Ein gut gelaunter Thomas Böhme beim Fachsimpeln mit Redakteur Wolfgang Gärtner. 	(ras)
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Ein gut gelaunter Thomas Böhme beim Fachsimpeln mit Redakteur Wolfgang Gärtner. (ras)

20 Minuten auf einem Rad

(gae) Ein Franke in Mittelhessen. Thomas Böhme fühlt sich wohl – in seinem Wohnort Atzbach, beim RSV Lahn-Dill und im Kreis seiner Teamkameraden. Er hat sich im Rollstuhlbasketball zu einem europäischen Spitzenspieler entwickelt.

Thomas Böhme ist mit Leib und Seele Fan des Fußball-Zweitligisten 1. FC Nürnberg. Stunden zuvor fiebert der 23-Jährige dem Montagabendspiel seiner »Clubberer« gegen den VfL Bochum entgegen und plaudert in seiner Wohnung, die er sich mit Teamkollege Marco Zwerger teilt, über sein ereignisreiches Leben. Vor fünf Jahren ist der mit einem offenen Rücken geborene gebürtige Bayreuther zum RSV Lahn-Dill gestoßen. Seitdem hat er sich im Team des Rollstuhlbasketball-Bundesligisten von Saison zu Saison verbessert. Der pfeilschnelle Flügel- und Aufbauspieler ist mittlerweile ein Leistungsträger im Team von Trainer Nicolai Zeltinger. Im letzten Jahr klopfte sogar Champions-League-Sieger Galatasaray Istanbul an seine Tür, winkte kräftig mit Geldscheinen, um ihn an den Bosporus zu locken. Böhme widerstand der Versuchung. Der Nationalspieler verlängerte daraufhin vorzeitig seinen Vertrag beim RSV bis 2016, mit dem er in dieser Spielzeit das Triple – deutsche Meisterschaft, deutscher Pokal und die Champions-League-Krone – holen will.

Liebäugeln Sie wirklich mit dem europäischen Titel?

Thomas Böhme: »Nachdem wir uns im letzten Jahr international auf den dritten Platz zurückgekämpft haben, wollen wir in Italien (Giulianova) angreifen und am Ende wieder ganz oben stehen. Die Mannschaft hat sich weiterentwickelt und ist eingespielt.Wir sind alle erfahrener geworden. Wir haben aber eine schwere Gruppe erwischt mit Galatasaray Istanbul, mit Rom und Cantu. In der Staffel müssen wir mindestens Platz zwei belegen. Dann ist alles möglich, dann könnte es mit dem Titel klappen.«

Am Samstag kann der RSV den ersten Titel holen. Mit Team Thüringen haben Sie im Halbfinale des DRS-Pokals aber einen ebenbürtigen Gegner vor der Brust?

Böhme: »Wir haben gegen sie einmal gewonnen und einmal verloren. Die haben schon eine super Mannschaft. Das wird spannend, womöglich entscheidet die Tagesform. Wenn wir das abrufen können, was wir in den letzten Wochen gespielt haben, besitzen wir vielleicht einen kleinen Vorteil.«

Team Thüringen hat eine große Bierbrauerei als Sponsor und einige Spitzenspieler im Kader. Was verdient denn so ein »Star«?

Böhme: »Das ist ganz unterschiedlich. Die Türkei, also Galatasaray, zahlt Wahnsinnsgehälter.«

In welchem Bereich bewegen die sich?

Böhme: »Man hört da so zwischen vier und sechstausend Euro im Monat.«

Brutto oder Netto?

Böhme: »Wie man hört Netto, auf die Hand.«

Das ist doch für den Rollstuhlbasketball sicher nicht üblich?

Böhme: »Vom Finanziellen sind die Türken da schon eine ganz andere Liga. Aber ich weiß nicht, ob die anderen Strukturen so sind wie bei uns. Bei uns sind die namlich absolut professionell.«

Was machen Sie noch neben dem Rollstuhlbasketballspielen?

Böhme: »Ich studiere noch Bewegung und Gesundheit in Gießen. Das ist eine Art Sportwissenschaft.«

Und wie händeln Sie dann das mit dem praktischen Sport bei diesem Studium?

Böhme: »Das ist fast alles theoretisch. Wir machen dabei nur ganz wenig Sport. Wir hatten zum Beispiel den Themenbereich Krafttraining – und da mussten wir Übungen machen. Die meisten konnte ich absolvieren, die für die Beine haben wir dann bei mir weggelassen.«

Dass Sie kräftemäßig einiges draufhaben, kann man bei einem Video von Ihnen auf der Internetseite von »Men’sHealth« sehen (www.menshealth.de/fitness/thomas-boehme-bleibt).

Böhme: »2012 vor den Paralympics in London kamen die auf mich zu und haben eine Story über mich gemacht.«

Und wie entstand das Video?

Böhme: »Die haben mich nach Berlin eingeladen und dort drehten wir in einer kleinen Basketball-Halle. Ich sollte mal zeigen, was ich mit dem Stuhl alles kann. Da bin ich rund 20 Minuten auf einem Rad gefahren, mit einer Hand am Stuhl und in der anderen Hand hielt ich den Basketball. Das hat aber auch sehr viel mit Balance zutun. Das war schon ein cooles Erlebnis.«

Welcher Trainingstyp sind Sie?

Böhme: »Ich bin ehrgeizig. Ich bin selten zufrieden mit mir, auch wenn es ein gutes Spiel war, ich finde immer irgendetwas, an dem ich mich noch verbessern kann. Ich mache noch Zusatzeinheiten, stehe dann um 7 Uhr auf, damit ich um 8 Uhr in der Halle bin.«

Haben sich die Extraeinheiten im Spiel bemerkbar gemacht?

Böhme: »Ich merke das – auf jeden Fall, Mein Wurf ist sicherer geworden. Das hat geholfen.«

Auf welcher Position fühlen Sie sich am wohlsten?

Böhme: »Da bin ich absolut flexibel, ich spiele dort, wo ich hingestellt werde.«

Gibt es ein Angriffssystem, was speziell auf Sie zugeschnitten ist?

Böhme: »Bei uns ist es so, dass Mike (Paye) Option Nummer eins ist. Er wird vom Gegner meistens gejumpt, sodass die anderen mehr Platz haben. Oder wenn wir merken, einer von uns hat gerade einen guten Lauf, dann spielen wir natürlich über den. Da sind wir sehr variabel, und das macht uns gefährlich, da wir drei bis vier Spieler auf dem Feld haben, die scoren können. Das stellt uns auch von der Breite her gut auf.«

Gibt es bei Ihnen ein Ritual vor dem Spiel?

Böhme: »Nicht bewusst. Ich esse gerne Nudeln vor dem Spiel, aber sonst halte ich mich nicht an ein Ritual.«

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