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Martin Kelch hat 2013 einen Triathlon absolviert und fühlt sich momentan auf den Laufstrecken zu Hause. (Fotos: privat)

Martin Kelch: "Ich gleiche Sehkraft durch Willen aus"

Obwohl Martin Kelch aus Mücke laut Gesetz blind ist, will er Ende Januar einen Ultra-Marathon über 50 Kilometer laufen. Der Familienvater lässt sich von seiner Erkrankung nicht aufhalten. Und sagt sich: "Immer weiter, immer mehr."

Wer Martin Kelch reden hört, kommt nicht auf den Gedanken, dass er nur zwei bis drei Prozent Sehkraft besitzt und laut Gesetz blind ist. Den Ultra-Marathon in Rodgau Ende Januar will er absolvieren, 50 Kilometer also im Strom vieler anderer Sportler. "Ich hoffe, dass ich nach 20 Kilometern denke: Puh, das ging bis hierhin aber gut. Wenn der Rücken und die Beine anfangen werden, wehzutun, dann werde ich mir sagen: Das schaffe ich jetzt auch noch. Denn eines habe ich mir vorgenommen: Ich gebe nicht auf." Der 36-Jährige, der sein Geld als Sachbearbeiter verdient und in Mücke lebt, ist ein außergewöhnlicher, ehrgeiziger Sportler, der sich von seiner körperlichen Beeinträchtigung nicht aufhalten lässt. "Ich will mich und meine Grenzen ausreizen. Das heißt bei mir: Ganz oder gar nicht." Hier erklärt der zweifache Familienvater seine Sehschwäche, wie er den Ultra-Marathon trotzdem schaffen will und welche Ziele er sich für das Jahr 2016 gesetzt hat.

Martin Kelch über...

...seine Sehschwäche: Ich sehe so wenig, dass ich vom Gesetzgeber her blind bin. Seit ich sechs Jahre alt bin, habe ich eine Sehnerverkrankung. Bis dahin habe ich zu 100 Prozent sehen können. Von dort an war es ein fortlaufender Prozess. Im jetzigen Alter ist das für mich glücklicherweise stehen geblieben, sodass ich cirka zwei bis drei Prozent sehe. Wie ich sehe, ist wirklich ganz schwer zu erklären. Man kann sagen: Wenn jemand 100 Prozent Sehfähigkeit besitzt und er etwas auf 100 Meter Entfernung sehen kann, muss ich bis auf fünf Meter oder näher herangehen.

...seinen Umgang mit der Krankheit: Dadurch, dass es nach und nach schlechter geworden ist, konnte ich mich daran gewöhnen. Ich musste eben immer ein Stück näher rangehen. In der Schule saß ich früher ganz hinten – irgendwann dann direkt vor dem Lehrer. Es ist für mich zu einer normalen Geschichte geworden. Ich muss mich damit arrangieren. Zum Glück habe ich einen Freundeskreis, der mich immer unterstützt hat.

...die sportlichen Aktivitäten: Früher habe ich mir noch zugetraut, zu boxen, da war ich sogar in Thailand. Dann habe ich als Boxtrainer in Grünberg gearbeitet. 2013 habe ich noch einen Triathlon absolviert. Aber irgendwann wurde es auf dem Fahrrad zu gefährlich. Ich habe die Autos nicht mehr rechtzeitig gesehen. Es kommen Dinge auf dich zu, die du nicht mehr siehst. Ich habe zwei Kinder, da geht so etwas einfach nicht mehr. Es ist schwer, sich das einzugestehen. Als mir gesagt wurde, dass ich keinen Führerschein machen darf, war das ein Schlag für mich. Aber es geht um die Vernunft. Mit unserer fünfjährigen Tochter gehen meine Frau und ich das Thema ganz offen an.

"Ich will es mir beweisen"

...die Vorteile des Laufens: Erstens bin ich nicht so schnell wie auf dem Rad und zweitens kann ich auf Unebenheiten am Boden besser reagieren. Es ist für mich viel angenehmer, weil ich direkt auf meinen Körper hören kann. Natürlich kommt es trotzdem mal vor, dass ich Äste, die von Bäumen herunterragen, zu spät sehe und ich dann kleinere Kratzer im Gesicht habe.

Dadurch, dass ich mich auf andere Sinne verlassen muss, habe ich aber einen guten Orientierungssinn.

...den Ultra-Marathon in Rodgau am 30. Januar: Die Strecken werden ausgewiesen sein, es wird Ordner geben, die einem sagen, wo man lang muss. Außerdem ist es ein abgesteckter Rundkurs über fünf Kilometer, den man zehnmal durchlaufen muss. Das hilft mir. Es ist für mich ein guter Start ins neue Jahr.

...die weiteren Ziele: Ich will 2016 auch noch einen Halbmarathon, einen normalen Marathon und den Vulkan-Ultra-Trail im Vogelsberg Ende September laufen. Da bekommt man dann nur GPS-Daten und eine Karte und ist auf sich selbst angewiesen. Ich hoffe, dass ich nicht der Letzte sein werde, sodass ich immer mit jemand anderem laufen kann. Es geht mir darum, mich selbst auszureizen. Das sind Sachen, wo ich mich wohlfühle. Ich will es mir selber beweisen, dass ich es trotz der Einschränkung schaffe. Man versucht da immer noch, eine Schippe draufzulegen. Immer weiter, immer mehr. (sno)

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