Möglichkeiten ausgelotet

Länderspiel-Zeit in Wetzlar. Nichts Ungewöhnliches mehr seit der Weltmeisterschaft 2007 und dem Bulgarien-Auftritt vor fünf Jahren. Die Rittal-Arena war beim sorgenlosen 36:22 (19:7)-Erfolg der deutschen Nationalmannschaft über die Schweiz dennoch ausverkauft und stimmungsvoll.

Länderspiel-Zeit in Wetzlar. Nichts Ungewöhnliches mehr seit der Weltmeisterschaft 2007 und dem Bulgarien-Auftritt vor fünf Jahren. Die Rittal-Arena war beim sorgenlosen 36:22 (19:7)-Erfolg der deutschen Nationalmannschaft über die Schweiz dennoch ausverkauft und stimmungsvoll. Die deutschen Handballer spielen gerne ihren 4412 Anhängern aus dieser Region vor, wobei es beiden schnurzpiepegal ist, ob es sich nun nur um ein Testländerspiel gegen die Nummer 25 der Welt oder ein bedeutsames Qualifikationsspiel handelt.

Dass Bundestrainer Martin Heuberger aus den unterschiedlichsten Gründen sechs, sieben Stammkräfte fehlten, tat dem Länderspiel-Flair keinen Abbruch. Auch an der handballerisch von der ersten bis zur letzten Minute demonstrierten Überlegenheit der DHB-Auswahl änderte das nichts. "Die Jungs haben das gut gemacht", war Heuberger zufrieden.

Die Wetzlarer Flügelzange Tobias Reichmann/Kevin Schmidt funktionierte bei zusammen 14 Treffern tadellos, Torhüter Silvio Heinevetter parierte sich im krassen Gegensatz zu den Berliner Bundesliga-Auftritten schon in der Anfangsviertelstunde in die Herzen der mittelhessischen Zuschauer, Schweiz-Legionär Christian Dissinger gab ein vielversprechendes Debüt und der Melsunger Felix Danner bildete auf der Roggisch-Position mit dem Kieler Patrick Wiencek einen stabilen Innenblock.

Über den Spielausgang und das Ergebnis musste nicht lange diskutiert werden. Dem 3:0-Blitzstart nach einem erfolgreichen Gegenstoß von Tobias Reichmann (4.) folgte die erste Zehn-Tore-Differenz nach 22 Minuten beim Zweite-Welle-16:6 des Gummersbachers Adrian Pfahl. Bis zum 30:20 in der 50. Minute waren es mal ein Tor mehr oder weniger Differenz (Heuberger: "Da haben wir ein wenig die Konzentration verloren"), ehe der Schlussspurt der DHB-Auswahl letztendlich auf den 14-Tore-Erfolg erhöhte.

Gegen die mit den beiden Bundesliga-Kräften Manuel Liniger (HBW Balingen/Weilstetten) und David Graubner (TV Großwallstadt) angetreten Schweizer setzten die unbekümmerten Heuberger-Schützlinge einige spielerische Glanzlichter. Dazu gehörten die atemberaubend-millimetergenauen Gegenstoß-Pässe von Torhüter Silvio Heinevetter (u.a. 6:3, Reichmann, 8.), der Kleingruppen-Dreier mit einem gedankenschnellen Martin Strobel, einem in Volleyball-Manier pritschenden Christian Dissinger und einem verwertenden Patrick Wiencek /7:3, 9.), das konsequente Antritt-Spurt-Abschluss-Gegenstoßverhalten (15:6, Schmidt, 20.), der Schmidt/Reichmann-Doppelpass zum 25:13 (40.), der Sellin-Kempa auf Weinhold-Pass zum 28:17 (47.) sowie als krönender Abschluss der erfolgreiche erweiterte Gegenstoß von Kai Häfner auf einen sehenswerten Bodenpass vom Berliner Rechtsaußen Johannes Sellin zum 34:21 vier Minuten vor dem Abpfiff.

Getreu dem Höhner-Hit "Wenn nichts jetzt, wann dann?" waren die 60 Minuten alles andere als ein Muster ohne Wert. Gegen die Schweiz wurden die eigenen Möglichkeiten ausgelotet. Die der 6:0-Abwehr ohne Oliver Roggisch, die sehr beweglich, superstark auf den Beinen war und schneller verschob, als die Schweizer passen konnten. Ob defensiv oder offensiv ausgerichtet, wurde der Kontrahent schon hier unter Druck gesetzt und der Grundstein für das umschaltende Gegenstoßspiel gelegt. Mit Christian Dissinger und Steffen Weinhold tauchten wiederholt Halbspieler auf der Rückraum Mitte auf und erweiterten die Möglichkeiten der Spielführung. Und dass der Weg das Ziel des nunmehr um den Hüttenberger Jan Gorr erweiterten Trainerteams ist, belegte in nahezu jeder Phase die taktische Ausrichtung, die über Spielzüge und Kombinationshandball statt über individuelle Klasse den Torerfolg sucht.

Das reduziert die Anfälligkeit bei Ausfällen, wie sie einst Heiner Brand hatte, wenn ein Pascal Hens fehlte. Es waren diese Feinheiten, die das Wetzlarer Länderspiel am Samstag hochinteressant machten. Das permanente Bearbeiten des Gegners in der Deckung, die Angriffsabläufe bis zur sich ergebenden Wurfchance. Natürlich dürfte dies in Drucksituationen und gegen andere Handball-Kaliber (noch) ganz anders aussehen, die Handschrift des Bundestrainers wird aber immer deutlicher. Ganz besonders beim Gegenstoß, bei dem vom Bewegungsablauf her Frontalangriffe auf den Torhüter Geschichte sind.

Einer aber musste passen: Steffen Fäth, der sich im Training eine Kapselverletzung im Daumen der Wurfhand zuzog und der deswegen nicht zum Einsatz kommen konnte. Um diesen bangt nun auch die HSG Wetzlar am Mittwoch bei der SG Flensburg/Handewitt.

Ralf Waldschmidt

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