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v.l. Ivano Balic (HSG Wetzlar Handball, DKB Bundesliga, Saison 2014/15, 24. Spieltag, 07.03.2015, Rittal-Arena, Wetzlar, HSG Wetzlar - TSG Lu-Friesenheim am 07.03.2015 Nutzungshinweis: Sportfoto Oliver Vogler - Info: 0172 6043751

HSG-Legenden

Legenden der HSG Wetzlar: Ein Mozart und ein Harry Potter

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Ivano Balic, "Nescho" Golic, "Siggi" Bjarnason: In 20 Jahren Bundesliga sind bei der HSG Wetzlar viele Handballer zu Legenden geworden. In Teil 3 unserer Serie lassen wir die Geschichten von Mozart bis Harry Potter aufleben.

Betrachtet man die Bildergalerien im Dutenhofener Handball-Archiv, gerät das Kopfkino unweigerlich in den Zurück-in die-Zukunft-Modus. Glorifiziert werden können sicher Dutzende an Erstliga-Handballern der letzten 20 Jahre, aber wenige haben so emotionalisiert wie die folgenden acht Legenden.

Nostalgie-Serie der HSG Wetzlar: Die Schicksalsjahre eines Machers (Teil 1)

Nostalgie-Serie der HSG Wetzlar: Die Schicksalsjahre eines Machers (Teil 2)

Velimir Petkovic

Wäre der Bosnier in Hans Rosenthals "Dalli Dalli" aufgetreten, wäre aufgewühlt mit der Hand durch das volle Haar fahren seine typische Handbewegung gewesen. Von 1998 bis 2004 führte der Handball-Trainer die kleine HSG D/M Wetzlar zum Erstliga-Klassenerhalt und erlangte in Mittelhessen allein dadurch Kultstatus. Die Handball-Krimis in der engen Dutenhofener Sporthalle, die der heute 61-Jährige gegen die Kretzschmars und Stephans mit seinen Teams alle zwei Wochen drehte, trugen seine Handschrift. Mit kleinem Etat und personell begrenztem Spielraum hat er beim Schiffe versenken immer die anderen untergehen lassen. Noch heute lässt sich "Petko" als Trainer von Titelaspirant Füchse Berlin gerne in Wetzlar und dort im Hotel Blankenfeld sehen, der Kontakt zu den Grün-Weißen ist nie abgebrochen. Petkovic war und ist ein großer Psychologe, Motivator und Taktiker, bis zur letzten Sekunde einer Partie setzt er an der Seitenlinie noch Himmel und Hölle in Bewegung, um – selbst in ausweglosen Momenten – noch irgendetwas für sein Team zu bewerkstelligen. Gerade Spieler aus dem zweiten Glied wie Niko Bepler oder Markus Schmidt hat er bei Sensationssiegen wie 2001 in Nordhorn (27:24) oder 2002 in Großwallstadt (27:25) zu unverzichtbaren Kräften gemacht.

