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In Kleinlinden wurde das künstliche Grün erst vor wenigen Monaten angelegt - für die Vereine bietet es mehr Verlässlichkeit und Planbarkeit, für die Umwelt ist die Füllung mit Gummigranulat schädlich. Deshalb wird über ein Verbot ab 2022 diskutiert.

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Kunstrasenplätze: Die Zukunft des Fußballs macht Probleme - Verbot 2022?

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Der Kunstrasen sollte die Probleme des Amateurfußballs lösen. Auch im heimischen Bereich. 30 Tonnen Mikroplastik lagern in Form von Gummigranulat auf den Kunstrasen der Region.

Der Kunstrasen ist die Zukunft." Sagte Stefan Bechthold, Bürgermeister der Gemeinde Fernwald, im März 2018. Niemand hatte geahnt, dass die Zukunft so schnell solche Probleme machen könnte. Alleine in den letzten zwei Jahren wurden fünf Kunstrasenplätze im Kreis Gießen angelegt oder erneuert. Lange Bespielbarkeit, auch im Winter, wird gemeinhin als größter Vorteil des Kunstrasens genannt. Läuft es schlecht, spielt bald kaum noch jemand auf dem Kunstrasen in seiner jetzigen Form.

Der wachsende Fokus auf Umweltschutz macht dem Fußball einen Strich durch die Rechnung. Anfang Mai platzte die Bombe und schlug im heimischen Amateurfußball gewaltig ein. Laut einer aktuellen Studie des Fraunhofer-Instituts sind Kunstrasenplätze mit der Füllung des Gummigranulats eine der größten Quellen von Mikroplastik in Deutschland. Auf jedem Kunstrasen lagern etwa 30 Tonnen dieses Gummigranulats. Zumeist ist das recyceltes Material aus Altreifen, neue Plätze sind ausgestattet mit Granulat aus synthethischem Kautschuk. Wind und Regen tragen dieses Mikroplastik von den Fußballplätzen in die Gewässer und auf die Felder. So würden pro Jahr "bis zu 10 000 Tonnen Mikroplastik in die Umwelt" gelangen, sagt Projektleiter Jürgen Bertling.

Verbot 2022?

Die EU-Kommission beauftragte zuletzt die Europäische Chemikalienagentur ECHA, Maßnahmen zu entwickeln, um den Einsatz von Mikroplastik zu verhindern. Diese Agentur empfiehlt nun ein Verbot dieser Partikel bis 2022. Das Kunstrasen-Granulat wäre von diesem Verbot betroffen - und der heimische Amateurfußball hätte ein großes Problem.

18 Kunstrasenplätze im Kreis Gießen gibt es, 17 davon sind gefüllt mit jenem Gummigranulat. Anfang Mai wies der Hessische Fußball-Verband den Städtetag darauf hin, dass der Vorschlag vorsehe, "den Austrag des Granulats in die Umwelt ab 2022 vollständig zu verbieten. Bestandsschutz oder Übergangsfrsiten sind bisher nicht vorgesehen."

Anfang Juni 2019 ist nun die Zeit der Ungewissheit: Müssen alle Kunstrasenplätze mit Gummigranulat bis 2022 saniert werden? Fakt ist: Noch ist nichts beschlossen und: Es gibt triftige Gründe dafür, dass mit Übergangsfristen zu rechnen ist. Henry Mohr, Gießens Kreisfußballwart, weiß aber auch um die Zukunftsproblematik und sieht nun "einen riesigen Handlungsbedarf. Jeder muss verstehen, was dieses Verbot für den Amateurfußball bedeuten würde".

Die Hoffnung: Längere Übergangsfristen. Der Deutsche Fußball-Bund plädiert für sechs Jahre als Umrüstungszeit, "um die hohen Investitionen für die Sanierungen leisten und gleichzeitig den Sportbetrieb aufrechterhalten zu können". Henry Mohr sagt: "Eine Sperrung von Kunstrasenplätzen ab 2022 wäre fatal für den Amateurfußball."

In Kleinlinden wurde erst vor rund zwei Monaten ein neuer Kunstrasenplatz mit Gummigranulat eingeweiht. "Wir sind davon ausgegangen, dass alles einwandfrei ist", sagt Max Fricke, stellvertretender Jugendleiter des TSV, bei einem F-Jugend-Training. "Und jetzt kommt so ein Thema. Ich weiß ehrlich gesagt nicht, was ich dazu sagen soll. Der Verein hat sich für diesen Kunstrasenplatz verausgabt."

Kleinlinden ist kein Einzelfall, der Präsident des Hessischen Fußball-Verbandes, Stefan Reuß, sagt dieser Zeitung gegenüber: "Wir gehen davon aus, dass die neuen Kunstrasenplätze, die in den letzten fünf bis zehn Jahren gebaut wurden, häufig mit Gummigranulat gepflegt werden."

Alternativen vorhanden

Es gibt Alternativen - die teuer werden. Eine Sanierungswelle könnte über den europäischen Amateurfußball schwappen, noch ist völlig unklar, wie sie finanziert werden soll. Käme es zum radikalen Verbot ab 2022, müsste das Granulat (rund vier Kilogramm pro m²) abgesaugt und entsorgt und durch Quarzsand oder Kork ersetzt werden. Christoph Kucsera ist Technischer Leiter von Schmitt Intergreen Sportstättenbau mit Sitz in Langgöns. Die Firma organisierte zuletzt unter anderem den Bau des Kunstrasenplatzes in Kleinlinden. Kuscera weiß, was eine solche Sanierung, weg von Gummigranulat, hin zu Sand oder Kork, kosten würde. "Das ist ein Prozess, der zwischen 45 000 und 50 000 Euro pro Platz kosten würde - und der eineinhalb und zwei Wochen dauert."

