Wieder einmal Vater des Erfolges: Wetzlars Trainer Kai Wandschneider. 	(Foto: ov)
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Wieder einmal Vater des Erfolges: Wetzlars Trainer Kai Wandschneider. (Foto: ov)

Von Musterschüler bis Sitzenbleiber

Handball-Bundesligist HSG Wetzlar im Halbjahrescheck. Andreas Wolff, Steffen Fäth und Maximilian Holst sind die Säulen des Teams.

Die HSG Wetzlar steht nach dem ersten Halbjahr der Saison 2015/16 so gut da in der Handball-Bundesliga wie noch nie zuvor in der Geschichte des Klubs. 25 Punkte und Platz sieben sind Rekord. Eine tolle mannschaftliche Geschlossenheit gepaart mit dem gewissen Etwas individuell starker Spieler hat für das Sensationsabschneiden gesorgt. Folglich positiv fällt das Halbjahreszeugnis der Mittelhessen aus.

Musterschüler

Andreas Wolff (24 Jahre alt, Torwart): Bärenstark, sensationell, unfassbar. Für den Keeper gehen allmählich die Adjektive aus. Daran ändert auch ein kleines Formtief zur Mitte der Hinserie nichts. Er hat sich schnell berappelt und fährt völlig verdient zur EM nach Polen. Angesichts der gezeigten Leistungen war es fast zu erwarten, dass der ehrgeizige Schlussmann den Verein schon im Juni 2016 verlässt. Sein Nachfolger steht schon fest: Benjamin Buric kommt ablösefrei aus Goronje Velenje.

Jannik Kohlbacher (20, Kreisläufer): Er ist eingeschlagen wie eine Granate. Der hochtalentierte Kreisläufer besticht mit seinem beeindruckenden Körper und seiner überragenden Athletik. Nicht umsonst nannte ihn Coach Kai Wandschneider jüngst den »Kugelblitz«. Seine Explosivität und Beweglichkeit haben ihm schnell einen Stammplatz eingebracht. Die HSG wird noch viel Freude am Neu-Nationalspieler haben und sollte sich bereits jetzt darum bemühen, den bis 2017 laufenden Vertrag zu verlängern.

Steffen Fäth (25, Rückraum links): Der Kapitän ist auch der Kopf der Mannschaft. Er ist kein Lautsprecher, aber er besticht durch seine Konstanz, seine Wurfkraft und mittlerweile auch durch seine spielerische Übersicht. Er hat ohne jeden Zweifel viel von Ivano Balic gelernt. Schafft es mittlerweile auch, sich nach einem schlechten Start während des Spiels zu stabilisieren. Seine EM-Nominierung ist folgerichtig. Am Saisonende muss die HSG den Preis für die gute Entwicklung zahlen: Fäth wechselt nach Berlin.

Maximilian Holst (26, Linksaußen): Holst läuft und läuft und läuft. Das Schöne daran: Er trifft und trifft und trifft. 131 Tore hat der Linksaußen bereits erzielt und belegt damit Rang drei der besten Schützen der Liga. Eine solche Entwicklung und Konstanz hatten dem trickreichen Flügelflitzer nach knapp eineinhalb Jahren Verletzungspause nur die wenigsten zugetraut. Doch Wandschneider wusste bei der Verpflichtung wohl um das schlummernde Potenzial des Rechtshänders. Hat der Gegenstoßstärke aus der Schmidt/Reichmann-Zeit neues Leben eingehaucht.

Kai Wandschneider (56, Trainer): Er hat es wieder einmal geschafft, aus einem neu zusammengewürfelten Haufen innerhalb kürzester Zeit eine harmonierende Mannschaft zu formen. Die HSG galt vor der Saison als abstiegsgefährdet. Angesichts von 25 Punkten waren diese Sorgen aber wohl unbegründet – auch wenn Wandschneider selbst von »Wahnsinn« und »Wunder« spricht. Er hat das absolute Optimum aus der Mannschaft herausgeholt und sich eigentlich schon jetzt den Titel »Trainer des Jahres« verdient.

Gutes Schuljahr

Evars Klesniks (35, Rückraum rechts): Er ist der Abwehrchef und hat sich mit seinem Partner im Mittelblock, Kristian Bliznac, nach Problemen zu Beginn der Saison deutlich gesteigert. In vielen Spielen war die Defensive ausschlaggebend für den Erfolg. Das ist das Verdienst von Klesniks, der sich als Anerkennung für seine Leistung die Vertragsverlängerung bis 2017 abgeholt hat. Im Positionsangriff spielt der Linkshänder keine Rolle, soll er auch nicht. Seine Laufwege und sein Selbstvertrauen in der zweiten Welle haben noch Optimierungspotenzial.

Kristian Bliznac (32, Rückraum links): Genau wie Klesniks »Mr. Zuverlässig« in der Deckung. Hat viel gearbeitet und hatte deswegen im November einen kleinen Hänger. Mit dem Derbysieg gegen Melsungen hat er aber bewiesen, dass trotz kräftezehrender Hinrunde immer noch Power im Akku ist. Seine Zukunft bei der HSG ist ungewiss, sein Vertrag läuft aus. Wetzlar hat ihm ein Angebot gemacht, aber Bliznac pokert noch. Allzu lange sollte sich der Schwede aber nicht mehr Zeit lassen.

