Benediktiner-Biergarten Apfelbaum
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Der Benediktiner-Biergarten des Apfelbaums in Gießen am Samstagnachmittag.

Europameisterschaft

„Ludi“, Kontrollen und Co während der Fußball-EM: So feiert Gießen das 4:2 der Jogi-Elf

  • Sven Nordmann
    VonSven Nordmann
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Ein Fußball-Samstag mit der Nationalmannschaft unter der Gießen-Lupe: Trotz vielen Menschen, die unterwegs sind, fällt auf: Die Perspektive hat sich durch Corona verändert.

Gießen – Gemeinschaft, Emotionen und Momentum sind alles. Das hat Robin Gosens, Deutschlands neuer Liebling, am Samstag bewiesen, indem er Fußball-Deutschland mit seiner Leidenschaft aufweckte und einte – und das habe ich auf ganz neue Art und Weise an diesem teils surrealen EM-Nachmittag in Gießen erlebt.

Samstag, 17.50 Uhr

Zehn Minuten vor dem Anpfiff zwischen Deutschland und Portugal finde ich mich mit einem Kumpel in unserer WG-Küche wieder, Mitbewohnerin Marlene fragt: »Wie war nochmal das Rezept für die Kartoffel-Creme? Fynn, kannst du mir noch eine Zwiebel schneiden?«

Fußball-EM in Gießen: Nach Corona Fokus auf dem Zusammensein

Die Nahrungsberg-WG mit Sportredakteur Sven Nordmann (vorne)

Keine knisternde Fußball-Stimmung, keine Analysen vorab, die das Fußball-Herz höher schlagen lassen wie seit gefühlten zwei Jahrzehnten – nach Corona ist alles entspannter, der Fokus liegt auf dem Zusammensein.

Samstag, 18.00 Uhr

Anpfiff in München – und ich sitze mit meinem Kumpel im aufgebauten EM-Studio im Nahrungsberg-Garten alleine – die anderen fünf Freunde kümmern sich noch um’s Essen oder haben andere Dinge zu erledigen – surreal. »Das hätte es früher nie gegeben«, sagen wir uns beide. Was passiert hier? Trübt das Heranzoomen in den eigenen Garten oder ist das ein aktuelles Abbild der Gesellschaft?

Samstag, 16.25 Uhr

Zwei Stunden zurück in der Zeit sitzen Elisa Bräutigam und Ina Ehrenfeld, zwei junge Gießenerinnen, im »Türmchen«. Auf der großen Leinwand am Kirchenplatz ringt Ungarn Frankreich ein Remis ab – die beiden Freundinnen interessiert das nicht mal peripher. »Eben wurde der Ton lauter gestellt – ich hab mich gefragt, ob mich das stört oder okay ist«, sagt Elisa Bräutigam und lacht.

Fußball weckt Grundinstinkte im Menschen: Du teilst etwas, es bringt Menschen zusammen.

Elisa Bräutigam

»Ich weiß, dass EM ist und wir noch in der Vorrunde sind – das bekomme ich über meinen Freund mit.« Sie registriere, dass »Fußball Grundinstinkte im Menschen weckt: Du teilst etwas, Fußball bringt Menschen zusammen.« Ihre Freundin Ina Ehrenfeld meint: »Es schafft Räume, wo Gemeinschaft entsteht.«

Viele Menschen lieben genau das am Sport: »Du merkst, dass die Gießener wieder Lust haben nach sieben Monaten Sendepause. Die EM kommt genau zur richtigen Zeit«, sagt Marian Radovčić, Inhaber der »Zwibbel«

Fußball-EM in Gießen: Große Menschenansammlungen vermeiden

Der Samstagnachmittag im Ritzis.

Normalität aber herrscht nicht: Große Menschenansammlungen sollen in Deutschland weiterhin vermieden werden, wie auch Torsten Ströher, Inhaber des »Apfelbaums«, weiß: »Vor Corona hatten wir bei den großen Turnieren einen Stehplatzbereich, der gut genutzt wurde. Jetzt können wir nicht so bestuhlen. Nur, wer einen Sitzplatz hat, wird bedient.«

Samstag, 17.10 Uhr

Vieles ist anders nach über einem Jahr Pandemie: Das Kaffee Wolkenlos und das Ihrings haben wegen Renovierung bis 1. Juli geschlossen – während eines Fußball-Sommers!

Wer auf der Suche nach »vertrauten Gefühlen« ist, muss in die Ludwigstraße: Eine Gruppe junger Männer, allesamt im Deutschland-Jersey gekleidet, deckt sich am Marbobo gegenüber des Uni-Hauptgebäudes mit Gerstensaft ein.

Fußball-EM in Gießen: Zurückgewonnene Normalität in der „Ludi“

Jubel im Benediktiner-Biergarten über die deutschen Treffer.

Läuft man die »Ludi« einige Meter weiter hoch, spürt man die zurückgewonnene Normalität: Aus dem Zentrum der Fanszene in der Ludwigstraße ertönen Fußball-Klänge: »Wir sind immer noch Deutschland«, höre ich Bastian Schweinsteiger im ARD-Vorbericht über die Boxen zu den Gießenern sagen.

