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Schluss mit Leistungssport: Inka Dömges und ihre Mitspielerinnen vom NSC Watzenborn-Steinberg geben nach der Saison den Schläger aus der Hand und wollen sich neuen Lebensabschnitten widmen. (Foto: Vogler)

Neue Abschnitte nach drei Bundesliga-Jahren beim NSC

(cso) Im dritten Jahr bereits ziehen die Tischtennis-Amateure des NSC Watzenborn-Steinberg durch die Bundesrepublik. Die ungleichen Duelle mit den Profis gehören schon bald der Vergangenheit an, denn das Bundesliga-Team löst sich im Mai auf. Der Klub setzt wieder verstärkt auf den Breitensport.

Christine Engel sitzt vor und nach so manchem Auswärtsspiel im Bus und korrigiert Klausuren. Keine optimale mentale Vorbereitung für eine Bundesligapartie, aber nicht anders möglich. Engel arbeitet hauptberuflich als Gymnasiallehrerin. Die Wettkampf-Wochenenden sehen Fahrten nach Berlin, Kolbermoor und Böblingen vor. Der Stress ist vorprogrammiert. Im Mai soll Schluss damit sein. Für Engel und ihre Mitspielerinnen vom NSC Watzenborn-Steinberg ist die Luft nach drei Jahren im Oberhaus zu dünn geworden. Neue Lebensabschnitte, so die Pressemitteilung des Vereins, beginnen nach der Saison für das Quintett.

Als Lehrer-Trainerin tätig ist Inka Dömges, die sich am Sportinternat in Frankfurt auch um den Tischtennis-Nachwuchs kümmert. "Ich arbeite dort Vollzeit. Noch dazu wird es auch nicht besser mit den Verletzungen", sagt die 35-Jährige, die schon seit November an einer hartnäckigen Schulterblessur laboriert. Dömges – ursprünglich aus Kassel – schlägt seit zwölf Jahren für den Neuen Sportclub auf, hat also von den elf Zweitliga-Runden, die dem Aufstieg vorausgingen, nur zwei versäumt.

Ähnlich sieht es beim Rest der Truppe aus: Désirée Menzel beginnt im Rahmen des Jurastudiums ihr Referendariat, Sonja Bott studiert Physik. Und Angelina Gürz ist als Fitnesstrainerin im Bereich der betrieblichen Gesundheitsförderung nach einem normalen Arbeitstag oft körperlich schon so fertig, dass sie über zwei Tischtennis-Einheiten pro Woche gar nicht hinauskommt.

"Die Entscheidung kam nicht so überraschend", erklärt Martin Keizl, geschäftsführender Vorstand Sport beim NSC, vor diesem Hintergrund. "Es hatte sich bei der Besprechung vor einem Jahr schon abgezeichnet." Nun hat die Mannschaft dem Vorstand und Trainer Markus Reiter Ende Dezember ihren Entschluss mitgeteilt. Familie und Beruf stünden nun im Vordergrund. Fortsetzungen der Karrieren in einigen Jahren sind nicht ausgeschlossen, aber wohl nicht beim NSC.

Watzenborn stellt keine neue Mannschaft zusammen und verzichtet damit auch auf den Startplatz in der 2. Bundesliga. Die aktuelle zweite Mannschaft, derzeit auf Rang zehn in der Oberliga, wird also ab September zur ersten. "Wir sind in den letzten Jahren mit geringem finanziellen Aufwand ausgekommen. Jetzt müssten wir zu viel Geld in die Hand nehmen, selbst für eine konkurrenzfähige Zweitliga-Mannschaft", sagt Keizl, der gerne betont, dass man in Watzenborn mit hessischen Akteurinnen ausgekommen ist. Reiter ergänzt: "In Hessen stehen dann mit Anne Bundesmann und Janina Kämmerer nur noch zwei zweitligataugliche Spielerinnen zur Verfügung." Und die sind im Sommer erst mit dem TSV Langstadt in die 3. Liga aufgestiegen. Zu viele Negativbeispiele hätten gezeigt, dass es gefährlich ist, den Verein nur auf ein Profiteam auszurichten, so Keizl. Daher sei der Verzicht auf das Startrecht in der 2. Liga auch eine Entscheidung im Sinne des Breitensports gewesen.

Schließlich waren es genau diese Breitensportler, die die drei Jahre im Oberhaus ermöglicht haben. Viele Auflagen müssen erfüllt werden. Für die vorgegebene Helligkeit wurde die Installation einer Lichtanlage in der Garbenteicher Sporthalle nötig, allein die Umsetzung dieses Projekts war eine "organisatorische Meisterleistung des Vereins" (Reiter). Der Live-Ticker und der erhöhte Aufwand für Schiedsrichter sind zu stemmen, der Personalaufwand fürs Catering.

Höhepunkte im Doppel

Besonders viel Zeit verbringt Markus Reiter mit den Erklärungen, "warum drei Jahre lang 0:6-Resultate trotzdem ein Erfolg" waren und sind. "Das sind keine kleinen Kinder, von denen wir reden. Die Damen wussten, auf was sie sich einlassen. Sie wussten: Wir spielen gegen unsere Ikonen und können nicht gewinnen. Wenn ich mit der Einstellung ins Spiel gehe, dann fällt vieles schon mal leichter. Das ganze hat auch viel mit der Reife der Truppe zu tun", erklärt der Cheftrainer. "Wenn wir nur Doppel spielen würden, wäre die Mannschaft im Mittelfeld angesiedelt", sagt Reiter augenzwinkernd mit Blick auf die eine oder andere Überraschung durch die Kombination Gürz/Dömges.

Überhaupt waren die Höhepunkte vor allem im Doppel auszumachen. So rückte im ersten Bundesliga-Jahr die damals zwölfjährige Lea Grohmann aufgrund der Verletzung von Dömges für eine Partie in den NSC-Kader. Gegen die Leutzscher Füchse gewann sie an der Seite von Gürz in fünf Sätzen. Grohmann schlägt mittlerweile für den TTV Richtsberg auf und sicherte sich kürzlich den Hessentitel der Jugendlichen. Auch auf Schülerinnen-Ass Roxana Przondzion, derzeit im Hessenliga-Kader des NSC, hält Reiter große Stücke, weiß aber auch, dass für den begabten Nachwuchs spätestens in der Oberliga Schluss ist. "Es sei denn, die Sportlerin ist bereit, andere Wege zu gehen, Tischtennis an die erste Stelle zu stellen und die Schule an die zweite. Aber dafür muss auch das Umfeld stimmen. Für einen Verein alleine ist das kaum zu leisten ohne Internatsstrukturen."

Der Watzenborner Coach, der sich bereits intensiv mit dem Mädchen-Tischtennis befasst hat, sieht ein großes Problem im weiblichen Nachwuchsbereich, das in Hessen noch etwas ausgeprägter sei als im restlichen Bundesgebiet. Daran ändere auch das erst kürzlich abgesegnete Bonus-System nichts. "Ein Grund für den Rückgang der Teams ist die vielseitigere Orientierung der Mädchen. Sie haben oft mehrere Hobbys und Freizeitaktivitäten als Jungs."

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