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Jährlich 15 000 Euro Mehrkosten: So gehen Vereine wie der MTV 1846 mit der Energie-Krise um

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Von: Sven Nordmann

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IMG_2461_2_Tanriverdi_15_4c © Harald Friedrich

Wie kann die lokale Politik Vereinen wie dem MTV Gießen helfen, der angesichts der Energie- Krise mit rund 15 000 Euro jährlichen Mehrkosten rechnet? Ein Dreier-Interview mit Sport und Politik.

Eindringlich und ehrlich, aber auch pragmatisch und positiv sprechen Mehmet Tanriverdi, Vorsitzender des MTV 1846 Gießen, Karina Götz, Vorstandsmitglied der SG Kinzenbach und Sportkreis-Vorsitzender Prof. Dr. Heinz Zielinski über die Herausforderungen dieser Zeit: Energie, Euros und Ehrenamtsgewinnung.

Frau Götz, wie macht sich die aktuelle Energie-Krise für die SG Kinzenbach bemerkbar?

Karina Götz: Die steigenden Kosten beschäftigen uns natürlich. Wir versuchen im Vereinsheim zu sparen, wo es geht. Das betrifft auch Kleinigkeiten: Die Glühbirnen austauschen, Kühlschrank ausstellen... Da wir selbst Anlagenbetreiber sind, haben wir noch mehr Verantwortung. Wir haben die Anstoßzeit schon vor dieser Saison bei Heimspielen um eine Stunde vorverlegt, um kein Flutlicht nutzen zu müssen. Ansonsten klar, wir merken, dass alles teurer geworden ist: Die ersten Preiserhöhungen kamen im April.

Wie sieht das beim MTV 1846 Gießen aus, Herr Tanriverdi?

Mehmet Tanriverdi: Uns geht es gut, aber auch wir spüren Veränderungen. Vor der Pandemie standen wir bei rund 2500 Mitgliedern. In den letzten Jahren sind uns rund zehn Prozent weggebrochen. Jetzt ist die Tendenz wieder steigend und wir stehen bei rund 2350 Mitgliedern. Natürlich beschäftigen wir uns auch mit der Energiefrage. Mehr als um ein, zwei Grad kannst Du die Heizung aber kaum runterdrehen, auch bei den Duschen ist nicht viel rauszuholen. Wir hatten bislang immer Unterhaltungskosten für unser Vereinsheim von rund 20 000 Euro jährlich. Wir rechnen für dieses Jahr mit ca. 15 000 Euro Mehrkosten, also insgesamt um die 35 000 Euro.

Das ist eine beträchtliche Summe. Wie stemmt das der Verein?

Mehmet Tanriverdi: Auch unsere Halle ist im Vereinsbetrieb, aber es findet Schulsport statt. Auch das zieht Energie. Wir werden uns an Stadt und Land wenden. Man weiß nicht, wie lange die Krise andauern wird. Die letzte energetische Sanierung in unserem Vereinsheim ist über 50 Jahre her. Da geht viel Energie flöten. Wir müssen investieren. Wir werden das schaffen und überleben - aber wir hoffen, dass Unterstützung aus Wiesbaden kommt, wir hoffen auf Rückhalt aus Gießen.

Prof. Dr. Heinz Zielinski: Zentrales Ziel vom Sportkreis muss es sein, dass wir die heimischen Vereine über den Winter bekommen. Wir müssen die Folgen möglichst gering halten. Eine offene Frage ist: Ist die Erhöhung der Mitgliedsbeiträge ein Thema?

Mehmet Tanriverdi: Das sehe ich skeptisch. Bei uns zahlen Kinder 12 Euro, Erwachsene 14 Euro monatlich. Wenn wir einen Neubau unserer Halle angehen, reden wir von rund sieben Millionen Euro Kosten, an denen sich der MTV 1846 mit einem gewissen Eigenanteil beteiligen müsste. Dann sind erhöhte Mitgliedsbeiträge unumgänglich und erklärbar. Aber jetzt ist das schwierig.