Kreisfußballwart Henry Mohr weiß: "Das wird ein Verein nicht stemmen können." Bei der TSG Wieseck, dem TSV Klein-Linden, dem MTV 1846 Gießen und der SG Reiskirchen/Bersrod/Saasen ist der Kunstrasenplatz Vereinssache, ansonsten eine kommunale Angelegenheit. 50 000 Euro pro Platz für die Erhaltung des Spielbetriebs und eine saubere Umwelt - viel Geld in ganz Deutschland, in ganz Europa. Der Städte- und Gemeindebund fürchtet, dass bei einem Einsetzen des Verbots ab 2022 Kosten in bis zu dreistelliger Millionenhöhe auf die Eigentümer in Deutschland zukommen könnten.

Das Gespür für die Thematik ist mittlerweile vorhanden. Das bestätigt Kucsera: "Die letzten vier Aufträge für neue Kunstrasenplätze sind jeweils umgestiegen auf Kork als Füllmaterial." Niemand will nun noch das Risiko eingehen, einen Platz zu bauen, der in drei Jahren in seiner Zusammensetzung EU-weit verboten ist.

Und niemand will riskieren, dass sein Kunstrasen dann von heute auf morgen nicht mehr bespielbar ist. Die Folgen wären kaum abzusehen. "Wo willst du denn die drei Vereine, die auf dem Kunstrasen an der Miller Hall trainieren und spielen, hinstecken?", fragt Henry Mohr. Auch für Vereine wie eben den TSV Klein-Linden wäre ein Radikalverbot der Worst Case. Lange wurde auf das neue künstliche Grün gewartet. "Ohne Kunstrasen haben wir für mehrere Monate im Jahr kaum Trainingsmöglichkeiten", weiß Fricke von der Jugendleitung.

Mikroplastik zieht Gifte an

Ein zugegeben weicher, aber nicht zu unterschätzender Faktor: die Bespielbarkeit. Granulat kommt dem natürlichen Rasen am nächsten, darauf folgt Kork, bei einem mit Sand befüllten Platz muss man sich auf einen härteren Untergrund einstellen.

Beim Besuch eines F-Jugend-Trainings auf dem neuen Kunstrasen in Kleinlinden schildern zwei Mütter ihre Erfahrungen: "Beim Rasen sind Kinder und Klamotten später am dreckigsten, aber es ist das Schönste. Auf dem Hartplatz schürfen sie sich häufig etwas auf, da ist der Kunstrasen ein klarer Fortschritt. Dafür fliegen nach dem Training zu Hause überall die kleinen Kügelchen (Mikroplastik, Anm. d. Red.) herum. Die muss man immer wieder aufsaugen." Eine Mutter sagt: "Seit mein Sohn auf dem Kunstrasen spielt, zieht er sich vor der Haustür aus." Auch durch die Waschmaschine, die Wasserleitungen und Kläranlagen gelangt das Mikroplastik über Umwege ins Meer und zu uns.

Mikroplastik zieht Gifte an und wird von Tieren gefressen, die daran teilweise verenden oder wiederum von Menschen gegessen werden. So gelangt das schädliche Mikroplastik zum Teil in unseren Körper.

Dass es Verbote geben wird, davon geht man im deutschen Sport aus - auch der Deutsche Olympische Sport-Bund äußerte sich in diese Richtung. Die große Frage dürfte sein: Wird es Übergangsfristen geben? Heiko Haas, Abteilungsleiter der SG Reiskirchen/Bersrod/Saasen, deren Kunstrasen erst 2018 eingeweiht wurde, befürchtet kein Radikalverbot. Haas sagt: "Mit einem Komplettverbot des Gummigranulats ab 2022 würde man dem Amateurfußball einen Riegel vorschieben." Angesichts der gesellschaftlichen Relevanz des (Jugend-)Fußballs rechnet er mit folgendem Szenario: "Kunstrasenplätze, die ab 2022 gebaut werden, dürfen nicht mehr mit Gummigranulat gefüllt werden. Die bestehenden Beläge mit dem Granulat dürfen bis zum Endnutzungszeitraum genutzt werden." In der Regel müssen Kunstrasenplätze nach spätestens 15 Jahren erneuert werden, in diesem Zuge könnte nach Haas’ Vorstellung dann die Sanierung stattfinden.

Das Prüflabor für Sportstättenbau, "Labor Lehmacher/Schneider", hat im Zuge der hitzigen Diskussion ein entschleunigendes Schreiben an alle Kommunen und Verwaltungen gesendet. Das Schreiben liegt dieser Zeitung vor, dort heißt es unter anderem: "Das Szenario (Radikalverbot ab 2022, Anm. d. Red.) ... ist aus Erfahrungen mit anderen Branchen eher unwahrscheinlich. Es kann Ausnahmegenehmigungen oder Übergangsregelungen geben. Alles andere wäre ungewöhnlich und ist in der EU noch nicht vorgekommen. So fahren beispielsweise auch heute noch Euro-1-Autos über die Straßen, obwohl inzwischen die Euro-6-Norm gilt. Eine Fristverlängerung von bis zu sechs Jahren ist üblich, um der Industrie die Chance zur Entwicklung alternativer Produkte zu geben."

Für Heiko Haas von der SG Reiskirchen/Bersrod/Saasen ist klar: "Ansonsten würde die Politik mit einem Radikalverbot ab 2022 dafür sorgen, dass viele Vereine von jetzt auf gleich eine hohe Geldsumme aufbringen müssen und damit vor dem Nichts stehen."

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