Joao Ferraz (25, Rückraum rechts): Die Leistung, die der Portugiese über lange Zeit abgerufen hat, hatte ihm kaum jemand zugetraut. Der Nobody ist hervorragend angekommen. Erwartungsgemäß ist aber auch er vor die »Rookie-Wall« gelaufen. Trauriger Höhepunkt des Formtiefs waren die beiden Roten Karten in Göppingen und gegen Kiel innerhalb von vier Tagen. Zeichen der Müdigkeit und der fehlenden Frische. Die HSG-Ärzte haben dem Linkshänder, der seit drei Monaten unter Atemproblemen leidet, drei Wochen Sportverbot erteilt. Den Lehrgang der Nationalmannschaft hat Ferraz abgesagt.

Florian Laudt (31, Rückraum Mitte): Was der »Halbprofi« neben seiner Tätigkeit als Lehrer Woche für Woche auf die Platte bringt, ist unfassbar. Seine Spielweise ist nicht spektakulär, dafür aber geprägt von konzeptioneller Sicherheit. Schafft es immer wieder, seine Mitspieler in Szene zu setzen und in wichtigen Phasen (Crunchtime, Unterzahl) selbst Tore zu erzielen. Hat bei offensiven Deckungsvarianten des Gegners deutliche Vorteile gegenüber Teamkollege Mirkulovski und kann hervorragend decken.

Pflicht erfüllt

Nikolai Weber (35, Torwart): Hatte sich die Rückkehr zu seinem Herzensverein sicherlich anders vorgestellt und auf mehr Spielanteile gehofft. An Andreas Wolff war aber bisher kaum ein Vorbeikommen. Hatte oft die undankbare Aufgabe, kalt ins Spiel zu kommen. Umso erfreulicher, dass das Wetzlarer Urgestein beim Derbysieg gegen Melsungen mit vier Paraden in der Schlussphase maßgeblich zum Erfolg beitragen konnte. Gut für die Mannschaft, gut fürs Selbstvertrauen. Wird seine Chancen in der Rückrunde bekommen, vor allem, weil Wolff müde von der EM zurückkommen wird.

Sebastian Weber (29, Kreisläufer): Auf Weber ist Verlass. Hatte zu Beginn der Serie noch Vorteile gegenüber Kohlbacher, dann zog der Senkrechtstarter aber an ihm vorbei. Nichtsdestotrotz ein wichtiger Bestandteil des Teams, wie er gegen Melsungen bewies. Das Zusammenspiel mit Mirkulovski klappt noch nicht so gut, dafür das mit Steffen Fäth umso besser. Verschaffte Holst auf der ungewohnten Linksaußen-Position Verschnaufpausen.

Filip Mirkulovski (32, Rückraum Mitte): Plagte sich lange mit einer hartnäckigen Leistenverletzung herum und ist immer noch nicht wieder topfit. Deswegen sind Leistungen mit Vorsicht zu bewerten. Rieb sich häufig in Eins-gegen-eins-Situationen auf und trennte sich zu spät vom Ball. Muss aufpassen, nicht zu theatralisch zu fallen, wenn er angegangen wird. Zudem mit Problemen gegen offensive Deckungsvarianten. Kann sich aber definitiv noch steigern. Wandschneider vertraut ihm. Klar ist aber auch: Momentan hat Laudt die Nase vorne.

Hintere Reihe

Christian Rompf (29, Linksaußen): Für ihn bleibt bisher zumeist nur die Rolle des Zuschauers. Kommt auf lediglich 30 Minuten Einsatzzeit, erzielte dabei aber auch zwei Treffer. Holst spielt auf der linken Seite einfach zu stark.

Vladan Lipovina (22, Rückraum rechts): Bei seiner Verpflichtung hatten sich die Verantwortlichen mehr erhofft, doch seine Entwicklung stagnierte. Wandschneider attestierte ihm allerdings zuletzt, »auf dem richtigen Weg zu sein«, was er in den jüngsten Spielen auch unterstrich.

Guillaume Joli (30, Rechtsaußen): Der französische Weltmeister und Olympiasieger gibt bisher ein enttäuschendes Bild ab. Hat in 17 Einsätzen lediglich 16 Tore erzielt. Zudem mit Schwächen in der Verteidigung.

Tobias Hahn (28, Rechtsaußen): Litt lange unter einer Schambeinentzündung und kam daher wenig zum Einsatz. In den letzten Spielen erhielt er aber den Vorzug vor Joli. Hat körperliche Vorteile und kann auch als Einläufer für Gefahr sorgen. In der Abwehr ebenfalls mit Vorteilen gegenüber dem Franzosen.

Carlos Prieto (35, Kreisläufer): Für ihn bleibt nur die Nummer drei im Mittelblock hinter Klesniks und Bliznac. Trotz weniger Spielanteile verhält er sich laut Wandschneider äußerst professionell. Darf er mal ran, sitzt er häufig wegen Zwei-Minuten-Strafen auf der Bank. Ihm fehlt die Spritzigkeit auf den Beinen. Am Saisonende ist für ihn in Wetzlar Schluss.

Sitzen geblieben

Stevan Vujovic (25, Rückraum Mitte/Rückraum links): Er wurde Wandschneider als Fäth-Ersatz vorgesetzt. Absolvierte aber nicht eine Bundesliga-Minute, da der Trainer ihm die Tauglichkeit absprach. Der Vertrag wurde im Oktober folgerichtig wieder aufgelöst. Fabian Karpstein

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