Oft wird die Sorge geäußert, dass die passiven Mitglieder dann aussteigen.

Prof. Dr. Heinz Zielinski: Ich sage: Wenn wir die Leistung betrachten, die Vereine für die Mitglieder erbringen, ist das enorm. Und die wirkliche Kostenklarheit bekommen die meisten Vereine erst im Frühjahr nächsten Jahres.

Mehmet Tanriverdi: Die Menschen sind derzeit sensibel. Wir haben zwischenzeitlich zehn Prozent an Mitgliedern verloren. Viele sind nicht zurückgekommen.

Karina Götz: Wir haben uns mit allen Abteilungsleitern im Vorstand darüber unterhalten, ob die aktiven Mitglieder mehr zahlen sollten. Die Resonanz war positiv. Ich hoffe trotzdem nicht, dass wir das in der nächsten Mitgliederversammlung im März beschließen müssen.

Wie kann die lokale Politik die Vereine in der jetzigen Situation bestmöglichst unterstützen?

Mehmet Tanriverdi: In erster Linie natürlich finanziell. Ich hoffe, dass man uns nicht alleine lässt.

Prof. Dr. Heinz Zielinski: Kleine, aber effektive Maßnahmen halte ich hier für sinnvoll. Warum kein Sonderprogramm, in dem Vereinen eine Unterstützung zukommt, mit denen sie die Heizungsanlagen warten und Türen oder Fenster prüfen können?

Wie stehen die Vereine zur Senkung der Temperatur in den Kreishallen von 18 auf 15 Grad?

Prof. Dr. Heinz Zielinski: Es gibt Gruppen, für die ist das offensichtlich eine echte Einschränkung.

Mehmet Tanriverdi: Wenn ein Rehakurs stattfindet, muss die Temperatur einigermaßen stimmen. Das ist ein Thema.

Prof. Dr. Heinz Zielinski: Angeblich sparen die Kommunen dadurch bis zu zehn Prozent der Energiekosten. Wenn wir dadurch wieder Menschen ausschließen, bleibt die Frage, wieviel wir wirklich gewonnen haben. Positiv ist, dass die Duschen nicht abgesenkt werden.

Karina Götz: Wir von der SG Kinzenbach können klar sagen: Die Freude bei den Kindern und den Übungsleitern auf diese Hallenrunde ist nach zweijähriger, pandemiebedingter Pause besonders groß. Wir glauben nicht, dass es da große Probleme gibt. Die Eltern sind sensibilisiert. Mit dem Zwiebelprinzip bei der Klamottenwahl kann man doch einigem vorbeugen.

Wie steht es um Ihre persönliche Belastung als Ehrenamtlerin, Frau Götz? Nach der bewältigten Pandemie samt aller Hygienekonzepte kommt nun die Energie-Krise. Die Herausforderungen für Ehrenamtler waren schon vor diesen Phasen groß.

Karina Götz: Man wächst mit seinen Aufgaben. Vor drei, vier Jahren hätte ich nicht gedacht, dass ich mal so viel bewerkstelligen muss und solche Fragen zur Einsparung von Energie beantworten muss. Jetzt haben wir die Pandemie rumgekriegt und viele Kinder mitgezogen - da wäre es doch fatal, jetzt nachzulassen.

Prof. Dr. Heinz Zielinski: Das ist eine tolle Einstellung. Ich vernehme bei vielen einen Trend der Ermüdungserscheinung. Nach dem Motto: ‘Ich habe während der Pandemie gemerkt, dass es auch ein Leben ohne Ehrenamt gibt. Ich kann mich ja auch beschäftigen, ohne von Freitag bis Sonntag in der Halle zu sein.’

Karina Götz: Den Effekt kennt jeder. Und ich glaube, jeder Verein wünscht sich, breiter aufgestellt zu sein. Aber ich kann sagen. Wir bei der SG Kinzenbach sind im Team während dieser letzten Jahre zusammengewachsen. Durch die Herausforderungen haben wir uns alle 14 Tage getroffen. Und das haben wir jetzt beibehalten - dadurch ist ist der Austausch intensiver und dadurch bewegst Du auch mehr.

