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So macht Julian Simon die Gießener fit

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Von: Sven Nordmann

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Willkommen im neuen Wohnzimmer: Der langjährige Fußballer Julian Simon aus Fernwald in seinem eigenen Studio am Alten Flughafen in Gießen. © Sven Nordmann

Von 2013 bis 2017 war Julian Simon Teil der Erfolgsgeschichte des SC Teutonia Watzenborn- Steinberg. Der Fernwälder Fußballer gilt seit jeher als athletischer Typ und »positiv Verrückter« - der Job des Personal Trainers mit eigenem Studio in Gießen scheint daher wie maßgeschneidert zu sein für den 33-Jährigen, der Grenzen verschieben will.

Im Frühjahr 2016 läuft Julian Simon über das Sportgelände an der Neumühle, nassgeschwitzt nach einem erfolgreichen Spiel in der Fußball-Hessenliga für den damaligen SC Teutonia Watzenborn-Steinberg und sagt: »Du willst ja deine Grenzen kennenlernen und die verschieben. Deshalb gehe ich mit dem Verein in die Regionalliga mit und schaue, ob ich da mithalten kann.«

Sechseinhalb Jahre später, mittlerweile ist der Fernwälder Julian Simon 33 Jahre jung, hat er es sich zum Job gemacht, die Grenzen anderer Menschen zu verschieben. »Kalli von der rechten Seite«, der Dauerläufer mit Spitznamen, nimmt neuen Anlauf: Für seine Zukunft als selbstständiger Personal Trainer mit eigenem Studio am Alten Flughafen in Gießen.

Ich habe viele meiner Gehälter vom Fußball in das Fitnesstraining gesteckt.

Julian Simon

»Ich will Menschen dabei begleiten, energiegeladener zu werden und sich körperlich und mental zu entwickeln. Wir Menschen wissen oft gar nicht, was in uns steckt. Wir können so viel mehr erreichen. Wenn ich zurückdenke, dann war das in meinem Leben genau das«, sagt Julian Simon, während er in seinem neu eingerichteten Büro sitzt.

»Ich hatte um 2014 herum zwei schwere Verletzungen, mir den Mittelfuß gebrochen und das Innenband im Knie angerissen. Ich dachte, dass meine Laufbahn im ambitionierten Fußball zu Ende sei. Aber das wollte ich nicht akzeptieren.«

Der athletische Außenverteidiger lernt den Personal Trainer Marc Lubetzki aus Wölfersheim kennen - und investiert Geld und Zeit in seinen Körper. »Ich habe viele meiner Gehälter vom Fußball in das Fitnesstraining gesteckt. Dadurch begann meine Erfolgsgeschichte. Die körperliche Gesundheit ist das A und O. Seit ich an mir gearbeitet habe, auf meinen Schlaf und meine Ernährung achte, habe ich mich nicht mehr schwer verletzt. Ich habe dadurch so viel innere Stärke entwickelt, weil ich erkannt habe, wie viel mehr ich aus mir herausholen und dass ich auch mal Unangenehmes aushalten kann. Ich konnte meinen Weg im Fußball gehen.«

Julian Simon erlebt den Höhenflug in die Regionalliga Südwest hautnah mit

Von 2013 bis 2017 spielt Simon in Watzenborn-Steinberg und erlebt den Höhenflug von der Verbands- bis in die Regionalliga Südwest als Stammspieler mit. »Daniel Steuernagel war mein Glück. Er hat für mich als Trainer die Position gefunden und mich zu Höchstleistungen getrieben.«

Simon, der 25 Jahre lang in Fernwald aufwächst, zählt zur »goldenen Generation« um Kian Golafra, Louis Goncalves, Denis Weinecker und Co., die den erstmaligen Regionalliga-Aufstieg für Mittelhessens Fußball realisierten. »Wir hatten gegen Baunatal über 2000 Zuschauer an der Neumühle, wir hatten die heimischen Jungs. Die Ausgangslage war so gut. Ich blicke manchmal noch mit etwas Wehmut zurück.«

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Julian Simon spielte von 2013 bis 2017 für den SC Teutonia Watzenborn-Steinberg. © Red

Draußen an der frischen Luft zu sein und »den Spirit zu spüren, das war am schönsten. Die Saunagänge nach dem Training, die Sprüche von Gino Parson oder Louis Goncalves...Wenn du so eine Chemie hast, steht es außer Frage, dass du zum Training kommst und es Spaß macht. Dann entsteht eine Dynamik, die du nicht mehr aufhalten kannst. Deshalb ist der Kern meines neuen Studios auch das Gruppentraining zu viert. Dort habe ich eine hohe Qualität beim einzelnen Kunden, um technische Korrekturen vorzunehmen oder auf das Gewicht zu achten und kann gleichzeitig Gruppendynamik entstehen lassen.« Dreimal wöchentlich werden dabei Oberkörper, Unterkörper und Kondition gestählt.

