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Julia Schallau tritt in die Pedale und gehört inzwischen zu den Top 10 im Zwiftpower-Ranking weltweit - da kommt der späteren Analyse, Auswertung und der Trainingsgestaltung eine extrem wichtige Bedeutung zu.

Ehrgeizige Radfahrerin

Julia Schallau aus Gießen ist eine der besten Zwift-Fahrerinnen der Welt

  • Ronny Herteux
    VonRonny Herteux
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Julia Schallau sitzt bis zu 25 Stunden pro Woche im Sattel. Die Sportlerin aus dem Gießener Stadtteil Allendorf/Lahn gehört inzwischen du den stärksten Zwift-Fahrerinnen weltweit.

Wer an Rennradfahren oder Radrennen denkt, sehr gut möglich, dass relativ schnell Bilder von der Tour de France oder vom Giro d’Italia vor dem inneren Auge ablaufen. Kaum jemand denkt an eine schweißtreibende Angelegenheit in den eigenen vier Wänden, quasi unter Ausschluss der physischen Öffentlichkeit. Julia Schallau gehört zu jener »Spezies« Rennradfahrerinnen, die auf Topniveau dauerhaft extrem hohe Wattwerte zu treten vermag.

Die 31-Jährige aus Allendorf/Lahn war auch schon als Triathletin aktiv, allerdings hat sie sich inzwischen ganz dem eCycling verschrieben und dabei bereits beachtliche Erfolge buchen können. »Da ich circa 20 bis 25 Stunden pro Woche auf dem Rad verbringe und zwischen 700 und 900 Kilometer abspule, schwimme ich nur noch ab und zu als Ausgleich. Mein ganzer Fokus und meine Ambitionen gelten dem eRacing.«

Julia Schallau aus Gießen: „Haben nicht nur unsere Powerwerte verbessert“

Und dafür hat sich die Assistentin der Bikes’n-Boards-Geschäftsleitung dem 2020 von Sebastian Wolf, dem sportlichen Leiter des Bunds Deutscher Radfahrer, gegründeten Team »ROSE Beastmode« angeschlossen, das inzwischen als erstes deutsches eCycling-Team in der Premium Division, also der höchsten Liga auf der Internetplattform Zwift, antritt.

»Die gesamte erste Zwift-Racing-Saison in der Premium Division war eine großartige Weiterentwicklung für mich, für die ich sehr dankbar bin«, hat Schallau ihr Berufung im eRacing gefunden: »Wir haben nicht nur unsere Powerwerte enorm verbessert, sondern auch gelernt, taktisch zu fahren, als Team zusammen zu agieren und das Rennen mit zu kontrollieren.«

Trotz Zwift und eRacing dreht Julia Schallau natürlich auch noch ihre Trainingsrunden outdoor.

Das Team »ROSE Beastmode« hat mit dem Männer- und Frauenteam in der ersten Saison acht Wettbewerbe gefahren. »Im letzten Rennen konnte ich mich unter den Top 10 der weltbesten Frauen platzieren. Insgesamt bin ich beim Zwiftpower-Ranking aller Frauen weltweit auf Platz sieben notiert«, und das Team nimmt unter 179 Mannschaften den hervorragenden vierten Platz ein. Die meisten Amateur- und Hobbyradsportler sind mit der Zwift-Plattform bestens vertraut, hat sie sich besonders für die Wintermonate zu einem perfekten Hort zur Trainingssteuerung entpuppt, erst recht natürlich in Corona-Zeiten, in denen die Vereinsarbeit brach lag und die Fitnessstudios geschlossen waren.

Um Schummeleien für die Rennen ausschließen zu können, muss sich auch die Allendorferin Schallau, die meist mit dem Rennrad nach Butzbach zu ihrer Arbeitsstätte fährt und auf dem Rückweg noch ein paar zusätzliche Kilometer in Form von Schleifen einbaut, einer aufwendigen Verifizierung unterziehen, um die Leistungswerte Watt pro Kilogramm Gewicht (w/kg) zu bestätigen.

Julia Schallau aus Gießen: Bis zu 25 Stunden Training pro Woche

»Alle Fahrer müssen indoor einen Test mit zwei Powerquellen fahren und sich dabei filmen. Außerdem müssen diese Werte im Freien verifiziert werden«, erklärt Schallau das Prozedere, das damit noch lange nicht beendet ist: »Vor den Rennen wird ein Gewichtsvideo aufgezeichnet, sodass kein falsches Gewicht angegeben werden kann.«

Natürlich stehen in diesen warmen Monaten auch »reguläre« Rennen auf Asphalt auf dem Programm für Julia Schallau, die zwischen in- und outdoor jetzt fleißig wechselt. »Lange Grundlagen und Tempofahrten fahre ich am liebsten draußen. Harte Intervalle, Sprints und Trittfrequenz trainiere ich lieber auf der Rolle«, und dabei kommen eben jene 20 bis 25 Stunden in der Woche zusammen.

So analysiert Julia Schallau ihr Training.

Natürlich hat die Allendorferin auch schon kommende Aufgaben im Blick: »Mein aktuelles Training zielt darauf, meinen VO2max-Wert zu erhöhen«. Derzeit kann Schallau eine Minute lang 7,8 w/kg leisten, »mein Fünf-Minuten-Wert liegt bei 5,6 w/kg, für 15 Minuten bei 5,3 w/kg und für 20 Minuten bei 5,0 w/kg. Dafür, dass ich erst seit zwei Jahren ambitioniert trainiere, bin ich damit sehr zufrieden.« Apropos VO2max-Wert: der ist ein entscheidender Gradmesser für die Ausdauerleistungsfähigkeit, und mit noch besseren Werten will die »Powerfrau« in diesen Tagen die Zwift-Classics angehen und im kommenden Winter wieder in der Zwift-Racing-League zuschlagen. Nicht zu vergessen, »fiebern wir auch der nächsten Zwift-WM entgegen«.

Konkret sind auch die Pläne für die kommenden Wochen. Nachdem Schallau die Zeitfahrserie Idstein, »wo ich ein Rennen mit einer Power von 280 Watt über 30 Minuten gewonnen habe«, bereits abgehakt hat, stehen nun Einsätze in der Bundesliga, die Erzgebirgstour im Juli sowie der Riderman im September auf dem Programm.

Julia Schallau aus Gießen: Ein Leben für den Radsport

Quasi ein Leben für den Radsport - für zwei Welten des Radsports. »Auf der Rolle geht es rein um die w/kg, die technisch-koordinative Komponente kommt nicht zum Tragen«, wie Schallau erklärt und »Kurven, Straßenbeläge und Nässe« beispielhaft benennt. »Ein Vorteil für mich ist auch, dass keine Verletzungsgefahr besteht und Fahrer, die sich im Pulk unwohl fühlen, auch bei Zwift einen kompetitiven Eventcharakter finden.« Dabei spielt auch beim eRacing der Mannschaftsgedanke keine unerhebliche Rolle, wenngleich jeder für sich »im stillen Kämmerlein« in die Pedale tritt: Schallau hat großen Gefallen daran gefunden, »als Team gemeinsam zu kämpfen. Unterhalten können wir uns über Discord (Onlinedienst für Chat und Sprachkonferenzen, Anm. d. Red.) und unser Coach Sebastian Wolf sieht sich die Rennen an und unterstützt uns.« Klar, dass ihm auch ein Dank »für sein unglaubliches Engagement und seine Hilfe gilt. Ohne ihn wären wir nicht da, wo wir heute stehen.«

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