Vor 30 Jahren, ein Blick zurück auf den 22. Januar 1986: Das Monte-Tagebuch von Manfred Möll.
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Vor 30 Jahren, ein Blick zurück auf den 22. Januar 1986: Das Monte-Tagebuch von Manfred Möll.

"Die Monte – die Mutter aller Rallyes"

(mam) Die Rallye Monte Carlo gilt als "Mutter aller Rallyes", der Mythos lässt sich mit keiner anderen Rallye der Welt vergleichen. An diesem Donnerstag startet mit Reiner Hahn (Lich) und Stefan Schork (Queckborn) vom MSC Horlofftal wieder ein heimisches Team bei der wohl berühmtesten Rallye der Welt. Wir schauen zurück.

Der Rallyesport hat sich gewandelt, und das lässt sich an der Rallye Monte Carlo besonders gut darstellen. Als 1911 die Rallye erstmals durchgeführt wurde, war in erster Linie die Zuverlässigkeit gefragt. Und so war es für ein halbes Jahrhundert. Von mehreren Startorten in Europa aus ging es nach Monaco. In den Seealpen und im Hinterland von Monaco wurden Passstraßen gefahren. In manchen Jahren kamen nur ein Dutzend Fahrer im Ziel in Monaco an, der Rest steckte irgendwo im Tiefschnee fest. An dem Konzept änderte sich lange nichts.

Ab den 1960er Jahren war aus der Zuverlässigkeitsfahrt aber ein immer schnelleres Straßenrennen geworden. Nach der Sternfahrt von den ursprünglichen Startorten – darunter auch mal Rom, Barcelona, Paris oder Saragossa und Mailand – trafen sich die Rallyeteams an einem Sammelpunkt in den Seealpen oder links der Rhone in der Ardèche, wo dann die eigentlich Rallye erst begann. Die kurvenreichen Strecken der Wertungsprüfungen waren natürlich abgesperrt. Zehntausende Zuschauer hatten sich mit Baguette und Rotwein ausgerüstet und auf den schönsten Streckenabschnitten mit ihren Fotoapparaten schon Stunden vorher in Position gebracht.

Die Rallye führte insgesamt über fünf Tage, vollgepackt mit langen Wertungsprüfungen bei Tag und Nacht. Für Schlaf blieb nur wenig Zeit, die Pausen waren kurz. Von den insgesamt 300 Startern wurden nur noch die besten Hundert für die letzte 24-Stunden-Etappe zugelassen. Die "Nacht der langen Messer" führte in zwei Durchgängen jeweils von Monaco durch die Seealpen bis zum 1600 Meter hohen Col de Turini und wieder zurück. Trockener Asphalt im Tal, Schneematsch auf den Steigungen und komplett zugeschneite oder vereiste Passhöhen ließen die Reifenwahl zum Roulette werden. Die einzelnen Strecken waren teilweise bis zu 50 km lang, insgesamt wurden bei einer "Monte" 900 km auf Bestzeit gefahren.

Deutscher Startort war Bad Homburg. Man startete direkt vor der Spielbank im Kurpark. Bis in die 1980er Jahre kamen über 10 000 Zuschauer zum Start in den Taunus, wo es an einem winterkalten Samstagmorgen eigentlich nichts zu sehen gab, außer 30 bis 40 Autos und natürlich einige der Stars, die bereitwillig Autogramme schrieben. Und Walter Röhrl war einer von ihnen. Er gewann die Rallye Monte Carlo insgesamt viermal – und das mit vier verschiedenen Autos: 1980 auf Fiat 131 Abarth, 1982 auf Opel Ascona 400, 1983 auf Lancia 037 und 1984 auf Audi quattro.

Das Problem in dieser Zeit: Der Rallyesport wurde in den 1970er und 1980er Jahren schneller und schneller. Der Motorsportweltverband FIA ließ auf Wunsch und Druck der Industrie nicht nur Großserienfahrzeuge zu, sondern homologierte auch Kleinserien von zuerst 400 Stück, dann 200. Zuletzt mussten nur noch wenige Evolutionsmodelle homologiert werden, die über extreme Spoiler verfügten. Mit Peugeot 205T16, Audi Sport quattro S1, Ford RS200, MG Metro 6R4 und Lancia Delta S4 brachten die Werksteams Formel-1-Fahrleistungen auf schmale Sträßchen mit Bäumen und Schluchten links und rechts. Hunderttausende pilgerten zu den Rallyepisten, doch furchtbare Unfälle häuften sich. Es gab tote Zuschauer und zahlreiche tote Rallyefahrer.