Mehmet Tanriverdi: Es ist nicht einfacher geworden, Menschen für das Ehrenamt zu gewinnen. Du musst drei- oder viermal nachfragen. Aber wir gewinnen diese Menschen, auch jüngere. Ohne geht es nicht. Um beispielsweise einen Adventslauf zu organisieren, brauchst Du 30 bis 40 Leute. So viele Menschen für mindestens einen halben Sonntag zu gewinnen, ist nicht leicht.

Herr Tanriverdi, Sie sind seit mehreren Jahrzehnten ehrenamtlich aktiv. Warum?

Mehmet Tanriverdi: Ohne das Ehrenamt wäre unsere Gesellschaft ärmer. Es kam der Tag, da sagte ich mir: ‘Wenn Du für den Verein läufst, dann kannst Du auch den Vorsitzenden machen.’ Es kostet Zeit und Nerven, ja. Aber ich bin gerne für den Verein aktiv. Und ich bin gerne Sponsor. Ich hoffe, dass wir damit auch ein Stück weit ein Vorbild sind. Darum geht es mir. Ich bin grundsätzlich nicht scharf auf dieses Amt (lacht).

Wie steht es um Sie, Frau Götz? Sie sind seit 2016 Vorstandsmitglied.

Karina Götz: Die SG Kinzenbach ist mein Verein. Wenn ich sehe, wie sich die Jugendarbeit mit den TSF Heuchelheim entwickelt, dann ist das einfach schön. Das ist eine Herzensangelegenheit für mich geworden. Es ist gewissermaßen ein Dienst. Das bereichert auch mein Leben, ja. Wir sind füreinander da.

Prof. Dr. Heinz Zielinski: Sie sorgen dafür, dass die Kinder und Jugendlichen in unserem Kreis Sport treiben können. Das gibt einem das Gefühl von: ‘Ich werde gebraucht.’ Das erfüllt Dich.

Auch hier die Gretchenfrage: Wie können Vereine in Zukunft mehr solcher Menschen für sich gewinnen?

Prof. Dr. Heinz Zielinski: Es geht nur über die direkte Ansprache. Wir brauchen Initiativen, um diese Tätigkeit für junge Menschen attraktiver zu gestalten. Ich denke da an Fortbildungen, auch in Sachen Persönlichkeitsentwicklung. Wir müssen von denjenigen, die da sind und sich engagieren, lernen: Warum sind sie da? Wenn es in einem Verein mal zwei, drei jüngere Ehrenamtler gibt, kommen meistens auch mehrere nach.

Abschließend: Sie haben einen Wunsch frei, der erfüllt wird. Wie sieht dieser aus?

Mehmet Tanriverdi: Es muss ein einheitliches Programm vom Land Hessen geben, mit dem die Sportvereine finanziell unterstützt werden. Das kann ein Betrag x sein, mit dem Vereine eigenverantwortlich agieren können, oder die Summe ist an Bedingungen geknüpft. Hauptsache, uns wird geholfen. Denn damit wird allen Sportlerinnen und Sportlern in unserem Verein geholfen.

Karina Götz: Alle Vereine warten darauf, dass endlich irgendetwas passiert. Bislang hat uns die Politik noch nicht berücksichtigt. Auch wir wünschen uns natürlich finanzielle Unterstützung.

Prof. Dr. Heinz Zielinski: Ich wünsche mir, dass wir erkennen, dass die Bedeutung des Sports gerade in diesen Zeiten umso größer ist. Denn er verbindet. Wir brauchen eine stärkere Lobbyarbeit des Sports in den Kommunen. Es gibt da tolle Beispiele, in Langgöns, in Lich, in Heuchelheim. Ich wünsche mir für den gesamten Landkreis eine engere Zusammenarbeit zwischen den Sportvereinen und der Politik.

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IMG_2464_2_Goetz_151122_4c © Harald Friedrich

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