Julian hat immer Gas gegeben. Wenn er das Menschen weitergeben kann, ist das ideal.

Ex-Trainer Daniel Steuernagel

Wenige verkörpern den Job des Personal Trainers so glaubwürdig wie Julian Simon. Sein früherer Trainer Daniel Steuernagel, der unter anderem für Kickers Offenbach und den KFC Uerdingen an der Seitenlinie stand, sagt: »Dass er jetzt als Personal Trainer arbeitet, passt wie die Faust aufs Auge. Er ist die Linie als Spieler immer rauf und runter gerannt, hatte gefühlt kein Gramm Fett und eine top Einstellung. Julian hat immer Gas gegeben. Wenn er das Menschen weitergeben kann, ist das ideal.«

Einsatz und Laufbereitschaft prägten das Spiel des Außenverteidigers, der den Kick suchte. Ob er mit dem Begriff des »positiv Verrückten« leben könne?

Simon lacht und sagt: »Das würden wahrscheinlich alle unterschreiben, die mich kennen. Die Energie ist da - aber du musst damit haushalten. Ich bin froh, dass es Menschen in meinem Leben gibt, wie meine Verlobte, meinen Bruder oder meine Mutter, die mich auch mal bremsen.«

Acht Tonnen Trainingsgeräte auf rund 80 Quadratmetern

Für seinen Traum des eigenen Studios mit über acht Tonnen an Trainingsgeräten auf rund 80 Quadratmetern ist der Selbstständige ins Risiko gegangen. »Das ist als Unternehmer finanziell normal. Du schwankst zwischen Zweifeln und Hochs. Am Ende bleibt die Frage: Willst du’s oder willst du es nicht?«

Nachdem sich der Sportbegeisterte seit 2018 fortbildete und dabei unter anderem zu Live-Seminaren von Stephane Cazeault nach Kalifornien flog, nahmen die Gedanken der Selbstständigkeit mehr und mehr Konturen an, bis sie im November 2021 konkret wurden. Der ausgebildete A-Lizenz-Fitnesstrainer mit medizinischem Hintergrund entschied sich zur Anmietung der Räumlichkeiten am Stolzenmorgen - und musste fortan viele Herausforderungen bis zur Einweihung Mitte August 2022 überstehen. Nach der Klärung des Mietverhältnisses folgten Lieferengpässe und Preisanpassungen durch den Ukraine-Krieg: »Ich war irgendwann gezwungen, riskante Entscheidungen zu treffen.«

Seit etwas über einem Monat nun steht das Studio mit der langgezogenen Trainingsfläche, einem eigenen Büro, einer Kaffee- und Getränkefläche, zwei Umkleidekabinen und Toiletten - auch dank der Mithilfe des früheren Teamkollegen Denis Weinecker, der beim Maschinenanbau mit anpackte. »Es ist das perfekte Setup«, meint Simon, der seinen Job als Sales Manager im Vertrieb bei 11teamsports ebenso aufgab wie Teilzeitanstellungen als Fitnesstrainer.

Der Schwerpunkt soll in Gießen liegen

Neben dem Gruppentraining bietet der 33-Jährige 1:1-Sessions und ein Coaching an, mit dem er Kunden einen Trainingsplan für deren Freizeitgestaltung erstellt. »Ich arbeite auch mit einer App, in der die Kunden mich direkt kontaktieren können, in der Ziele festgelegt, Leistungsdaten erfasst, Termine eingetragen und Videos online gestellt werden. So entsteht mehr Nähe.«

Mit seiner Marke »Raise - Personal Training« will sich Simon in Mittelhessen etablieren - dafür wohnt er derzeit »als Gast wieder zu Hause«, wie er mit einem Lachen anmerkt. Während seine Verlobte als Lehrerin in Lampertheim arbeitet und die gemeinsame Wohnung in Maintal derzeit nur sporadisch zusammen genutzt wird, soll nach der Hochzeit im Oktober möglichst bald der Umzug ins Gießener Land folgen.

»Hier bin ich groß geworden« - und hier in Gießen will Julian Simon nun neue Grenzen verschieben: »Die Geheimformel wird immer harte Arbeit bleiben. Mit Leistung und Antrieb konnte ich im Fußball Emotionen wecken - das will ich jetzt auch beim Einzelnen schaffen.«

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