Sportwetten

(K)ein Glücksspiel

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Dirk Raczkowski liebt den Sport und das Glücksspiel. Für Wett-Empfehlungen, die er online teilt, lässt sich der Wetterauer Kreisliga-Kicker bezahlen. Ein boomendes Business.

Der europäische Fußball ist sein persönliches Spielfeld. Die großen Ligen sowieso, aber auch exotischere Ligen wie in Skandinavien, Polen, Rumänien oder Russland. Nur Irland und Schottland liegen ihm nicht. Dirk Raczkowski lebt vom Detailwissen, von seinem Bauchgefühl, seiner langjährigen Erfahrung und seiner Recherche. Sportwetten sind seine Leidenschaft und bilden seine finanzielle Existenzgrundlage. Als Administrator betreut er unter anderem die Facebook-Gruppe "sports betting no. 7" mit aktuell 6400 Mitgliedern, aber auch eine kostenpflichtige Community leidenschaftlicher Wettspieler, die bereit sind, 25 Euro monatlich für seine Expertise zu bezahlen und seinen Tipps folgen. Raczkowski ist also kein Wettanbieter, sondern lediglich Ratgeber. Ein noch junges und weitgehend unbekanntes Geschäftsmodell. "Die Zahl der Menschen, die sich für Sportwetten begeistern, und die Umsätze der Anbieter steigen stetig", sagt Raczkowski, der nach vielen Jahren in der Fußball-Kreisoberliga Friedberg und einem Kreuzbandriss kürzer treten wird und beim B-Ligisten VfR Ilbenstadt seine neue sportliche Heimat gefunden hat.

Dirk Raczkowski, Sportwetten sind ein Glücksspiel. Was unterscheidet Sie von anderen, dass Sie Ihr Arbeitsverhältnis als Steuerfachangestellter aufgegeben haben und sich als Dienstleister auf diesem noch neuen Markt etablieren konnten?

Dirk Raczkowski: Ich sehe das Ganze als langfristige Geldanlage und beschäftige mich intensiv mit dem, was ich tue. Man braucht Geduld, Disziplin, Wissen und ein entsprechendes Geld-Management, also einen Puffer, der auch negative Phasen verzeiht, ohne, dass man in Panik verfallen muss. Ich habe früh aus meinen Fehlern, aus einer Gier nach einer hohen Quote aus Kombi-Wetten, gelernt und setze seit langer Zeit fast nur noch auf Einzel-Wetten. Und da macht’s die Masse bei manchmal 20 bis 50 Wetten täglich in Hochzeiten.

Was übt den Reiz am Wetten aus?

Raczkowski: Es verleiht einen Extra-Kick. Ein Spiel ist noch viel interessanter, wenn man zuvor eine Wette platziert hat.

Wo ziehen Sie die Grenze zur Spielsucht?

Raczkowski: Man sollte nur mit dem Geld spielen, das man übrig hat, darf sich nicht verschulden und sollte ruhig schlafen können. Klar, man darf sich über eine verlorene Wette auch mal ärgern. Finanziell muss man aber relaxed bleiben.

Sie sind selbst aktiver Fußballer. Welche Rolle spielen Sportwetten in der Kabine?

Raczkowski: Das ist immer mal wieder ein Thema. Jeder hat schon mal auf irgendeine Partie gewettet. Meist im Bereich von fünf, zehn oder 20 Euro. Und meist mit dem klassischen Anfängerfehler, viele Spiele auf einem Schein zu platzieren, um die Gewinn-Quote zu erhöhen. Das geht fast nie gut - und auf lange Sicht legt man sicher mehr drauf als man auf einen Schlag gewinnen kann.

Sie haben über viele Jahre im kleineren Rahmen gewettet. Was hat den Ausschlag gegeben, einerseits viel mehr Zeit in die Analyse zu investieren, und andererseits Ihr Wissen als Dienstleister anzubieten?

Raczkowski: Ein Kreuzbandriss vor etwa zweieinhalb Jahren. Insbesondere den europäischen Fußball hatte ich schon immer im Auge, und nun hatte ich viel Zeit mich intensiver damit zu befassen. Und irgendwann dachte ich einfach: Warum eigentlich nicht? Die Zahlen haben gestimmt. Ich hatte quasi keinen Kapitaleinsatz und kein Risiko mit der Existenzgründung. Ich habe konservativ gerechnet und dann meine Entscheidung getroffen.

Sie hatten zu diesem Zeitpunkt bereits eine kostenlose Facebook-Gruppe zum Thema Sportwetten gegründet; mit welchem Ziel?

Raczkowski: Das kam aus einer Laune heraus. Was daraus entstanden ist, ist der Wahnsinn. Da hat sich irgendwann eine irre Eigendynamik entwickelt. Gruppen, in denen Austausch ohne eine Qualitätsprüfung stattfindet, gab es viele. Ich habe meine Gruppe auch aus einem gewissen Selbstschutz eröffnet, wusste, dass ich bewusster mit dem Thema umgehe, wenn mir Leute folgen und mich überprüfen können. Und ich wollte ein breites Spektrum abbilden, Anfänger und Fortgeschrittene ansprechen.

Inzwischen gibt es eine Premium-Gruppe für einen Monatsbeitrag von 25 Euro unter Ihrer Leitung. Wie funktioniert Ihr Geschäft? Wofür zahlen die Mitglieder?