Ende der Gruppe B

Nach der Korsika-Rallye 1986 kam endlich das Verbot der Gruppe-B-Monster, die mit ihrem Allradantrieb und rund 600 PS bei extrem niedrigen Gewicht auch absoluten Experten am Steuer Angst machten.

Bei der Korsika-Rallye war mit dem Finnen Henri Toivonen wieder einer der Top-Stars gestorben. Er hatte gut drei Monate zuvor noch die letzte Rallye Monte Carlo des alten Stils mit dem Lancia Delta S4 gewonnen. Umdenken setzte ein. Nach dem "Downsizing" hatten die Fahrzeuge zwar nur noch 250 PS und waren schwerer, aber immer bessere Fahrwerke und Reifen egalisierten die schwächere Motorleistung.

Das Konzept der "Monte" wurde erst Mitte der 1990er Jahre beschnitten. Gefahren wurde nur noch bei Tageslicht. Die Starterzahlen schrumpften gewollt. 2009 war die Monte sogar aus dem WM-Terminkalender gestrichen worden.

Heute ist das Starterfeld limitiert, es sind 89 Teams gemeldet. Die Anreise mit der sportlich anspruchslosen, aber gewerteten Sternfahrt gibt es schon lange nicht mehr, aber eine Schlussetappe mit limitiertem Teilnehmerfeld hat der Automobilclub Monaco wieder im Programm. Die 60 besten Teams der ersten Etappen dürfen mitfahren. Die Entscheidung über Sieg oder Platz bei der Monte 2016 fällt auf insgesamt 375 WP-Kilometern bei einer Gesamtstrecke von etwas weniger als 1500 km. Die auf Bestzeit zu fahrenden Strecken liegen in den Seealpen links und rechts der Route Napoléon zwischen Grenoble und der Côte d’Azur.

Napoleon nahm 1815 diese Straße (heute N85), als er von Elba kam und für kurze Zeit die Macht in Frankreich wiedererlangte. Er kam auch durch Gap, den jetzigen Dreh- und Angelpunkt der Rallye Monte Carlo, wo jetzt der große Servicepark eingerichtet wird und die Teams entscheiden müssen, ob sie Racing- oder Spikes-Reifen aufziehen. Die Monte 2016 stellt höchste Ansprüche an Fahrer und Fahrzeuge. Der Mythos lebt.

Mittelhessen am Start

Viele heimische Motorsportler fahren seit Jahren als Zuschauer zur Monte, manche waren schon mehr als 20-mal in den Seealpen und Monaco und haben den ganz Großen des internationalen Rallyesports bei der Zeitenjagd zugesehen. Aktiv waren nur wenige dabei, das aber mit beachtlichen Leistungen. Vor exakt 30 Jahren – damals gewann Henri Toivonen, Walter Röhrl belegte Platz vier – schafften Rüdiger Hahn (Bad Ems) und Manfred Möll (Röthges) mit einem von Klaus Fritzinger vorbereiteten Toyota Corolla GT den 20.

Platz in der Gesamtwertung und erinnern sich noch gerne an die Siegerehrung durch Fürst Rainier und Prinzessin Caroline am Fürstenpalast sowie an die regelmäßige Berichterstattung der "Gießener Allgemeinen" im "Monte-Tagebuch". Die Platzierung war Lohn für die Mühen und Strapazen nach vier Wochen Training.

Erfolgreichster Teilnehmer aus heimischer Sicht war bisher Michael Gerber (Lich). 1989 wurde er zusammen mit seinem Co. Peter Thul 17. in der Gesamtwertung und bestes deutsches Team überhaupt. 1990 landeten beide auf Platz 18 und wurden bestes deutsches Privatteam. 1991 fielen sie mit Motorschaden aus.

1995 scheiterte Elke Marie Löhnerz vom MSC Horlofftal mit ihrem Mini an der Qualifikation für die letzte Etappe. Noch weiter zurück liegt der Einsatz von Fahrlehrer Hubert Terberl vom AMC Gießen, in dessen Geschäft in der Marburger Straße man früher die Übersetzungsrädchen für den Tripmaster-Wegstreckenzähler kaufte. 1977 ging er mit Heinz Gellert im Opel Kadett GT/E mit Startnummer 115 von Bad Homburg aus auf die Strecke, erreichte aber das Ziel nicht.

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