Felix Nolte (Nummer 14) und Eintracht Stadtallendorf spielten zuletzt 2018/19 in der Regionalliga Südwest. FOTO: VOGLER
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Felix Nolte (Nummer 14) und Eintracht Stadtallendorf spielten zuletzt 2018/19 in der Regionalliga Südwest. FOTO: VOGLER

Menschlich eine Bereicherung

  • Sven Nordmann
    vonSven Nordmann
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Trainiert wird bei Eintracht Stadtallendorf seit jeher am frühen Abend, ebenso viel Wert legt Trainer Dragan Sicaja auf Empathie und Charakterstärke. So stellt der mittelhessische Fußball-Regionalligist vor der neuen Saison als Gegenentwurf zum Profitum eine echte Bereicherung dar.

Den 53-jährigen Trainer von Eintracht Stadtallendorf erreichen wir in seiner Mittagspause als Industriekaufmann. Vollzeit arbeitet Dragan Sicaja, um den TSV anschließend im "Nebenjob" für die neue Saison in der Fußball-Regionalliga Südwest zu präparieren. Auch sein derzeit verletzter Kapitän Kevin Vidakovics absolviert ein duales Studium im Maschinenbau und sagt: "Bei den meisten Vereinen auf diesem Niveau wäre das in dieser Form sicherlich nicht möglich."

In Stadtallendorf ist eben vieles ein bisschen anders: Menschlichkeit, Charakterstärke, Zusammenhalt - nur mit diesen Eigenschaften besteht der Verein, der nach zwei Jahren Viertklassigkeit im Sommer 2019 in die Hessenliga abstieg und von dort über den Saisonabbruch als Meister wieder in die Regionalliga aufstieg. In Stadtallendorf wird am frühen Abend trainiert, professionell sind daher nicht die Trainingszeiten, sondern die Einstellung. Mit einem Gastspiel beim TSV Schott Mainz beginnt die Herausforderung Klassenverbleib am 6. September.

Das ist neu:Neben der Tatsache, dass bislang nur 250 Zuschauer ins Herrenwaldstadion dürfen, gibt’s auch personell einige Neuigkeiten. Vom FSV Fernwald kommt der 27-jährige Mittelfeldspieler Kevin Bartheld, vom FC Gießen der 29-jährige Defensivallrounder Christopher Schadeberg. "Ein unterschätzter, charakterstarker Spieler", lobt Trainer Sicaja. Dem Coach waren bei der Auswahl der Neuzugänge zwei Dinge wichtig: "Dass ich überzeugt davon bin, dass sie uns besser machen und dass sie menschlich zu uns passen." So konnte der 19-jährige Mittelfeldspieler Ibrahim Mirza Aral, gekommen aus der Regionalliga Nordost, in Testspielen bereits auf sich aufmerksam machen. Vom FC Eddersheim kommt der 23-jährige Zentrumspieler Malcolm Philipps. Ansonsten gibt die Eintracht wie gewohnt Talenten, aus unteren Ligen gekommen, eine Chance, sich in der vierten Liga zu beweisen.

Das ist geblieben:Kontinuität wird groß geschrieben am Herrenwaldstadion. Seit bald einem Jahrzehnt ist Sicaja ohne Unterbrechung Coach in Stadtallendorf. "Ich habe nie darüber nachgedacht, den Verein für ein paar Euro mehr innerhalb der Liga zu wechseln. Darüber würde ich mir nur bei einem außergewöhnlichen Angebot aus dem Profibereich Gedanken machen." Der 30-jährige, verteidigende Kapitän Vidakovics geht in seine elfte Saison für den TSV, viele Akteure wie Kristian Gaudermann (Wetterfeld, seit 2016 im Verein) oder Laurin Vogt (Frankenberg, seit 2014 im Verein) zählen zum festen Inventar des TSV.

"Dragan passt als Trainer wie die Faust aufs Auge zum Verein", sagt der heute 59-jährige Eike Immel. Der ehemalige Nationaltorhüter coacht seit 2019 die Torhüter des Viertligisten. "Die Eintracht ist mein Heimatverein, Stadtallendorf mein Heimatort", sagt Immel. "Ich habe als Berater zwei Jahre lang gesehen, mit welchem Engagement sich die Menschen für die Eintracht einsetzen. Ich hatte mich daher dazu entschieden, dem Verein etwas zurückzugeben." Immer noch im Kader: Der 41-jährige Gießener Gino Parson.

Stärken:Drei Teams wiesen in der vorzeitig beendeten Hessenligasaison mehr Tore auf, drei Mannschaften kassierten weniger Gegentore als Stadtallendorf. Trotzdem wurde das Team Meister - es ragt selten heraus, ist durch seinen Teamgeist aber extrem zäh und unbequem.

"Im Einzelnen sind wir nicht unbedingt besonders", sagt Trainer Sicaja. "Aber in einer funktionierenden Gruppe kannst du viel erreichen. Ich wundere mich immer, wenn die Rede davon ist, dass sich Trainer schnell verbrauchen. Ich arbeite seit fast zehn Jahren mit Kevin Vidakovics zusammen und mein Vertrauen zu ihm wird immer größer. Nur wenn die menschliche Komponente fehlt, verbraucht sich etwas." Es ist letztlich die größte Stärke von Stadtallendorf. Viele Spieler kennen die Regionalliga Südwest zudem schon.

Schwächen:Nur wenn die Eintracht als Team funktioniert, wird sie die Klasse halten können. "Wir haben individuell nicht die Qualität wie die meisten anderen Mannschaften in der Liga", räumte der Kapitän gegenüber der "Oberhessischen Presse" neulich ein. Da Stadtallendorf zudem auf "Feierabendfußball" setzt und von seiner Körperlichkeit und Laufstärke lebt, wird es spannend sein zu beobachten, wie das Team mit der 42 Spieltage währenden Mammut-Saison zurechtkommt und ob Ausfälle von Leistungsträgern wie nun von Vidakovics ausbleiben bzw. die Ausnahme bleiben.

Der Fahrplan bis zum Start:Nach dem Test gegen den heimischen Hessenligisten SC Waldgirmes am vergangenen Wochenende (4:0-Sieg) und dem überraschenden Kreispokal-Aus unter der Woche beim FSV Cappel (2:3) steht am Sonntag noch ein Spiel gegen Kickers Offenbach an. Einen Tag später als der Rest der Liga, am 6. September, startet die Eintracht bei Mitaufsteiger Schott Mainz in die neue Saison. FOTOS: DPA/PM

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