Daumen hoch für fünf weitere Jahre ID-Fußballl beim TSV Klein-Linden von Trainer Ruben Ebenig und den Akteuren.
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Daumen hoch für fünf weitere Jahre ID-Fußballl beim TSV Klein-Linden von Trainer Ruben Ebenig und den Akteuren.

ID-Fußball

Ein Lotse durchs Leben

  • Ralf Waldschmidt
    vonRalf Waldschmidt
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Der TSV Klein-Linden hat mit seiner Abteilung ID-Fußball Schülern und Jugendlichen mit Beeinträchtigung eine Art zweites zu Hause gegeben. Die Erfolgsgeschichte hat vor fünf Jahren begonnen.

Was im Sommer 2015 als Zeitvertreib für ehemalige und aktive Schüler der Martin-Buber-Schule Gießen beim TSV Klein-Linden begann, wurde zu einer absoluten Erfolgsstory. Karsten Dähnrich (Trainer/Gründer Fußball-ID RSV Büblingshausen) war der Geburtshelfer, denn auf seine Einladung hin trafen sich Kleinlindener Verantwortliche (Dr. Arne Hauptmann, Ruben Ebenig, Gerhard Kerzmann) und Stephan Wasserfuhr (Lehrer Martin-Buber-Schule). Ziel von Dähnrich war es, dass es in Kleinlinden mittelfristig ein weiteres HBRS-Fußball-ID-Team geben sollte.

Die TSV-Troika und Wasserfuhr fanden schnell einen Nenner und wollten im Sommer 2015 mit einer wöchentlichen Trainingseinheit für Menschen mit intellektueller Beeinträchtigung (ID) starten, um insbesondere ehemalige Martin-Buber-Schüler wieder an ihren Lieblingssport heranzuführen.

Zehn Spieler pro Einheit wären ein Erfolg gewesen. Aber von der ersten Einheit an waren über 20 Sportler/innen anwesend und mit Eifer dabei. Schnell war klar, es konnte ein Team gestellt werden für die Hessenliga des Hessischen Behinderten- und Rehabilitations-Sportverbandes (HBRS). Der TSV Klein-Linden machte Nägel mit Köpfen und gründete im Vorstand einstimmig eine neue Sportart mit Inklusionssport: Fußball-ID. Der TSV war damit eine von 650 Mitgliedsvereinen des HBRS mit mittlerweile über 65 000 Mitgliedern. Ein wichtiger Punkt für das Trainings- und Spielgeschehen war die Kooperation mit der Martin-Buber-Schule (Schule für geistige Entwicklung mit Abteilung für körperlich-motorische Entwicklung).

Ruben Ebenig, damals erst 23 Jahre jung und noch Student auf Lehramt für Sonderpädagogik, wurde als aktiver Kreisoberligafußballer Cheftrainer/Leiter und von Stephan Wasserfuhr und weiteren Trainern (Hagen Trübenach, Florian Althaus, Sophie Steuernagel, Kajetan Selmayr) unterstützt. Vorstand Gerhard Kerzmann kümmerte sich seit Beginn an um die Organisation /Sponsoren.

Man wollte zwar ein Team für die Hessenliga stellen, aber der sportliche Aspekt stand im Hintergrund. Wichtig war es, die Spieler/innen in ihren Möglichkeiten zu verbessern, ihnen Selbstbewusstsein zu geben und ihnen zu zeigen, was es heißt, Mannschaftssport zu spielen in einem Verein. "Wir haben vielen jungen Menschen ein Art zu Hause geben können", ist Kerzmann stolz auf die Arbeit, die im 1400-Mitglieder-Klub geleistet wird.

Fünf-Jahres-Bilanz

Nach fünf Jahren kann man sagen, dass das herausragend gelungen ist. Das Team ist ein verschworener Haufen geworden. Es gibt einen "TSV-Schlachtruf" und außerhalb des Sports wird viel gemeinsam unternommen (u. a. Besuche bei den 46ers, der HSG Wetzlar, Eintracht Frankfurt). Die IDer finden sich eigenständig, selbstbewusst und selbstverständlich im Gesamtverein sehr gut zurecht und sind stolz, zur TSV-Familie zu gehören. Wichtige Termine für das ID-Team sind z. B. die Teilnahme am Ortspokal sowie der traditionelle Stand beim Linneser Adventsmarkt. Durch die Unterstützung kamen besondere HBRS-Hallencups und Spieltage mit vielen Zuschauern zustande.

