"Die Kluft ist ungesund gro?

(AZ) Die "Gießener Allgemeine Zeitung" und der Sportkreis Gießen legten am Dienstagabend zum sechsten Mal die "Gießener Sportgespräche" auf. Zehn Tage vor Beginn der Fußball-Weltmeisterschaft diskutierten im VIP-Raum der Sporthalle Ost Experten aus dem Fußball- und Medienbereich über das Thema "Fußball vor den Weltmeisterschaften im Spannungsfeld zwischen Profis und Amateuren".

Das Podium war mit Dr. Philipp Geiss (Direktor Sport ProSieben Sat.1), Jörg Jakob (stellvertretender Chefredakteur "Kicker"), Harald Gärtner (Geschäftsführer FC Ingolstadt), Nia Künzer (Frauenfußball-WM-Botschafterin und ARD-Kommentatorin), Ex-Profi Jörg Kässmann (Sportlicher Leiter SC Waldgirmes), HFV-Präsident Rolf Hocke und Kreisfußballwart Henry Mohr kompetent besetzt. Durch den Abend führten die Moderatoren Prof. Dr. Heinz Zielinski (Sportkreisvorsitzender Gießen) und Ralf Waldschmidt (Ressortleiter Sport "Gießener Allgemeine").

Schon vor der eigentlichen Diskussion erhielt Harald Gärtner Applaus. Moderator Prof. Heinz Zielinski stellte den Geschäftsführer des FC Ingolstadt 04 vor und erwähnte dabei den aktuell vollzogenen Aufstieg des bayerischen Fußball-Klubs in die 2. Bundesliga. Seit dreieinhalb Jahren leitet der Heuchelheimer die Geschicke des jungen Vereins, der 2004 gegründet wurde. Dem 41-Jährigen gelang dabei ein Künststück, das nicht alltäglich ist. Gleich in seiner ersten Amtszeit führte er die "Schanzer", wie die Ingolstädter Fußballer aus historischen Gründen auch genannt werden, in der Saison 2007/2008 in die 2. Bundesliga, stieg zwar nach einer Spielzeit ab, schaffte aber den direkten Wiederaufstieg.

Dazu gehören nicht nur finanzkräftige Partner, sondern auch viel Menpower. Für den Ex-Profi mit Stationen bei Fortuna Düsseldorf, SV Meppen, Hannover 96 und Admira Wacker Mödling gehört ein 16-Stunden-Arbeitstag zum Alltag. "Wenn ich Fußball nicht leben würde, könnte man den Job nicht bewältigen", sagte der "Macher" des FCI. Er führte weiter an, dass die 3. Liga für einige eine "Todesliga" sein kann. "Ambitionierte Klubs wollen unbedingt den Sprung in Liga zwei schaffen und leben aus diesem Grund über ihre Verhältnisse." Ein gravierender Unterschied zwischen der 3. Liga und der zweiten ist die Verteilung der Fernsehgelder. Erhielt der FC Ingolstadt in Liga drei 800 000 Euro, kann Gärtner in der 2. Bundesliga mit 4,1 Millionen Euro kalkulieren.

Natürlich richtet sich der Blick von Gärtner - trotz des Weggangs von der Lahn an die Donau - auch auf die mittelhessische Fußball-Region, in der er groß geworden ist. Er appellierte, die Kräfte zu bündeln und ein "Zugpferd für die Region" zu installieren. Man müsse in anderen Strukturen denken - Weg vom Gedanken SC Waldgirmes, FSV Fernwald, VfB 1900 Gießen, TSG Wieseck und hin zu einem gemeinsamen Klub, der die Region in einer höheren Liga vertritt.

"Der Gießener Raum verkraftet mindestens einen Dritt-, möglicherweise sogar einen Zweitligisten", machte er seiner "Ex-Heimat" Mut.

Jörg Kässmann sieht den Auftrag seines Klubs auf einer anderen Basis - mehr im sozialen Bereich. "Wir wollen eine Plattform bieten, damit sich die Spieler entwickeln können und vielleicht den Sprung nach oben schaffen", erläuterte der Ex-Torwart des Bundesligisten Borussia Mönchengladbach. Ihm missfällt, dass durch die Ligenumstrukturierung den einstigen Oberliga-Klubs viel Geld weggebrochen ist. Damals habe der Viertligist noch an den Fernsehgeldern partizipiert und 25 000 Euro erhalten.

