TTG Kirtorf/Ermenrod zieht sich aus Hessenliga zurück

Schluss, Aus, Ende – die Zeit der TTG Kirtorf/Ermenrod in der Tischtennis-Hessenliga ist beendet. Obwohl die Mannschaft als Achter sportlich nicht abgestiegen ist, haben die Verantwortlichen den Rückzug angekündigt. Die Gründe dafür sieht der Vorsitzende Steffen Schindler abseits der Platte.

(phk) Das 9:3 über den Tabellenletzten TTC Höchst/Nidder II am vergangenen Wochenende war der Abgesang eines 15 Jahre dauernden Projekts, heimischen Nachwuchsspielern eine Möglichkeit zu geben, ihren Sport jenseits der Bezirksebene auszuführen. Aufgrund mangelnden Nachwuchses dieser Qualität zogen die Verantwortlichen nun die Reißleine – zu aufwendig, zu teuer, zu unattraktiv. Die Mannschaft der TTG Kirtorf/Ermenrod wird deshalb auch nicht an den Relegationsspielen teilnehmen.

Der 54-jährige Vorsitzende Steffen Schindler, der seinen Posten im Juni nach fast 30 Jahren an ein Vorstandsteam abgeben wird, ist ernüchtert: "Es sind immer weniger junge Spieler da, die sich für ihren Sport quälen wollen und auf die Zähne beißen. So ergibt es keinen Sinn mehr, diesen Aufwand weiter zu betreiben", erklärt Schindler, der im gesamten Vogelsbergkreis auf absehbare Zeit keinen Nachwuchscrack sieht, der seiner Mannschaft neuen Schwung hätte verleihen können.

Die logische Konsequenz ist der Rückzug aus Hessens höchster Spielklasse; in welche Liga ließ er im Sinne der sportlichen Fairness angesichts noch ausstehender Relegationsspiele noch offen. Fest steht: Die beiden Topspieler Miroslav Stepka und Jakub Svec sowie Christian Hansmann werden den Verein verlassen. Die Zukunft des letzten verbliebenden Nachwuchsspielers Benjamin Förster ist aufgrund einer Knieverletzung offen. "Ich hoffe, es klärt sich bis September, ob Benjamin weiter spielen kann. Alle anderen bleiben", so Schindler über Simon Burkhardt und Daniel Ritter, die zusammen mit Spielern der zweiten Mannschaft, derzeit beheimatet in der Bezirksliga, die neue Kirtorfer "Erste" bilden sollen.

Die Auswirkungen auf die weiteren Mannschaften der TTG werden in personeller Hinsicht teils ähnlich drastisch ausfallen, in welcher Liga sie in Zukunft antreten ist deshalb bis zu einer Vereinsversammlung Anfang Juni ebenfalls offen.

Schindler sieht den Grund für das Scheitern nicht nur in der Standortschwäche der Region, die von vielen jungen Menschen mangels Attraktivität verlassen wird, sondern in der veränderten Einstellung zu Sport in Politik und Gesellschaft allgemein. Trotz Bemühungen wie Tage der offenen Tür, ehrenamtlichem Engagement im Verein und in den Schulen, etwa mit kostenlosem Nachmittagsangebot, sei gerade das Bild im Verein gerade bei den Jungs erschreckend.

"TTG wie ein drittes Kind"

"Auf den Sportunterricht in der Schule wird zu wenig Wert gelegt, für Schulunterricht von Vereinsseite gibt es vom Schulamt immer mehr Auflagen und die Aufwandsentschädigung wurde gestrichen. Stattdessen wird von Projekten wie einem Sportzentrum mit Kunstrasen und Halle fantasiert, obwohl überhaupt keine Kinder da sind. Hier geht die Politik an der Praxis völlig vorbei", echauffiert sich Schindler.

Zusammen mit dem demografischen Wandel prognostiziert er seinem Sport ein Vereinssterben von 25 bis 30 Prozent in den nächsten zehn Jahren, obwohl "man es bei uns im Tischtennis erst später merkt, da man diesen Sport ja auch im gesetzten Alter noch ausüben kann". Mit dem Rückzug will er den Verein für die Zukunft aufstellen, indem die erste Mannschaft wieder nur aus eigenen Leuten bestehen soll und damit hoffentlich attraktiver für Zuschauer aus der Umgebung wird und vielleicht sogar den einen oder anderen Nachwuchsspieler anlockt.

"Die TTG ist für mich wie ein drittes Kind, aber irgendwann reicht es und man ist müde", erklärt Schindler die Entscheidung. Er selbst bleibt dem Verein als Spieler erhalten, möchte seine restliche Freizeit aber nun vermehrt seinem Enkel widmen. Vollends pessimistisch ist auch er trotz allem nicht: "Es wird eine erste Mannschaft geben, die in ihrer neuen Klasse schlagkräftig ist. Und wenn wieder eigene junge Leute da sind, die das Zeug zu Höherem haben, können wir ja jederzeit wieder aufsteigen."

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