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Das RSG-Team bei der Thüringen-Rundfahrt in Aktion, rechts Katharina Fox, aktivste Fahrerin, mit dem blau-weißen IKK Classic Trikot.

Katharina Fox überrascht als Ausreißerin

  • VonStephan Dietel
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(die). Dass es derart gut laufen würde, übertraf wahrscheinlich die eigenen Erwartung: Die RSG Gießen Biehler hat sich bei der Lotto Thüringen Ladies Tour international einen Namen gemacht, zwei der sechs Etappen geprägt, Berg- und Sprintpunkte eingefahren und insgesamt fünf Sonder-Wertungstrikots der Rundfahrt geholt.

Vom ersten Tag an war die RSG Gießen Biehler bei der 672 Kilometer langen Rundfahrt über sechs Etappen durch den Freistaat Thüringen offensiv unterwegs. Dass sie als eine von 17 Mannschaften gleich sechs der neun UCI Womens World Teams als Gegnerinnen hatte, sie neben dem Thüringer maxx-solar-Lindig Team die einzige Amateur-Mannschaft war, wirkte dabei wohl umso mehr als Ansporn.

Bei kühlen Temperaturen, Nässe und starkem Wind hatte die Rundfahrt mit einer 88,9 Kilometer langen Etappe rund um Schmölln begonnen. Beim Sieg der Dänin Emma Norsgaard vom Movistar Women Team vor Lucinda Brand (Team Trek-Segafredo) und Lotte Kopecky (Nationalteam Belgien) kamen die RSG-Damen im Feld der 97 Starterinnen solide an: Katharina Fox und Helena Bieber auf den Plätzen 61 und 62, Lydia Ventker auf Platz 71, Bianca Bernhard auf Rang 86, Adelheid Schütz auf Platz 89 und Amelie Hild auf Platz 95. Zu Beginn der Etappe, die abends im Livestream des MDR übertragen wurde, gelang den RSG eine erste namentliche Erwähnung. Bei der Siegerehrung wurde Fox als beste Amateurin mit dem Gotha-Adelt-Amateur Trikot ausgezeichnet.

Eine kleine Chance machte die RSG Gießen zu einem dicken Ding auf der zweiten Etappe, die 125 Kilometer rund um Gera führte. Sie platzierte eine Menge an Attacken. Hild machte den Anfang, Fox legte nach und konnte bis zur ersten Sprintwertung als Solistin vor dem Feld der Verfolgerinnen fahren. Dann setzte sich Bieber ab und wurde vor der ersten Bergwertung nur von Katrin Hammes (Ceratizit-WNT Pro Cycling Team) übersprintet. In der Abfahrt hinter der zweiten Bergwertung war es dann schon keine Überraschung mehr, dass durch Fox erneut das grün-schwarze RSG-Trikot einen Vorstoß wagte. Ihr Vorsprung wuchs rasch auf 55 Sekunden. Mit 6:21 Minuten Rückstand in der Gesamtwertung war Fox keine Gefahr für die führende Norsgaard, die sich hinter ihr ein Duell um Platz zwei am Berg mit Liane Lippert (DSM) lieferte. Dadurch war auch das Hauptfeld gefährlich nah an Ausreißerin Fox gekommen. Doch den schrumpfenden Vorsprung konnte sie noch mal auf bis zu 1:20 Minuten ausbauen und sich die nächste Sprintwertung sichern, ehe die Flucht tatsächlich vorbei war. Den Tagessieg in Gera sicherte sich Lorena Wiebes (DSM) vor der Zweitplatzierten Norsgaard.

Sie habe unterwegs Tränen in den Augen gehabt, als sie realisierte, gerade die Weltspitze des Frauen-Radsports hinter sich gelassen zu haben, beschrieb die 24-jährige Fox ihre Solofahrt im Fernsehinterview mit dem MDR, dessen Berichterstattung von der offensiven Fahrweise der Amateurinnen geprägt wurde. Das blau-weiße IKK Classic Aktiv-Trikot für Fox als aktivste Fahrerin war der Lohn.