 Wolfgang Klimpke      "Wolle" ist die Inkarnation der Dutenhofener Erfolgsgeschichte der vergangenen vier Jahrzehnte. Mit dem TSV wurde er deutscher C- und B-Jugend-Meister, stieg in die 2. und 1. Liga auf und krönte als wuchtiger Kreisläufer und unerbittlicher Defensivstratege, der für die Grün-Weißen bis zum letzten Blutstropfen kämpfte, seine Karriere mit dem Finale 1998 im Europapokal der Pokalsieger. Gegen den spanischen Topklub Caja Santander hatte die HSG D/M Wetzlar – samt Fans mit einem Learjet eingeflogen – zwar keine Chance, nach dem Hinspiel-15:30 im Nordspanischen feierte ein mit der grün-weißen Fahne ummantelter Wolfgang Klimpke aber dennoch um Mitternacht mit den Fans auf dem belebten "Plaza de Canadio" ausgelassen den größten Erfolg der Klubgeschichte. Im November 2004 beim Bundesliga-Derby in Wallau ging "Wolle", dessen Sohn Till als Torhüter in seine Fußstapfen getreten ist, aber einen Schritt zu weit und lieferte sich auf dem Parkett eine wilde Prügelei mit SG-Akteur Maik Makowka, der zuvor Bruder Andy attackiert hatte. "Wolles" Identifikation mit den Grün-Weißen war grenzenlos.      Sigurdur Bjarnason      Der isländische Heißsporn war zur richtigen Zeit (1999 – 2003) beim richtigen Verein. Die Dutenhofener Triumphe dieser Zeit waren eng mit der leidenschaftlichen Spielweise des heute 47-jährigen Familienvaters verbunden, die wegen seiner aggressiven Abwehrarbeit vor allem Topstars wie Gummersbachs Rekordtorjäger Kyun Shin Yoon oder die serbische Wurfmaschine Nenad Perunicic (Kiel/Magdeburg) zu spüren bekamen. Man kann durchaus behaupten, dass aus taktischem Kalkül heraus der 169-fache Nationalspieler die gegnerischen Größen zielgerichtet zur Weißglut bringen sollte - und dies auch reihenweise tat. Bei den grün-weißen Anhängern der ersten Bundesliga-Stunden leuchten noch heute die Augen, wenn sie sich an die Für-jeden-Ball-kämpfen-Mentalität des Skandinaviers erinnern. Zur Krönung hat es für die HSG und den "Kämpfer vor dem Herrn" (WNZ) nicht ganz gereicht, 2001 ging das Hamburger Pokalfinale gegen den VfL Bad Schwartau mit 22:26 verloren.      Ivano Balic      Als der "Mozart des Handballs" am 13. August 2013 seine Zelte für zwei Spielzeiten bei der HSG Wetzlar aufschlug, war dies die Sport-Sensation in Deutschland schlechthin. Nie zuvor und danach hat ein populärer Weltsportler das Trikot eines Klubs der Region übergezogen - diesen Ruf hatte selbst ein Fußball-Weltmeister Uwe Bein beim VfB 1900 Gießen nicht. Balic war ein Vorzeigesportler, nach außen ruhig und gelassen, auf dem Parkett genial und explosiv. Mit seinen 34 Jahren kam der 198-fache Nationalspieler, 2003 in Portugal mit Kroatien Weltmeister, zwar nicht mehr zu acht und mehr Toren pro Partie, er brachte aber jeden seiner Mitspieler wie Tobias Reichmann oder Kent-Robin Tönnesen auf die nächsthöhere Handballstufe. Steffen Fäth reifte an seiner Seite zur Persönlichkeit und der lange Zeit weltbeste Spielmacher beförderte die Zuschauerzahlen der HSG Wetzlar kontinuierlich jenseits der 4000-Zuschauer-Grenze. Das macht ihn heute noch so wertvoll. Trainer Kai Wandschneider schaffte es, den Weltstar in einem Satz zu beschreiben: "Er liebt das Spiel und das Spiel liebt ihn."      