Diese Aktionen will keiner sehen, dennoch kommt es auf Fußballplätzen immer wieder zu Konflikten, verbalen Entgleisungen und mitunter auch zu Gewalt. Konflikttrainer Joachim Besier (kleines Foto) wirkt gerade diesem Verhalten entgegen. SYMBOLBILD: VOGLER
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Diese Aktionen will keiner sehen, dennoch kommt es auf Fußballplätzen immer wieder zu Konflikten, verbalen Entgleisungen und mitunter auch zu Gewalt. Konflikttrainer Joachim Besier (kleines Foto) wirkt gerade diesem Verhalten entgegen. SYMBOLBILD: VOGLER

Fußball

Joachim Besier als Konfliktmanager im Einsatz

  • Christoph Sommerfeld
    vonChristoph Sommerfeld
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Rote Knöpfe - so nennt Besier die Auslöser für Streit auf Sportplätzen. Situationen also, die bei den Beteiligten sofort alle Sicherungen durchknallen lassen. Der 63-Jährige ist Konfliktmanager beim HFV.

Immer wieder kommt es auf Fußballplätzen zu Ausschreitungen. Das mag nicht der Regelfall sein, ist aber doch in jeder Saison zu beobachten. Spieler, Trainer, Funktionäre, aber auch Zuschauer sind an den Konflikten beteiligt, die nicht selten über die verbale Auseinandersetzung hinausgehen. Dann wird es handgreiflich, dann regiert die Gewalt - und die Beteiligten sehen sich vor dem Sportgericht wieder.

Nicht selten lassen die Gerichte innerhalb des Hessischen Fußball-Verbands bei ihren Urteilen die Strafmilderung nach den Paragrafen 8 und 9 der Rechts- und Verfahrensordnung des HFV zu. Diese sehen u. a. die Teilnahme an einem anerkannten Verfahren zur Konfliktlösung vor. In diesem Fall wird "im Urteil darauf hingewiesen, in welchem Zeitraum die Auflage durch den Betroffenen zu erfüllen ist", erklärt Verbandsmitarbeiter Tim Stehl. Ist der Verein bzw. der Spieler an einer Strafmilderung interessiert, setzt er sich mit dem HFV in Verbindung. Der vermittelt einen geeigneten Konfliktmanager. Dieser sichtet den Fall und entscheidet, ob er ihn annimmt und welche Maßnahme er für zielführend hält. Sobald das Sportgericht durch den Konfliktmanager über die erfolgreiche Teilnahme informiert wird, entscheidet es über eine mögliche Reduzierung der Strafe. "Die Kosten der Maßnahme werden von unserer Sozialstiftung Fairplay Hessen übernommen", ergänzt Stehl.

Von diesen Konflikttrainern und -coaches gibt es ca. 50 in Hessen. Einer davon ist Joachim Besier aus Waldgirmes. Im Interview in seinem Büro in Rodheim-Bieber berichtet er über seine Arbeit.

Herr Besier, ist Gewalt im Fußball etwas Erlerntes, was auch wieder verlernbar ist?

Das könnte man sagen. Wenn bei einem Jugendspiel ein blutrünstiger Vater an der Seite steht und der Trainer auch so tickt und Sätze von sich gibt wie: "Tritt dem mal in die Knochen, damit er weiß, wer die Heimmannschaft ist", dann ist das durchaus gelernt. Um das wieder zu verlernen, arbeite ich mit den Leuten zusammen.

Was passiert bei Ihren Seminaren? Wie arbeiten Sie mit den Fußballern?

Es kommt immer ein bisschen darauf an, wie viel Zeit dafür freigegeben ist. Durchaus üblich sind fünf Schulstunden, im HFV als Lerneinheiten bekannt. Wir nehmen uns immer zunächst die Konfliktdefinition vor und reden darüber, wann ein solcher vorliegt. Wir beschäftigen uns dann vor allem mit den sogenannten Roten Knöpfen, bei denen eine Grenze bzw. Reizschwelle überschritten wird. Und ich arbeite in vielen Fällen mit dem Vier-Ohren-Modell, einem Kommunikationsmodell, das die Information zwischen Sender und Empfänger auf vier Ebenen betrachtet (siehe eigener Artikel auf dieser Seite; Anm. d. Red.). Dazu bespreche und übe ich in meinen Maßnahmen auch oftmals einen Leitfaden für den Umgang mit Konflikten ein.

Das müssen Sie uns bitte alles näher erklären. Wann liegt ein Konflikt vor?

Ein Konflikt ist eine Aktion zwischen zwei oder mehreren Personen, wobei sich mindestens eine Person in ihrem Denken, Fühlen oder Wollen durch eine andere Person beeinträchtigt fühlt. Diese Definition stammt von Friedrich Glasl.

Und was verbirgt sich hinter dem Konfliktleitfaden?

