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Reinhold Roth während der WM-Partie gegen Argentinien auf dem Weg zurück zu seinem Platz auf der DHB-Bank. (Foto: Kirschner)

Der Mann mit dem Eis

Der Gießener Reinhold Roth ist seit 26 Jahren Physiotherapeut der deutschen Handball-Nationalmannschaft und deshalb auch wieder hautnah bei der Wüsten-WM in Katar dabei.

Deutschland gegen Argentinien bei der Handball-Weltmeisterschaft: Mitten in der zweiten Hälfte schlägt sich die Partie auf die Bahn der Entscheidung. Torwart Carsten Lichtlein hält einen Siebenmeter und erzeugt damit in der Fan-Ecke und an der Seitenlinie deutschen Jubel. Reinhold Roth, der Gießener Physiotherapeut und Osteopath, klatscht kurz in die Hände, dann springt er auf, um bei einem herausgelaufenen Spieler eine geprellte Stelle mit einem Eisbeutel zu kühlen. "Von einem Spiel kriege ich nicht viel mehr als das Ergebnis mit", sagt er. "Ich bin ständig darauf fokussiert, was auf der Bank passiert."

Dabei ist das Spiel gegen Argentinien noch vergleichsweise ruhig: Vier Mal rennt der 59-Jährige gemeinsam mit DHB-Mannschaftsarzt Dr. Kurt Steuer auf das Parkett, um auf dem Boden liegende, angeschlagene Akteure mit Kompressionen und Eis zu behandeln. Das ist nicht mehr als Durchschnitt im körperbetonten Handball.

Reinhold Roth ist alles andere als ein Neuling im Handball-Metier. Schon seit 26 Jahren gehört er dem Stab der DHB-Physiotherapeuten an, als der gebürtige Rumäne Petre Ivanescu als Bundestrainer fungierte. Der Hesse erlebte Höhen und Tiefen des deutschen Handballs hautnah mit. Noch immer schwärmt er von der Weltmeisterschaft 2007. "Diese Goldmedaille hat einen besonderen Platz, zumal sie im eigenen Land gewonnen wurde", sagt er.

In einem solchen sportlichen Höhepunkt steckt viel Arbeit; denn ohne Physiotherapie geht im heutigen Spitzensport gar nichts mehr. Im deutschen Mannschaftshotel ist ein Raum mit zwei Liegen ausgestattet, an denen Reinhold Roth und Kollege Peter Gräschus von morgens bis abends die Handballer empfangen. "Nach den Spielen geht es schon mal bis zwei Uhr in die Nacht", verrät Reinhold Roth, der auf das "Prinzip der Ganzheitlichkeit" setzt.

Bei akuten Verletzungen genießen die betroffenen Spieler eine besondere Priorität. Oft besitzen die Behandlungen einen vorbeugenden Charakter, um die Spieler gut vorbereitet in den Belastungsstress eines Großturniers zu werfen. Allerdings schleppen viele Akteure kleine Blessuren oder bereits chronisch gewordene Beschwerden durch die Wettkampf-Wochen. "Ältere Spieler wie Mimi Kraus oder Carsten Lichtlein kommen verstärkt zur Physiotherapie", verrät Reinhold Roth. "Dagegen besitzen jüngere Spieler mehr Energie oder trauen sich noch nicht so richtig."

In Katar ist der Physiotherapeut zum ersten Mal, aber ganz unvorbereitet traf er nicht am Persischen Golf ein. Er war schon einmal für ein Vereinsteam in den Vereinigten Arabischen Emiraten tätig. Wohl auch deshalb kommt ihm die katarische Hauptstadt Doha mit der himmelwärts gerichteten Hochhaus-Bebauung wie ein "Duplikat von Dubai" vor, was in ihm gemischte Gefühle erzeugt. "Einerseits ist man beeindruckt von den Fassaden und dem Glamour", sagt Reinhold Roth. "Beim Blick hinter die Kulissen denkt man aber auch an die Losung: Geld regiert die Welt."

Für diese allgemeinen Gedanken hat er allerdings nicht besonders viel Zeit, der Fokus liegt auf dem Wohle der Nationalspieler. Während er seine Vereinstätigkeit nach Stationen bei den Frauen der SG Kleenheim sowie mehreren Männer-Bundesligisten – SG Wallau/Massenheim, TV 05/07 Hüttenberg und zuletzt die HSG Wetzlar – aufgegeben hat, würde er gerne weiterhin in DHB-Diensten arbeiten. Der sportliche Verlauf der aktuellen Weltmeisterschaft weckt in Reinhold Roth den Optimismus: "Es ist eine Eigendynamik entstanden, die mich positiv stimmt."

Heute vor, während und nach dem WM-Achtelfinale gegen Ägypten (16.30 Uhr) gibt es aber erst einmal wieder jede Menge für den Gießener Physio zu tun.

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