Die Flucht nach vorn angetreten

Alles andere als müde zeigten sich die RSG-Damen auf der dritten Etappe über 116,5 Kilometer und 1719 Höhenmeter rund um Schleiz. Schon nach vier Kilometern setzte sich Bieber mit ihrer Teamkollegin Ventker und Caroline Andersson (Team Coop-Hitec Produts) aus dem Feld der 93 Fahrerinnen ab. Ventker, Bieber und Wild schnappten sich in dieser Reihenfolge die erste Bergwertung, der Vorsprung wuchs bis auf beachtliche 8:30 Minuten. An der zweiten Bergwertung, die an Wild vor Bieber und Ventker ging, zeigte sich dann schon etwas Kräfteverschleiß. Etwas später waren nur noch Wild und Bieber als Duo unterwegs. Bieber konnte sich noch als Dritte über die dritte Bergwertung retten, ehe die Flucht nach rund 90 Kilometern zu Ende war. Lucinda Brand (Trek-Segafredo) sicherte sich mit zwei Sekunden Vorsprung vor Norsgaard und Kopecky den Etappensieg. Helena Bieber wurde als aktivste Fahrerin und beste Amateurin ausgezeichnet.

Die Attacken um eine Ausreißergruppe zu Beginn der vierten Etappe über 101 Kilometer rund um Dörtendorf kosteten der RSG nach den Strapazen der Vortage viel Kraft. Fünf der sechs Fahrerinnen fielen zurück und mussten fortan darum kämpfen, den Rückstand nicht zu groß werden zu lassen. Brand verdrängte auf dieser Etappe Norsgaard aus dem Führungstrikot. »Heute haben wir ein bisschen bezahlt für die Parforceritte, die wir die letzten Tage gemacht haben«, sagte Christian Müller, der Sportliche Leiter der RSG.

So galt es über Nacht gut zu regenerieren, um auch die 143 Kilometer lange Königsetappe rund um Gera zu überstehen. Nach unzähligen Attacken kam erst nach 20 Kilometern eine Ausreißergruppe zustande. Ventker, Schütz und Hild waren mit ihren Kräften schon in Schwierigkeiten, von denen sie sich nicht mehr erholen sollten. Ventker stieg in der Verpflegungszone entkräftet aus, Schütz und Hild wurden mit zu großem Rückstand aus dem Rennen genommen. Die Hoffnungen lagen von nun an auf Bernhard, Fox und Bieber - auch um in die Teamwertung zu kommen, für die man drei Fahrerinnen ins Ziel bringen musste. Bernhard konnte sich über 90 Kilometer im Hauptfeld behaupten. Fox hatte bei Rennkilometer 120 einen Reifenschaden, stürzte bei der Aufholjagd, aber erreichte wie Bernhard ebenfalls das Ziel. Bieber konnte sogar bis zur letzten Bergwertung mitfahren, bevor dort das Hauptfeld im beginnenden Finale in mehrere Gruppen zerfiel.

Es vielleicht noch mal in eine Spitzengruppe zu schaffen, war das selbstbewusste Vorhaben für die Schlussetappe über 98 Kilometer rund um Gotha. »Das war ein richtiges Geballer auf den ersten 40 Kilometern. Links eine Attacke, rechts eine Attacke. So ging das die ganze Zeit. Das Feld hat niemanden wegfahren lassen, um es zu einem Sprintfinale kommen zu lassen«, schilderte Müller den Beginn der Etappe. Das Finale gewann Lorena Wiebes vor Kopecky und Emilia Fahlin (FDJ Nouvelle-Aquitaine Futuroscope). Der Gesamtsieg der Lotto Thüringen Ladies Tour ging an Brand vor Kopecky und Norsgaard. Mit insgesamt fünf Sonder-Wertungstrikots und international geprägter Bekanntheit im Gepäck reiste die RSG Gießen Biehler sehr zufrieden aus Thüringen ab. Die Rückkehr nach Hause und in ihre Jobs ist für die Amateurinnen aber nur eine Zwischenstation: Schon ab Donnerstag sind sie in Niederösterreich bei der nächsten Rundfahrt im Einsatz.

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