Es handelt sich um ein Konzept mit sechs Punkten. In den meisten Fällen wird ein Konflikt scheinbar gelöst, indem ich nur meine Seite berücksichtige, aber in diesem Leitfaden ist ab Stufe 3 auch mein Gegenüber mit im Boot. Es geht dabei um eigene Ziele und die des anderen und wie man Gemeinsamkeiten bzw. Lösungen für die Zukunft findet. Zentral dabei ist, dass eigene Wünsche als Ich-Botschaft gesendet werden und die Redeanteile relativ ausgeglichen sind.

Was kann die Ich-Botschaft bewirken?

Du-Botschaften bauen Widerstände auf. Ein Beispiel: "Du hättest mir auch mal helfen können." Das klingt sehr vorwurfsvoll. Besser wäre: "Ich hätte mich über deine Hilfe gefreut." Also wenn mir zu Hause mal so eine Du-Botschaft herausrutscht, grätscht meine Frau gleich verbal rein, um es in der Fußballersprache auszudrücken, und macht mich darauf aufmerksam.

Welche Aktionen oder Äußerungen sind Rote Knöpfe für die Seminarteilnehmer?

Das sind oft Reizworte bzw. Beleidigungen vom Gegenspieler, von Zuschauern, vom gegnerischen Trainer. Einige Spieler werden rassistisch beleidigt. Viele kommen auch mit den Entscheidungen und dem Verhalten des Schiedsrichters nicht zurecht.

Wie schaffen es die Spieler, besser damit umzugehen, wenn solche Roten Knöpfe bei ihnen gedrückt werden?

Wir erarbeiten gemeinsam alternative Verhaltensweisen, nicht nur für Spieler, sondern auch für Trainer und Funktionäre. Dazu gehört erst mal die Fähigkeit, zuhören zu können. Wir üben und beobachten eine gewisse Zuhör-Qualität. Ein Spieler kann sich z. B. vornehmen, selbst ruhiger zu bleiben, die Mitspieler zu beruhigen, nur Anweisungen des Kapitäns und des Trainers zu beachten. Nach und gegebenenfalls vor den Spielen sollten Probleme offen angesprochen werden. Und man sollte sich auch als Kreisliga-Kicker mal darüber im Klaren sein, dass auch der Schiedsrichter "nur" Kreisliga pfeift. Der darf - wie der Spieler - auch mal einen Fehler machen.

Bestimmte Rote Knöpfe werden während des Spiels spontan betätigt. Spieler oder Trainer und Funktionäre reagieren oft unmittelbar und können sich nicht erst noch am Konfliktleitfaden orientieren. Gibt es Möglichkeiten der spontanen Reaktion?

Man kann sich eine Wolke vorstellen und den Ärger an sich vorbeiziehen lassen. Dazu braucht es natürlich Übung und oft auch ein bisschen Lebenserfahrung. Oder ich begegne dem anderen mit Schlagfertigkeit. Wenn der Spruch fällt "Deine Mutter ist eine Hure", dann wäre durchaus eine kleine verbale Retourkutsche angebracht wie: "Das kann nicht sein. Ich kenne meine Mutter."

Kann man sagen, Sie arbeiten eher zukunftsorientiert als zu sehr die Vergangenheit zu beleuchten?

Absolut. Ich stelle den Leuten die Fragen: Was willst du verändern an deinem Verhalten? Wie willst du demnächst reagieren, wenn jemand sagt: "Fick deine Mutter." Ich lasse die Teilnehmer das auch aufschreiben und arbeite interaktiv mit ihnen. Vieles passiert am Flipchart und an der Pinnwand, genau wie auch im Business.

Nun stehen mitunter Vereine vor dem Sportgericht, die Spieler aus sozialen Brennpunkten in ihren Reihen haben oder auch bestimmte ethnische Gruppen versammeln. Könnten Sie uns einen Überblick über Ihre Fälle geben?

Ich bearbeite natürlich einige Fälle mit Migrationshintergrund. Aber ich gehe da standardisiert heran. Ich bin kein Experte für interkulturelles Konfliktmanagement. Bei einem südländischen Spieler ist die "Zündschnur" tendenziell etwas kürzer. Aber auch da gibt es sehr gemäßigte Typen. Genauso gibt es den alteingesessenen Ur-Hessen, der seit Jahren auf den Sportplatz kommt und 90 Minuten lang den Linienrichter verbal bearbeitet.

Gibt es Fälle, in denen Sie keine erfolgreiche Teilnahme am Seminar bescheinigen?

Nein, das ist bei mir noch nicht vorgekommen. Bisher haben alle mitgearbeitet und mir den Eindruck vermittelt, dass sie nachhaltig an ihren Themen arbeiten wollen. Aber ich sage auch: Ich bin als Konfliktcoach nicht verantwortlich dafür, was hinterher passiert. Und ich würde mir oft wünschen, dass eine Nachbetreuung durch die Vereinsführungskräfte stattfindet. In vielen Fällen halte ich aber auch selbst weiter den Kontakt zu den Beteiligten. Dadurch haben sich bei mir schon viele Sportlerfreundschaften ergeben.

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