Thomas Michel      Es war der 1. Dezember 1999, als Thomas Michel zur grün-weißen Kultfigur wurde. Bei der 23:21-Sensation vor 3000 Zuschauern in der Gießener Sporthalle Ost über Abonnementmeister THW Kiel ließ es der am 1. Weihnachtsfeiertag 1996 vom SC Magdeburg verpflichtete Rückraumshooter ordentlich krachen. Mit seinen sieben Treffern brachte er die Osthalle in Wallung, noch heute erzählt man sich von diesem einzigartigen Spiel. Aber auch von den unzähligen Eskapaden, die sich der frühere DDR-Oberligaspieler abseits des Parketts leistete und seine Förderer Velimir Petkovic und Rainer Dotzauer fast in den Wahnsinn trieb und mit denen er sich eine noch größere Anerkennung verbaute. Vom Dutenhofener Publikum aber wurde der stämmige Rückraumspieler geliebt. Er spaltete zwar, unbestritten konnte er aber von sich sagen, eine zu dieser Zeit in Mittelhessen ganz seltene Handball-Qualität auf das Parkett bringen zu können. Dass er 2003 zur HSG Vogelsberg in die Oberliga abgeschoben wurde, ist längst vergessen. Der heute 47-jährige Thomas Michel hat seinen festen Platz in den HSG-Geschichtsbüchern.      Nebojsa Golic      Schön war die Zeit – mit "Nescho" (2001 – 2007)! Der Nachfolger von Spielmacher Markus Baur, der auf dem Parkett wie ein Harry Potter des Handballs wirkte, der selbst in brenzligen Situationen noch spitzbübisch lächelte, setzte seine Nebenleute wie die Rückraumhünen Ghennadij Chalepo und Christian Caillat oder Kreisläufer Robert Sighvatsson frech, trickreich und gedankenschnell in Szene. Mit seinen künstlerischen Fähigkeiten begeisterte der heute 40-Jährige in den ersten Jahren nach dem Umzug in die Rittal-Arena das Publikum und wirkte zuweilen übersinnlich begabt. Als Jugendkoordinator bei seinem Heimatverein Borac Banja Luka stattete "Nescho" seinem Ex-Klub erst im November beim 30:21 über die Eulen Ludwigshafen einen Besuch ab. Zwar ein wenig fülliger geworden, aber genauso schlagfertig wie einst auf dem Parkett: "Unser nächstes großes Talent schicke ich Rainer (Dotzauer, Anm. d. Red.)."      Georgios Chalkidis      Georgios Chalkidis gehört zu den erfolgreichsten griechischen Handballern, in seiner Heimatstadt Ptolemaida ist bereits eine Sporthalle nach ihm benannt. Von 2007 bis 2012 war "Bruno" einer der Wetzlarer Publikumslieblinge, Ex-Coach Volker Mudrow hatte ihn zu seinem Abwehrchef in der 5:1-Formation mit Timo Salzer auf der vorgezogenen Position gemacht ("Ein Kämpfertyp, nicht gerade filigran, aber effektiv"). Wer einmal in die Fänge des kräftigen, 1,96 m großen Kreisläufers geriet, konnte sich kaum mehr befreien. Dutzende Weltklasse-Kreisläufer wie Marcus Ahlm (THW Kiel) oder Dimitri Torgowanow (HSV) fühlten sich beim Infight mit "Bruno" zum Sumo-Ringen versetzt. Der griechische Rekordnationalspieler ist nach 16 Profijahren seit Oktober vergangenen Jahres griechischer Junioren-Nationaltrainer.      Steffen Fäth      Die jüngere Wetzlarer Bundesliga-Geschichte ist untrennbar mit seinem Namen verbunden: Steffen Fäth hat sich von 2010 bis 2016 bei den Grün-Weißen zu einem der besten deutschen Handballer der Gegenwart entwickeln dürfen. Einmal dank Trainer Kai Wandschneider, der dem 27-jährigen Halblinken das Vertrauen schenkte und nach und nach immer mehr Verantwortung übertrug. Vor allem aber dank Weltstar Ivano Balic, an dessen Seite der 53-fache Nationalspieler über zwei Spielzeiten selbst zu einem der Großen seiner Zunft heranreifte. Von anfänglich 26 Saisontreffern (2010/11) steigerte sich Fäth in seiner letzten Saison 2015/16 auf 139 Treffer für die HSG Wetzlar. Es gab sicher schillerndere Persönlichkeiten als den introvertiert wirkenden Aufbauspieler, z. B. Torhüter Andreas Wolff oder Kanonier Lars Kaufmann; aber nur selten Akteure mit einem höheren Handball-Intellekt.

Info

Dritter Teil der Nostalgie-Serie

In unserer Nostalgie-Serie zur HSG Wetzlar stellen wir in zehn Teilen unter anderem die Macher und Höhepunkte in 20 Jahren Bundesliga vor. Im nächsten Teil widmen wir uns den Nationalspielern der HSG.

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