer Fans, die mit ihren überdimensionalen Kuhglocken für eine Mordsstimmung sorgten, wann immer einer der ihren die Tribünen passierte. Die Zeiten sind vorbei, denn die Kuhglocken sind mittlerweile als Lärmbelästigung bei öffentlichen Veranstaltungen in der Schweiz verboten.

Kurios, dass aus der Schweiz immer exzellente Rennfahrer kamen, obwohl die Eidgenossenschaft seit 1955 ein Verbot von Rundstreckenrennen hat. Kneubühler hat zwischen 1972 und 1989 in allen Klassen von 50 bis 500 ccm gepunktet. Dreimal wurde er Vizeweltmeister: 1973 hinter Jan de Vries bei den 50ern sowie 1974 hinter Kent Andersson und 1983 hinter Angel Nieto bei den 125ern. Vor dem 50er-Erfolg 1973 hatte er 1972 die 500er-Kategorie bestritten und WM-Bronze errungen: Nur Giacomo Agostini und Nello Pagani auf den übermächtigen MV Agusta erzielten mehr Punkte als er.

Kneubühler war das erste Mal in Schotten und war "sehr überrascht" vom großen Zuschauerandrang und der "gut gemachten Organisation". Nun fährt er im Yamaha Racing Team von Ferry Brouwer gewissermaßen die Konkurrenz, die Werksmaschinen. Kneubühler schätzt am Yamaha Racing Team die perfekte Vorbereitung der Maschinen. Dafür sind auch ehemalige Fahrer verantwortlich. Da ist vor allem Svend Andersson, der zwischen 1976 und 1983 fünf Mal dänischer Champion in der 250er- und 350er-Klasse werden konnte, zu nennen. Andersson ist bei Brouwer für den originalgetreuen Aufbau von Maschinen zuständig, deren Originale nur noch als Museumsexemplare existieren.

Schotten fast ausgebucht

Dass die Motorradfans Schotten bei der 21. Auflage seines Schottenring Classic Grand Prix vollständig unter ihrer Kontrolle hatten, sieht man am besten aus der Luft. Davon überzeugten sich der MSC-Vorsitzende Wolfgang Wagner und Pressechef Manfred Möll persönlich: Im Helikopter über Schotten inspizierten sie die Rennstrecke, das Fahrerlager, die Parkplätze sowie die Campingplätze. Und beide stellten fest, dass Schotten an diesem Wochenende praktisch ausgebucht war.

"Die waren nicht besser"

Dieter Braun begründete mit seiner Popularität Ende der 60er Jahre des letzten Jahrhunderts einen Boom im deutschen Motorradsport. 1977 musste er nach einem Unfall abtreten, als die Überlegenheit der amerikanischen Rennfahrer wie Kenny Roberts und (etwas später) Eddie Lawson, Wayne Rainey und Kevin Schwantz einsetzte. Einen solchen Amerikaner, nämlich Steve Baker, hatte Braun als Teamgefährten im Yamaha Classic Racing Team zur Seite in Schotten.

Warum konnten die Schräglagen und Kurventempi fahren, bei denen die Europäer nicht mehr mithalten konnten? Braun: "Die waren eigentlich nicht die bessere Fahrer, sondern sie kamen mit Goodyear in die WM. Die hatten Reifen mit verschiedenen Mischungen." Vergleicht man Maschinen von damals und heute, so fällt schon die Breite der Pneus sofort ins Auge. Doch ein moderner Reifen würde Braun in seiner 350er-Maschine, mit der er 1972 WM-Vierter wurde, nichts genützt haben. "Damals ging ein richtiger Reifenkrieg los, wozu dann aber auch das Fahrwerk geändert werden musste. Reifen und Fahrwerk, anpassbar an jede Rennstrecke und jedes Wetter, die Vielzahl der Möglichkeiten musste erfasst werden. Das Zeitalter des Data-Recording war da."

Baker ist begeistert

Der Amerikaner Steve Baker, Weltmeister (750 ccm) und Vizeweltmeister (500) 1977, war begeistert vom 21. Int. VFV Schottenring Classic Grand Prix. Zusammen mit seinen Landsleuten Kenny Roberts und Pat Hennen gehörte er damals der ersten US-Fahrergeneration an, die in der durchweg auf europäischen Strecken ausgetragenen Weltmeisterschaft antrat. Überzeugt wurde er durch die legendären Easter Match Races, einem Länderkampf Großbritannien-USA, der in den 1970ern am Osterwochenende auf verschiedenen britischen Strecken ausgetragen wurde.

Baker war sofort begeistert von dem Niveau der Rennen, Kurse und der Atmosphäre durch die Fans, die es so nicht in den USA und Kanada gab. Natürlich muss Baker auch Dieter Brauns These von der Überlegenheit der Amerikaner widersprechen. Nur Kenny Roberts habe die überlegenen Goodyear-Reifen gehabt, er sei aber vor allem "psychologisch besser drauf" gewesen, lachte Steve Baker.

"Schotten braucht die neue Strecke"

Der MSC Rund um Schotten plant eine neue Rennstrecke - dem Vogelparkgelände bei Rudingshain gegenüber. Eine Multifunktionsanlage nicht nur für Motorsportler soll hier neben dem ehemaligen Schottenring entstehen. August Hobl ist noch auf dem alten Kurs gefahren und Stammgast auf dem neuen Kurs in der Innenstadt von Schotten. Hobl: "Der alte Schottenring entstand doch 1925 in Notzeiten, genau wie der Nürburgring oder der Sachsenring." Neue Strecken dort haben problemlos die Motorsporttradition fortsetzen können. Das gleiche erwartet Hobl auch von einem neuen, dann dritten Schottenring. "Schotten braucht die neue Strecke", zumal dort dann auch die schnelleren Maschinen um DHM-Punkte fahren könnten.

Meister im Pech

Die Gesamtsieger der Deutschen Historischen Motorradmeisterschaft 2008, Thomas Gimbel/Hans Hilß (Hasselroth/Kefenrod), haben in dieser Saison das Pech gepachtet. Schotten sollte die Premiere des mit einem neuen Motor versehenen 500er-BMW-Gespanns werden. Doch die beiden kamen nur drei Runden weit, ehe ein Pleuel abriss. Kapitaler Motorschaden, die Saison vorbei, ehe sie begonnen hat.

Das BMW-Gespann von 1968 hat eine "Vergangenheit". Es gehörte anfangs dem Schweizer Rudi Kurth, der in den 1970ern Motorsportgeschichte schreiben sollte mit seinen Fahrwerken, die vom Formel-Rennwagen-Chassisbau inspiriert waren. Wie kommt man ausgerechnet zum historischen Motorradrennsport, wenn man nicht vorher aktiver Lizenzrennfahrer war? Thomas Gimbels Antwort hört man öfter: "Ich war vor Jahren als Zuschauer in Schotten und da war es um mich geschehen."

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