Sportlich hat sich die TSV-Mannschaft toll geschlagen. Sie wurden zweimal Dritter beim HBRS-Hallencup, einmal Dritter beim HBRS-Pokal und gewann zweimal den bei prestigeträchtigen Elfmeter-Cup. Darüber hinaus holte ein inklusives Team (drei Akteure ohne Beeinträchtigung spielen mit) einen herausragenden dritten Platz bei der deutschen Inklusiv-Meisterschaft. "Die Spieler haben sich über die Jahre vor allem physisch enorm entwickelt", ist Ebening als Trainer stolz auf das Geleistete, "in manchen Partien sei man aber noch zu nett auf dem Platz und lasse den Killerinstinkt vermissen", nennt er einen Unterschied zu den aktiven Fußballern.

Die fünf Jahre bedeuteten nicht nur einen großen organisatorischen Aufwand, sondern durch die Teilnahme an der Hessenliga und dadurch entstehenden weiten Fahrten auch einen großen finanziellen und organisatorischen Aufwand, der dank einiger Sponsoren geschultert wurde.

"Uns liegt all das am Herzen, was Gießen und Mittelhessen lebenswert macht. Genau deshalb engagieren wir uns für verschiedene Vereine und Projekte in ganz unterschiedlichen Gebieten", so Ina Weller, Unternehmenssprecherin der SWG. Die Partnerschaft der Fußball-ID des TSV Klein-Linden und der SWG besteht seit nunmehr fünf Jahren.

Keine Frage, das ID-Projekt erfährt mediale Aufmerksamkeit und findet dadurch schnelleren Zugang zur finanzieller Unterstützung. Die Spieler/innen kommen von Homberg/Ohm über Lich bis Staufenberg aus der gesamten Region Mittelhessen. Die Fluktuation ist allerdings hoch, nach dem Ende der Schulzeit kommt mit Beginn von Ausbildung und Werkstatt-Projekten oftmals das Ende der Spielzeit. Ruben Ebening und Gerhard Kerzmann lassen deshalb nichts unversucht, um über die Kleinlindener Ortsgrenzen hinaus die Werbetrommel für den ID-Fußball beim TSV zu rühren.

"Wir sind ja der einzige Anbieter" sagt Kerzmann, "wir denken aber, das bei 90 000 Einwohnern in der Stadt Gießen und 250 000 Einwohnern im Kreis ein entsprechender Bedarf besteht."

Einmalige Momente

Für Gerhard Kerzmann und Ruben Ebening sind die fünf Jahre ID-Fußball beim TSV Klein-Linden eine bemerkenswerte Selbsterfahrung gewesen. Der Reichtum an Geschichten und Anekdoten, an besonderen und unvergesslichen Momenten, an menschelnden und bewegenden Situationen nimmt täglich zu. "Da ist man als Pädagoge permanent gefordert", verweist Ebening auf die Arbeit mit Autisten, Schlaganfallopfern oder Menschen mit Down Syndrom, die ein hohes Maß an Sensibilität verlangt, zugleich aber auch enorme Disziplin einfordert. "Wenn ein Autist wie unser Nils erstmals in seinem Leben von seinem zu Hause weg ist und in fremder Umgebung gemeinsam mit seinen Teamkameraden übernachtet und dies entgegen aller Bedenken der Eltern und Betreuer zum einzigartigen Erlebnis wird", ist das für Ebening "eine herzerwärmende Geschichte, die einmal so richtig unter die Haut geht. Da sind die Siege auf dem Fußballfeld zweitrangig, das sind die Siege des Lebens." Der ID-Sport als ein Lotse durchs Leben.

Aus solchen Erlebnissen schöpfen alle Beteiligten in Schule, Verein und Elternhause die Kraft, im Bemühen um den Fortbestand des ID-Projektes nicht nachzulassen, immer neue Möglichkeiten auszuschöpfen und Wege zu finden, den Erhalt zu sichern.

Weitere Angebote

Die Fußball-ID-Mannschaft soll aber nicht das Ende der ID-Projekte beim TSV Klein-Linden sein. Vorstand Gerhard Kerzmann und andere Abteilungsleiter planen in naher Zukunft weitere Sportarten (Kegeln, Tennis, Handball, Schwimmen, Leichtathletik etc.) für die Inklusionsabteilung anzubieten. Hierzu wurden bereits auch schon weitere Kooperationen bzw. Kontakte zur Lebenshilfe Gießen und zum Blinden- und Sehbehinderten-Verband Mittelhessen aufgenommen.

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