Raczkowski: Ich gebe Empfehlungen mit konkreten Einsatz-Vorgaben. Dies erfolgt anhand einer Einheiten-Vorgabe. Ich gebe zu jedem Tipp eine Vorgabe zwischen einer und zehn Einheiten. Eine Einheit stellt ein Prozent des Startkapitals dar, der Durchschnittseinsatz liegt zwischen zwei und drei Einheiten pro Wette. Und dann liegt es an jedem selbst, ob und mit welchem Einsatz er meine Wetten nachspielt oder nicht. Viele spielen komplett meine Tipps nach, andere suchen sich die Rosinen heraus. Hierbei ist es unerheblich, bei welchem Wettanbieter man spielt, auch wenn es dort mitunter große Unterschiede gibt.

Wie viele Empfehlungen geben Sie durchschnittlich heraus?

Raczkowski: Im Schnitt etwa 120 bis 150 im Monat.

Wie kamen Sie zur Überzeugung, neben Ihren eigenen Wetten über eine solche Idee den Schritt in die Selbstständigkeit zu wagen?

Raczkowski: Das habe ich eigentlich recht spontan im vergangenen Herbst entschieden. Die kostenpflichtige Gruppe lief da bereits seit einigen Monaten, die Mitgliederzahlen stimmten - es hat alles gepasst. Da mein erlernter Beruf einer der sichersten überhaupt ist und ich jederzeit in ihn zurückkehren könnte, hatte ich den Entschluss gefasst, mein Hobby zum Beruf zu machen. Eine Entscheidung, die ich bis heute keine Sekunde bereut habe.

Wie gehen Sie mit Nörglern und Kritikern um, wenn Tipps einmal nicht aufgehen?

Raczkowski: Wie man in den Wald hineinruft, so schallt es auch heraus. In der Gruppe wird ein niveauvoller Umgang gepflegt. In der Regel kommt es da nicht zu solchen Szenarien. Eine gute Atmosphäre ist mir wichtig, nur dann bleiben die Menschen der Gruppe auch treu.

Verfolgen Sie Sportveranstaltungen mit anderen Augen als ein Sportinteressierter?

Raczkowski: Ja. Ich achte auf Details, die für meine Analysen nützlich sein könnten. Im Mannschaftssport gibt’s viele Statistiken, derer man sich für seine Analysen behelfen kann. Bei einer Individualsportart wie Tennis helfen keine Stats, da lässt sich vieles besser aus Live-Eindrücken ableiten.

Wie hat sich Ihr Wett-Portfolio erweitert?

Raczkowski: Ich habe mich schon immer mit dem europäischen Fußball beschäftigt. Etwa 20 Länder habe ich immer im Auge, da kenne ich mich gut aus. Da entsteht im Laufe der Zeit eine gewisse Routine, ob ein Spiel für eine Wette infrage kommt. Irgendwann kamen die NHL, NBA und die MLB und letztlich Tennis dazu. Für jede dieser Sportarten habe ich auch zusätzlich einen Berater, der das ganze intensiv verfolgt.

Sie müssen tagtäglich auf dem neuesten Stand sein. Können Sie überhaupt einmal eine gedankliche Auszeit nehmen oder in Urlaub fahren?

Raczkowski: Urlaub ist nur in Kombination mit einer stabilen Wlan-Verbindung möglich. Ich kann mich nicht mal eben drei Wochen aus dem Business ausklinken und die Gruppe stillstehen lassen. Da die Arbeit meine große Leidenschaft ist, nehme ich das aber gerne in Kauf.

Wie waren die Reaktionen, als Sie Ihren eigentlichen Beruf aufgegeben und auf Glücksspiel gesetzt haben?

Raczkowski: Ich verdiene mein Geld mit der Dienstleistung und nicht durch das Wetten, denn das kann man natürlich nicht von A bis Z durchplanen. Meine Freundin und meine Familie haben mich bei meiner Entscheidung unterstützt, auch wenn bei meiner Mutter eine gewisse Skepsis zu erkennen war.

Wie gehen Sie mit Rückschlägen um?

Raczkowski: Solche Phasen gibt es natürlich. Ich hatte auch schon mal mehrere Monate, in denen es unterm Strich nicht gut gelaufen ist. Dann muss man analysieren: Ist’s einfach Varianz, oder hat man Fehler in der Auswahl der Wetten gemacht? In der Regel kann man auch nach einer verlorenen Wette zu einem Tipp stehen. Außerdem schaue ich jeden Monat, was jede Sportart und was Einzel-, Kombi- oder System-Wetten abgeworfen haben und ziehe daraus meine Schlüsse.

An welche Wette denken Sie gerne zurück?

Raczkowski: Ein Klub der ersten russischen Liga musste im März aus finanziellen Gründen quasi den kompletten Kader austauschen und mit seiner Reserve und zweitklassigen Neuverpflichtungen zum nächsten Spiel antreten. Das habe ich recherchiert und hatte einen Wissensvorsprung, ehe das richtig zu den Wettanbietern vorgedrungen war. Entsprechend hatte ich eine gute Quote als ich einen Halbzeitrückstand und eine hohe Niederlage vorgesagt hatte. Bis zum nächsten Spiel war diese Quote auf eine Niederlage dieser Mannschaft bei 1.03 quasi tot.

Das Sportwetten-Business boomt. Wie sehen Sie Ihre Zukunft?

Raczkowski: Der Markt wird derzeit immer größer. Es gibt immer mehr Menschen, die sich für Sportwetten begeistern können. Und man muss nur einmal auf die Werbeeinblendungen während der Sport-Übertragungen achten. Die Zahl und das Werbe-Investment der Anbieter steigen deutlich, und viele Bundesligisten haben inzwischen auch Kooperationen mit den Wettanbietern.

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