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Julian Buß: Schuften nach dem Schock

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(sno) Tore schießt Julian Buß derzeit nur für den FC Bayern. Nicht mit seiner linken Klebe, nicht mit rechts und nicht per Kopf. Viel eher mit dem Daumen. An der Playstation. Klausurenstress und der aufwendige Weg zurück in das Sportlerleben bestimmen zwar mittlerweile seinen Alltag, einen großen Teil der langen Zeit ohne Fußball aber verbrachte Buß auf dem Sofa. Die vordere Kreuzbandruptur im linken Knie hat ihn außer Gefecht gesetzt.

Mindestens sechs Monate Zwangspause. Kreuzbandriss – die Schocknachricht schlechthin für jeden aktiven Sportler. Bei rund 50 000 pro Jahr reißt im Durschnitt das vordere Kreuzband, knapp 5000 plagen sich mit dem hinteren Kreuzband herum.

Die gefürchteten Risse kommen meist ganz plötzlich, ohne Fremdeinwirkung. Ein falscher Schritt, ein Richtungswechsel und die sportliche Laufbahn ist in Gefahr. Julian Buß ist einer von diesen Pechvögeln. Am 3. Juli geht der Akteur des Fußball-Hessenligisten FSV Fernwald in einem gewöhnlichen Testspiel gegen Eintracht Frankfurt II nach fünf Minuten in ein Laufduell. Beim Abstoppen gibt es plötzlich einen Knacks. »Man hat ihn nicht laut gehört, aber ich habe ihn gespürt. Ich habe sofort gemerkt, da ist was kaputt.«

Einige Stunden und eine schlaflose Nacht später geht es »mit einem mulmigen Gefühl« zur Untersuchung. »Insgeheim hoffst du, dass es nur die Innenbänder sind, Hauptsache nicht dein Kreuzband.« Alles hoffen aber hilft nichts, die zwei Sekunden, die später ein halbes Jahr kosten, sind passiert. Und dann kommt der Schock: Kreuzbandriss. »Schlimmer hätte es nicht kommen können«, dachte sich der 23-Jährige.

»Der Fußball ist ja wichtig für mich, er ist meine große Leidenschaft – da ist so eine Diagnose der worst case.« Dabei denkt er nicht nur an das runde Leder und den FSV Fernwald, der die gesamte Hinrunde auf seinen Mittelfeldmotor verzichten musste. Zum Zeitpunkt der Verletzung stand der Lehramtsstudent eine Woche vor seinen Praxisprüfungen im Fach Sport. Abgeblasen, verschoben. Im aktuellen Wintersemester konnte er ebenso wenig an Praxiskursen teilnehmen, vermutlich verlängert sich sein Studium dadurch.

Fünf Tage nach dem Schock wird Julian Buß in einer Klinik in Heidelberg operiert. Es ist Tag eins der Aufbauarbeit. Auch wenn die schleppend und zunächst äußerst zäh voranschreitet. Krücken sind angesagt, auftreten verboten. Das Knie muss allerdings häufig gebeugt und gestreckt werden, damit es nicht steif wird und langsam auf Belastung vorbereitet wird. In den ersten drei Wochen nach der Operation gibt es zudem Sonnenverbot. Gibt Schöneres, so mitten im Sommer. Die Wunde aber darf nicht zu warm werden, sonst fängt das Knie an zu pochen. Das muss vermieden werden und deshalb sitzt Julian Buß mit einem lädierten Knie und dem Gedanken, ob er je wieder schmerzfrei Sport treiben kann, auf seinem Sofa.

Während andere Sommer, Schwimmbad und Eis genießen. In diesen drei Wochen ist er quasi völlig abgeschirmt, »da war ich nur einmal draußen. Mein Alltag war hier auf der Couch. Der Sommer«, sagt er, »war auf gut Deutsch gesagt scheiße.«

»Wird das überhaupt wieder?«

Gerade die Anfangszeit gehe »an die Substanz. Die Zeit geht überhaupt nicht rum, du zählst Stunden und Minuten. Das Ungewisse ist das Schlimmste. Man macht sich so seine Gedanken: Wird das überhaupt wieder?« Prominente Dokumente des Leidens gibt es mit Sebastian Deisler (zwei Kreuzbandrisse innerhalb eines Jahres), Holger Badstuber (fällt seit einem Jahr aus) oder Leon Andreasen (endlose Verletzungsserie) ja genug. »Bestimmt kann ich irgendwann wieder Sport machen. Aber du fragst dich, ob du das je wieder auf dem Niveau von früher kannst.«

Der Weg zurück vollzieht sich in etlichen kleinen Schritten. Wenn die Anfangszeit überstanden ist, das Knie abgeschwollen und wieder auf leichte Belastung vorbereitet ist, geht es an das Koordinationstraining und die Kräftigungsübungen. Jeden Tag arbeitet Buß da am Kippbrett, auf dem Fahrrad oder an einigen ausgewählten Geräten im Rehazentrum an seiner Fitness. Es ist die Zeit, in der wieder Hoffnung geschöpft wird. »Es hat einfach Spaß gemacht, endlich mal wieder zu schwitzen«, erklärt Buß, der weiß: »Es ist schön, wenn man sieht, dass es vorangeht.« Immer mit dabei: Der Physiotherapeut, der den 23-jährigen Kicker behandelt. Verklebte Strukturen im Knie werden gelöst, die Stabilität wird durch das Aqua-Jogging gefördert. Dabei ist der Physiotherapeut auch eine moralische Stütze: »Man redet miteinander, man lernt einander kennen. Das ist teilweise wie Balsam für die Seele«, gesteht Buß.

Im Oktober scheint all dies zu fruchten, der Achter des FSV Fernwald ist schmerzfrei und fängt mit Sprüngen und Joggen an. Dann aber kommen wieder kleine Probleme, eine weitere MRT-Untersuchung wird angesetzt. Und die offenbart Bridenbildungen am linken Knie, sprich Verwachsungen und Verklebungen, die Buß nicht schmerzfrei laufen ließen. Am 26. November also stand die zweite OP an. Ein Schritt zurück, mit dem sich der Linksfuß abgefunden hat. Mittlerweile sitzt er wieder auf dem Fahrrad, ist auf der Rüttelplatte und im Wasser beim Aqua-Jogging aktiv. Einen Termin für seine Rückkehr auf den Rasenplatz kann natürlich noch keiner vorraussagen. Bis dahin aber kann er sich vor allem auf einen verlassen: Kian Golafra. Viele Bekannte, darunter auch Ex-FSV-Trainer Daniyel Bulut, gaben Zuspruch. Der Steinbacher Mannschaftskollege aber kümmerte sich besonders um den Verletzten. »Er hat mich abgeholt, damit mir die Decke nicht auf den Kopf fällt, mich versorgt. Auf ihn kann ich mich verlassen.« Es wird hoffentlich auch wieder der Zeitpunkt kommen, da stehen sie beide vereint auf dem Platz. Und Julian Buß schießt Tore, auf dem grünen Rasen, mit links, rechts oder sogar dem Kopf. Auf jeden Fall für den FSV Fernwald.

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