Die Müllers gehen, der Erfolg aber bleibt

Die HSG Wetzlar bleibt in der Handball-Bundesliga in der Spur. Mit dem 38:32-Heimerfolg über den VfL Gummersbach hat die Mannschaft hervorragend auf die Ankündigung des vorzeitigen Abschieds der Müller-Zwillinge reagiert.

Im bezahlten Handball ist nicht genau bekannt oder wird auch selten hinterfragt, wie das so mit den – wie im Profifußball üblichen – Punkte- und Auflaufprämien ist. Sollte es diese auch in Kiel, Göppingen und Wetzlar geben, so muss sich der Finanzchef der Mittelhessen langsam Gedanken machen, was da alles noch an Zusatzzahlungen 2012/2013 auf ihn zukommen könnte.

Mit dem am Ende noch überzeugenden 38:32 (16:15)-Heimerfolg über Altmeister VfL Gummersbach am Samstag vor wieder gut 4000 Zuschauern haben die Grün-Weißen am 10. Spieltag jedenfalls schon mehr Punkte eingefahren als in der gesamten Vorrunde der Vorsaison. Dabei sind es gerade die limitierten finanziellen Möglichkeiten, die die Wetzlarer Verantwortlichen nach der Partie einräumten und die schlussendlich dazu führen, dass die Brüder Philipp und Michael Müller im kommenden Sommer dem Lockruf des Geldes folgen und die Mittelhessen vorzeitig verlassen werden â?" in Richtung MT Melsungen. Die Samstag-Veröffentlichung dieser Zeitung wurde somit bestätigt.

Die Müllers gehen, der Erfolg aber bleibt. Nach der Pokal-Niederlage in Bad Schwartau und diesen vor dem Spiel publik gewordenen Personalien war für HSG-Trainer Kai Wandschneider dieser Sieg keineswegs eine Selbstverständlichkeit. "Wir sind klar im Kopf geblieben", lobte er sein Team dafür, die letzten drei, vier Tage ausgeblendet zu haben.

Michael Müller, wie befreit und elektrisch aufgeladen wirkend und mit neun Treffern extrem durchsetzungsstark, befand, dass sich die Verkrampfung nach dem Pokal-Aus und den Turbulenzen um die eigene Personalie erst spät gelegt hatte: "Wir haben lange die Big Points liegen lassen, aber noch rechtzeitig zu unserem Spiel gefunden."

Die Erinnerung spielte dem 28-Jährigen, der wegen des Ausfalls von Daniel Valo die halbrechte Seite 60 Minuten lang beackerte und sich mit Gummersbachs Linkshänder-Pendant Adrian Pfahl ein hochinteressantes Fernduell lieferte, keinen Streich. Die beiden vergebenen Siebenmeter von Kevin Schmidt (2.

) und Adnan Harmandic (15.) sowie die ausgelassenen freien Wurfchancen von Michael Müller (5.), Jens Tiedtke (7.) und Steffen Fäth (19.) verhinderten in der Anfangsphase der Partie eine durchaus mögliche Vier- oder Fünf-Tore-Führung.

So führte der wenig schöne, dafür aber enorm körper- und zweikampfbetonte Eins-gegen-eins-Handball zu einem offenen Schlagabtausch, der bis tief in die zweite Halbzeit hinein die Frage nach dem Sieger offen ließ. Bis zum 22:20 der Gummersbacher in der 39. Minute hinterließen die Oberbergischen optisch sogar den besseren Eindruck.

Im Schlussdrittel aber trat die Wende für Wetzlar ein, in welchem plötzlich wieder die Souveränität und Brillanz der ersten Saisonwochen zum Vorschein kam. Für Philipp Müller, der von Halblinks auch siebenmal traf, waren "unser Wille in der Abwehr und die hohe Trefferquote" entscheidend für den Heimerfolg.

Gummersbachs Trainer Emir Kurtagic, dessen Mannschaft mit ihrer Beweglichkeit in der Abwehr und ihren anderthalb Spielmachern im Angriff (Mahe, Schindler) die Wetzlarer lange hatte beeindrucken können, ärgerte sich über "zwei Minuten im zweiten Abschnitt, in denen wir in unser Verderben gerannt sind". Der VfL-Coach ging damit auf jenen Wetzlarer 5:0-Torelauf ein, der das Wandschneider-Team vom 20:22-Rückstand (39., Schindler) mit dem 25:22 (43., Reichmann) zurück in die Erfolgsspur brachte.

"Am Ende hat uns Wetzlar mit der zweiten Welle überrollt", ärgerte sich VfL-Youngster Kentin Mahe über die Höhe der Niederlage nach dieser eigenen zwischenzeitlichen 22:20-Führung (39.), "wir haben nur 50 Minuten gut gespielt, das reicht eben nicht."

Gerade wegen der zu den Außen hin verlagerten Spielstärke des VfL hielt Wetzlars Trainer Kai Wandschneider lange an der 6:0-Deckung fest, die er "über 60 Minuten hinweg überragend" gesehen hatte. Dennoch fehlte gerade gegen Christoph Schindler oder Adrian Pfahl bis zur 40. Minute der entscheidende halbe Meter beim Heraustreten, um deren Schlag- und Unterhandwürfe konsequenter unterbinden zu können.

Als diese entscheidenden Abwehr-Zentimeter nicht mehr fehlten, gleich zu Beginn der zweiten Hälfte Michael Müller mit einem wunderbaren Kempa (18:18, 33.) und Jens Tiedtke vom Kreis (19:18) sogar in Unterzahl trafen und in der 40. Minute endlich auch Torhüter Nikolai Weber spektakulär die Hand an einen Ball brachte, waren die Wetzlarer bereit, ihr Glück zu erzwingen. Die nächste Glanztat von Nikola Marinovic gegen den frei durchgebrochenen Barna Putic beim 31:28 in der 53. Minute machte endgültig den Weg frei für die Mittelhessen, die nur drei Minuten später mit dem Gegenstoß-35:28 von "Air" Reichmann die Halle Kopf stehen ließen.

Dank der 16 Treffer der Brüder Müller, die den Handball-Charaktertest auf dem Parkett mit Bravour bestanden, und eines nicht zu bremsenden Kevin Schmidt, der mit seinen Kunst- und Trickwürfen von Linksaußen für die Höhepunkte des Spiels gesorgt hatte.

HSG Wetzlar: Marinovic, Weber; Schmidt (10/4), Fridgeirsson, Tiedtke (3), Rompf (n.e.), Mraz, Philipp Müller (7), Reichmann (4), Fäth (3), Michael Müller (9), Harmandic (1), Kristjansson (1).

VfL Gummersbach: Ristovski, Rezar; Mladenovic (1), Schindler (4), Kopco (1), Krause (2), Putics (4), Lützelberger (2), Teppich (n.e.), Mahe (4), Pfahl (7), Gaubatz, Sprem (1), Zrnic (6/1).

Im Stenogramm / SR.: Harms/Mahlich (Stendal). - Z.: 4000. - Zeitstrafen: Harmandic (33.), Philipp Müller (15.), Michael Müller (37.), Tiedtke (32./alle Wetzlar); Krause (37.), Mahe 88., 57.), Kopco (12., 45., alle Gummersbach). - Siebenmeter: 6/4:1/1. - Torfilm: 6:3 (10.) Michael Müller, 8:8 (15.) Zrnic, 16:14 (29.) Reichmann; 20:22 (39.) Schindler, 25:22 (43.) Reichmann, 30:26 (50.) Philipp Müller, 30:28 (51.) Mahe, 35:28 (56.) Reichmann, 38:32 (Endstand). Ralf Waldschmidt

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