Die Schlangen am »Ritzis«, »Tropicana«, dem »Apfelbaum« und der »Zwibbel« sind durchaus beträchtlich und werden durch die coronabedingten Kontrollen verlängert. Schnell wird mir klar: Hier pulsiert das Gießener Fußballherz, rein ins Getümmel.

Mir ist wichtiger, mit meinen Jungs wieder zusammen zu sitzen und dumm Zeuch zu schwätzen.

Jan Ferber

Jan Ferber aus Waldgirmes würfelt mit seinen Kollegen der TSG Dorlar an einem Tisch im Biergarten der »Zwibbel« aus, wer die nächste Runde zahlen muss. Seit 16 Uhr sitzt die Gruppe im Biergarten, hat bereits am 10. Juni reserviert. »Ganz ehrlich«, sagt Ferber. »Das Ergebnis juckt mich nicht wirklich. Mir ist wichtiger, mit meinen Jungs wieder zusammen zu sitzen und dumm Zeuch zu schwätzen. Wenn das Bier leer ist, gilt der Blick Richtung Kellner und nicht auf die Leinwand.«

Fußball-EM in Gießen: Die Stimmung steigt

Der Samstagnachmittag in der Zwibbel.

Die Sehnsucht nach Freiheit sei »groß. Ich habe das Gefühl, die meisten Menschen lassen sich nicht wegen dem Virus impfen, sondern um ihre Freiheit zurückzubekommen.« Der Fußball-Tag gebe ohne Frage »Spaß am Leben« zurück. »Noch geiler wäre es, im Schiffenberger Tal zu gucken.«

Bis zu 5000 Fans versammelten sich im Sommer 2018 dort noch – 5000 Menschen mehr also, die sich nun privat treffen. Im Nahrungsberg-Garten meiner WG sind es mittlerweile, nach 15 Minuten Spielzeit, immerhin sieben!

Samstag, 18.20 Uhr

Mit dem Erblühen der deutschen Nationalmannschaft steigt die Stimmung: Gosens, Gnabry, Havertz und Co. machen wieder richtig Spaß! Unsere 81-jährige Nachbarin hat sich zu uns in den Garten gesellt und fiebert voll mit: »Der hat doch gar nix, steh auf!«, sagt sie in Richtung eines am Boden liegenden Portugiesen.

Wusstet ihr, dass die Allianz-Arena in Regenbogenfarben angestrahlt wird, um ein Zeichen gegen Ungarn und Homophobie zu setzen?

Mitbewohnerin Emma

Emma, die die Riege der erfolgreichen Frauen in einer Tippspiel-Runde fortführt und uns Männer mit derzeit 15 Punkten Vorsprung deklassiert, fragt: »Wusstet ihr, dass die Allianz-Arena in Regenbogenfarben angestrahlt wird, um ein Zeichen gegen Ungarn und Homophobie zu setzen?«

Bis zum 2:1 läuft der ARD-Stream via Internet problemlos, dann beginnt die Tortur rund um Neu Laden, via Live-Ticker uptodate bleiben und Antennenkabel über’s Fenster legen. Die gemeldeten Ausfälle bei unserem Kabel-Anbieter jedenfalls sprangen am gestrigen Samstagabend gießenweit zwischen 18 und 22 Uhr massiv in die Höhe. Die Löw-Elf kann noch so geil spielen, wenn du das nur bruchstückhaft mitbekommst, bleibt die Euphorie auf der Strecke: Gemeinschaft, Emotionen und Momentum sind alles.

Fußball-EM in Gießen: Besucher euphorisch

Warteschlange in der Ludwigstraße am Samstagnachmittag.

Wie läuft das gerade wohl in der Ludwigstraße ab, frage ich mich. »Die Besucher sind euphorisch, aber sehr gesittet«, meint Torsten Ströher vom Apfelbaum. »Ich hatte mit Schlimmerem gerechnet.« Die Akzeptanz schwinde »mit Uhrzeit und Alkoholkonsum teils, aber derzeit macht es mal wieder richtig Spaß! EM, Lockerungen und Wetter – alles kam passend zusammen«.

Deutschland-Partien während eines Turniers seien ein »zusätzlicher Wochenend-Tag« und Marian Radovčić weiß: »Wenn die Besucher um 15/16 Uhr kommen und bis abends bleiben, ist das für einen Gastronomen schon sehr attraktiv. Erfahrungsgemäß steigt die Euphorie dann auch ab den K.-o.-Spielen nochmal.« Ob dann auch wieder mehr Schwarz-Rot-Gold in der Stadt zu sehen sein wird?

Samstag, 23.10 Uhr

Lange nach dem 4:2-Sieg der DFB-Elf und dem WG-Abend im Garten sitze ich in meinem Zimmer und schaue mir über’s Handy die stimmungsvolle ARD-Zusammenfassung an. Kevin-Prince Boateng und Co. schwärmen vom Auftritt, vier Tore und das Comeback werden inszeniert – und ich spüre, wie ich in Stimmung komme. Der ARD-Beitrag rund um Gosen’s Willen, Havertz’s Treffer und Löw’s Glaube packt mich – und ich fühle mich verbunden, mit den deutschen Fans. Das EM-Feeling kommt – Gemeinschaft, Emotionen und Momentun sind alles.

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