Gießens Kreisfußballwart Henry Mohr entgegnete der Gärtner-Vision von einem Aushängeklub der mittelhessischen Region, dass dies nur schwer umzusetzen sei. Er würde sich solch eine Konstellation eher im Jugendbereich wünschen. Man habe mit dem VfB 1900 Gießen und der TSG Wieseck zwei Vereine, die ihre Jugendmannschaften in der höchsten hessischen Liga beheimatet hätten. Sorgen macht er sich um die Finanzierung der aktuell in die Regionalliga (gleichzusetzten mit "Bundesliga") aufgestiegenen C-Junioren der TSG Wieseck. "Wie kann der Verein so etwas stemmen?", stellte der "Mann von der Basis" in den Raum.

Aus einer ganz anderen Sichtweise betrachtete Dr. Philipp Geiss die Kommerzialisierung des Fußballs. Als Programmdirektor Sport ProSieben Sat.1 Media AG schaut der ehemalige Gießener Uni-Fußballer erst einmal auf die TV-Quote. Mit seinem Deal, die Champions League und die Europa League bei Sat.1 zu installieren, hat er den Privatsender mit Vollprogramm in den nationalen Fokus gerückt und mit dem bis ins Endspiel eingezogenen FC Bayern München sozusagen einen "Sechser" im Lotto gelandet. "Hätte es noch der Hamburger SV bis ins Finale gepackt, wäre das für uns das i-Tüpfelchen gewesen", sagte Dr. Geiss. Der bald 50-jährige Lauterbacher mahnte aber an, dass sich die Finanzierung der Bundesliga-Klubs über die Fernsehgelder auf dünnem Eis bewege. "Die Finanzierung erfolgt zum großen Teil durch die ARD und damit von den Gebührenzahlern, die praktisch 60 Millionen Euro miteinfließen lassen." Zudem sei nicht auszudenken, was passiere, wenn der größte Geldgeber, der Pay-TV-Sender Sky, ernsthafte Probleme bekommen würde.

Große Sorgen um die Kluft zwischen Profi- und Amateurfußball machte sich Jörg Jakob, der stellvertretende Chefredakteur des "Kicker". "Diese Kluft ist ungesund groß. Wenn die Basis ausblutet, wird das auch die Spitze merken", erklärte der Wahl-Wettenberger und gab zu bedenken, dass es sich beim Profi- und beim Amateurfußball aus seiner Sicht mittlerweile um zwei verschiedene Sportarten handele. "Vielleicht muss man anerkennen, dass es für Vereine wie den VfB 1900 Gießen und den SC Waldgirmes irgendwo nicht mehr weiter nach oben geht. Diese Träume sind nicht mehr zu verwirklichen", sagte Jakob.

HFV-Präsident Rolf Hocke gab interessante Einblicke in die Statistik und schlüsselte auf, was der DFB, dessen Vizepräsident der Waberner ist, mit den 155 Millionen Euro Einnahmen der WM 2006 getan hat. "50 Millionen an den Fiskus, 50 Millionen an die Fifa, 20 Millionen an die 21 Landesverbände, 20 Millionen an die Liga und weitere 5 Millionen an den DOSB, die Sporthilfe und weitere Verbände", so Hocke, der mit der einen Million, die an den HFV ging, größtenteils die Sportschule Grünberg und das zugehörige Hotel renoviert habe. Darüber hinaus erklärte Hocke, dass der DFB seit der enttäuschend verlaufenden EM 2002 jährlich 10 Millionen Euro für Stützpunkt-Training ausgebe.

Dass der DFB im Jahr 2009 einen Zuwachs von 70000 Mitgliedern hatte, freute auch Nia Künzer. Die Ex-Weltmeisterin grinste aber noch mehr, als bestätigt wurde, dass zwei Drittel dieser neuen Mitglieder im Bereich Frauen und Mädchen gezählt wurden. "In diesem Bereich lebt der Fußball noch mehr von der Emotion. Es geht nicht um das große Geld. Allerdings haben Sponsoren und TV-Sender den Frauenfußball auch längst entdeckt, die Rahmenbedingungen haben sich sehr verbessert und das tut auch dem Spiel gut", erklärte Künzer, die bei der WM in Südafrika als ARD-Kommentatorin vor Ort sein wird.

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