Erlebte ein turbulentes 2020: Daniyel Cimen, Cheftrainer des FC Gießen. FOTO: FRIEDRICH
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Erlebte ein turbulentes 2020: Daniyel Cimen, Cheftrainer des FC Gießen. FOTO: FRIEDRICH

FC Gießen

Das Jahr 2020 des FC Gießen: Rettung, Rücktritt, Rechtsanwalt

  • Sven Nordmann
    vonSven Nordmann
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Rückblick auf ein verrücktes Jahr 2020 von Fußball-Regionalligist FC Gießen.

(sno). Während das Coronavirus an sich das Jahr 2020 schon recht besonders machte, gelang es Fußball-Regionalligist FC Gießen, noch eins oben drauf zu setzen und ein verrücktes Jahr zu kreieren.

Eines mit der Rettung durch Kurzarbeitergeld, einem Rücktritt des gesamten Vorstandes und der Übernahme von Rechtsanwalt Turgay Schmidt als Notvorstand. Ein Rückblick auf ein denkwürdiges 2020 von Gießens führendem Fußballverein.

Januar 2020:Nach dem Rücktritt von Initiator und Geschäftsführer Jörg Fischer im alten Jahr übernimmt Markus Haupt als kommissarischer Geschäftsführer und macht Anfang des Jahres angesichts finanzieller Probleme, aber einer gleichzeitigen Zusammenarbeit mit sechs neuen Investoren Hoffnung: "Wir sind auf einem guten Weg. Solange die Verträge nicht unterzeichnet sind und das Geld nicht geflossen ist, kann aber kein Vollzug vermeldet werden."

Sechs Geldgeber wollen die Zukunft des FC Gießen sichern. Ihre Bedingung: Eine schriftliche Erklärung, dass die Altlasten von Fischer und seinen Partnern übernommen werden. Haupt: "Uns fehlen 200 000 Euro zur Restfinanzierung der laufenden Saison."

März 2020:Drei der sechs Geldgeber springen wieder ab, nachdem ihre Ideen mit betriebswirtschaftlichem Hintergrund von der Vereinsführung abgewiesen werden und keine schriftliche Trennung der finanziellen Verantwortung erfolgt. Am 6. März bestreitet der FC beim 1:0-Sieg beim FSV Frankfurt sein vorerst letztes Liga-Spiel vor der Coronapause. Zur finanziellen Rettung wird ein "Club der 200" ins Leben gerufen: 200 Gönner sollen je 1000 Euro an den FC zahlen. Die Aktion bringt mäßigen Erfolg ein: Rund 20 000 Euro kommen zusammen. Das am 14. März angesetzte Heimspiel gegen die TSG Balingen soll zum Retterspiel ausgerufen werden, findet aber coronabedingt nicht mehr statt.

April 2020:Durch die Spielpause geht der FCG für ganze vier Monate in Kurzarbeit - die staatliche Hilfe rettet den Verein letztlich vor der Insolvenz. Auch sportlich hält der Verein die vierte Liga, in der es durch die Pandemie keine Absteiger gibt. Zum Zeitpunkt des Saison-Abbruchs steht der Verein auf Relegationsrang 15.

Juni 2020:Die im Frühjahr gegründete "FCG Offensive GmbH" erklärt, dass sie ab sofort sämtliche Geschäfte der Regionalliga-Mannschaft übernimmt. Sponsorengelder fließen nicht auf das zeitweise gepfändete Vereinskonto, sondern auf jenes der GmbH, die sich für zweite Mannschaft und Jugend nicht verantwortlich sieht. Die GmbH, ohne Spielrechte, Lizenz oder rechtliche Verbindung zum Verein ausgestattet, gibt Trainer Daniyel Cimen kein klares Budget zur Kaderzusammenstellung für die neue Saison vor. Während deren Geschäftsfüher Haupt im Oktober erklärt, dass die Saison finanziell abgesichert ist, wird im November klar: Die Probleme wiederholen sich, die Planung lief erneut schief. Ein sechsstelliger Betrag fehlt zur Deckung der laufenden Spielbetriebskosten.

August 2020:Der FC Gießen zeigt seine Strahlkraft und lockt trotz der Pandemie 1000 zugelassene Zuschauer ins Waldstadion, als man im Hessenpokal-Halbfinale mit 1:2 gegen den TSV Steinbach Haiger unterliegt. Die Vorbereitung auf die neue Saison läuft.

September 2020:Am 1. September startet der FC in Elversberg in die 42-Spieltage-Mammut-Saison der Regionalliga Südwest, die in der Folge coronabedingt durch Quarantäne und Verordnungen mehrmals unterbrochen wird. Zunächst tritt Mitte September Vereinsvorsitzender Dominik Fischer zurück, ihm folgen die Rechner Alexander Schmandt und Daniela Wolff - der Verein ist rechtlich betrachtet nicht mehr handlungsfähig. Die Mannschaft lässt sich nicht beirren, spielt teils ansehnlichen Fußball, schießt bloß zu wenig Tore.

Oktober 2020:Rechtsanwalt Turgay Schmidt wird vom Amtsgericht Gießen als Notvorstand des FC Gießen bestellt und vertritt den Verein alleinverantwortlich. "Ich muss mir jetzt einen Überblick verschaffen und den Verein in ruhigere Fahrwasser bringen." Mitte Oktober wirft der Trainer der zweiten Mannschaft, Roger Reitschmidt, hin. Der Notvorstand installiert mit Benjamin Höfer einen neuen Trainer für das Verbandsliga-Team und mit Robert Majcen einen neuen Jugenkoordinator: "Der kleinste G-Jugend-Kicker ist genauso wichtig wie der Regionalligaspieler."

November 2020:Die Trennung von der "FCG Offensive GmbH" wird vollzogen. "Der Verein funktioniert nur im Gesamten, wenn wir alle Abteilungen, von Jugend bis Regionalliga, gemeinsam betrachten", erklärt Schmidt, der mit seinem Team eine Vielzahl an Dokumenten sichtet, hohe Altlasten des Vereins abarbeitet und neue Strukturen schafft. Die durch die Corona-Pandemie ermöglichten staatlichen Hilfen werden vom Notvorstand geprüft. Schmidt ist angesichts der prekären finanziellen Situation um Kosteneinsparungen bemüht. Der Spielbetrieb ruht angesichts steigender Corona-Infektionszahlen.

Dezember 2020:Unerwartet wird jener Spielbetrieb Anfang Dezember fortgeführt. Der FC Gießen liegt zur Winterpause der Regionalliga Südwest auf dem vorletzten Tabellenrang, steht angesichts der finanziellen Situation vor einer ungewissen Zukunft. Während Notvorstand Schmidt die Altlasten Stück für Stück abarbeitet, bleiben die laufenden Spielbetriebskosten eine Herausforderung. Der Unterschied zur Situation vor einem Jahr: Als externe Person ist Schmidt dem Amtsgericht Rechenschaft schuldig, steht für Seriosität und Verlässlichkeit. Das kann zum großen Vorteil bei der Generierung neuer Geldgeber werden. Der Rechtsanwalt fährt eine klare Linie mit einem Ziel: Den FC Gießen in eine sichere Zukunft zu führen.

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