Da kommen sie: Wie jeden Tag bringt Mutter Heike ihre beiden Söhne Tim (l.) und Max zum Training oder sammelt sie wieder ein. (Foto: sno)
+
Da kommen sie: Wie jeden Tag bringt Mutter Heike ihre beiden Söhne Tim (l.) und Max zum Training oder sammelt sie wieder ein. (Foto: sno)

"Die Kinder geben die Regeln vor"

(sno) Rund 40 000 Kilometer im Jahr legen Heike und Torsten Steinmüller für Training und Wettkampf ihrer beiden Söhne zurück. "Entweder man fördert oder man fördert nicht", sagt der Vater. Solch einen Einsatz der Eltern würden sich viele Sportvereine wünschen.

Auch am gestrigen Mittwoch war die komplette Familie Steinmüller wieder am Golfplatz in Winnerod. Mutter Heike fuhr ihre Söhne Max (12) und Tim (14) zum Training, Vater Torsten, in der Jugendabteilung aktiv, nimmt sie am Abend mit nach Hause, nach Heuchelheim. Die Söhne sind sportliche Talente, der Vater hat sich dem Sport verschrieben und die Mutter hatte im Grunde gar keine andere Wahl als mitzuziehen. 40 000 Kilometer legen die Eltern im Schnitt in jedem Jahr für ihre Kinder zurück. Die Familie Steinmüller ist eines von vielen idealen Beispielen im Landkreis Gießen dafür, wie sich Eltern für die Entwicklung ihrer Kinder einsetzen und der Sport die Familie zusammenhält. "Der Sport gehört wie selbstverständlich zu ihrem Leben", sagt Mutter Heike über ihre Söhne. Tim ist gerade Hessenmeister in der C-Jugend der HSG Dutenhofen/Münchholzhausen geworden. Sein jüngerer Bruder Max gilt beim Golf in Winnerod als Ausnahmetalent. Er zählt zu den 25 Besten seines Jahrgangs in Deutschland.

"Sie haben mir die Bälle durch

die Wohnung geschossen"

Woher kommt dieses Talent? "Keine Ahnung", sagt Vater Torsten mit einem Lachen. Er selbst war ehemaliger Drittligatorhüter im Handball, seine Frau Heike hatte bis zur Geburt ihrer Kinder "nullkommanull" Bezug zum Sport. Früh waren ihre Kinder im eigenen Wohnzimmer ungewöhnlich aktiv. "Ich war froh, als ich sie mit fünf Jahren endlich zum Sport in den Verein bringen konnte. Sie haben mir in der Wohnung die Bälle durch die Gegend geschossen." Seit sich die Eltern Heike und Torsten Steinmüller dazu entschlossen haben, ihre Kinder an den Sport heranzuführen, hat sich ihr Tagesrhythmus verändert. Erst spielten beide Söhne bei den TSF Heuchelheim Fußball und gleichzeitig Handball in Dutenhofen. Kurz darauf kam das Green in Winnerod hinzu. Jeden Tag sind Tim und Max im Training oder Wettkampf aktiv. Ganz egal wohin der Golfschläger oder der Handball sie führt, die Eltern machen mit: Luxemburg, Karlsruhe oder Berlin waren zuletzt Teil der Route.

"Entweder man fördert oder man fördert nicht", sagt Torsten Steinmüller dazu. Er ist der Antreiber, seine Frau zieht mit. "Unter der Woche fährt sie jeden Tag, am Wochenende übernehme ich die Hauptarbeit." Sofern das machbar ist – zwei ambitionierte Kinder und zwei verschiedene Jugendklassen bedeuten häufig auch, dass sich die Eltern aufteilen müssen. "Die Wochenenden sind vor allem im Sommer komplett verplant. Und es wird in den nächsten Jahren nicht weniger. Die Kinder geben da in gewisser Art und Weise die Regeln vor", weiß Torsten Steinmüller. Gerade zu Beginn war das für seine Frau nicht immer einfach zu akzeptieren – mittlerweile sagt sie: "Es ist selbstverständlich für mich. Ich versuche, meine Termine so zu legen, dass ich meine Kinder fahren kann. Es ist schön, dass sie dem Sport so verbunden sind. In dieser Zeit sind sie sinnvoll beschäftigt. Was im Zeitalter von Computer, Handy und Co. wiederum nicht selbstverständlich ist."

Hin und wieder gerät man bei all den Trainings- und Wettkampfzeiten aber auch mal durcheinander. Als Heike Steinmüller den Wochenplan erklären möchte, stockt sie beim Montag: "Ach nein, ich glaube, da haben die beiden doch mal frei. Ich weiß es gerade nicht", sagt sie und muss lachen. "Irgendwann verliere ich auch mal den Überblick."

Viele Amateurvereine beklagen das Verhalten der Eltern: Vom Parken der Kinder ist häufig die Rede, das Interesse wird vermisst. Heike Steinmüller kann das im Handball in Dutenhofen, wo beide Kinder spielen, nicht bestätigen: "Da schaue ich, wie viele andere, immer zu. Weil es mich interessiert und den Kindern tierischen Spaß macht."

So etwas hören Sportverantwortliche gerne. Andreas Klimpke, Jugendkoordinator der HSG Dutenhofen/Münchholzhausen, weiß: "Eltern sind für uns unabdingbar. Ohne sie können wir keinen Leistungssport betreiben. Bei der sportlichen Entwicklung kommen nach Talent und Willen direkt die Eltern." Sie ins Boot zu holen, sei nicht nur eine Floskel: "Ich bin häufig im Jugendtraining dabei. Dann geht es eben auch darum, sich Zeit für die Eltern zu nehmen und mehr als nur ein, zwei Sätze zu wechseln.

" Bei der HSG, die in diesem Fall den Vorteil der Professionalität hat, werde von Anfang an vorgegeben: "Einmal ins Training kommen und dann wieder nicht, gibt es bei uns nicht." Aufgrund der vielen Fahrten sei das für manche Eltern letztlich "auch eine Kostenfrage".

"Selbst wenn sie 18 Jahre alt

sind, werden wir sie begleiten"

Eine Zeitfrage kommt früher oder später auf die Familie Steinmüller zu. Tim und Max spielen derzeit Handball und Golf, vom Fußball haben sie sich bereits getrennt. "Beide Sportarten zu vereinen, geht irgendwann nicht mehr", meint die Mutter. "Die Zeit überschneidet sich einfach." Fest steht für sie und ihren Mann: "Es hat oberste Priorität, dass beide erst einmal einen normalen Beruf ausüben." Und auch wenn die beiden irgendwann 18 Jahre alt sein sollten und selbst fahren könnten: "Selbst dann", weiß Mutter Heike, "werden wir sie sicherlich noch begleiten und mitfahren."

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema

Kommentare