Eike Immel ist wieder für seinen Heimatverein Eintracht Stadtallendorf tätig. Er ist Torwarttrainer und coacht die 2. Mannschaft. FOTOS: DPA
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Eike Immel ist wieder für seinen Heimatverein Eintracht Stadtallendorf tätig. Er ist Torwarttrainer und coacht die 2. Mannschaft. FOTOS: DPA

"Ich habe alles, was ich brauche"

Eike Immel war einer der stärksten Fußball-Torhüter Deutschlands. Nach einigen Rück- und Tiefschlägen ist er in seine alte Heimat Stadtallendorf zurückgekehrt. Im zweiten Teil unseres Interviews blickt der Neu-60er auf die guten, aber auch auf die schwierigen Zeiten zurück.

Den Beginn seiner Karriere haben wir gestern bereits beleuchtet und auch einen Blick auf die aktuelle Situation bei der Nationalmannschaft geworfen. Eike Immel spart nicht mit Kritik und schließt die DFB-Führung mit ein:

Herr Immel, auch beim DFB herrscht immer wieder Unruhe...

Die DFB-Führung macht keinen guten Eindruck. Da entscheidet man, dass die ehemaligen und verdienten Nationalspieler wie Kohler und Matthäus keine Freikarten mehr kriegen, und fliegt mit dem Flugzeug von Stuttgart nach Basel. Ich habe ja in Stuttgart gespielt und gefühlt bin ich mit dem Rad schneller in Basel. Das ist unvorstellbar, da hat man komplett versagt. Vor allem beim Gespür, wie so etwas außen ankommt. Es kann eigentlich nur noch besser werden - in jeder Hinsicht.

Das klingt nicht gerade optimistisch, oder?

Das Problem ist nicht nur der DFB, sondern der ganze Kommerz im Fußball. Die Bundesliga fängt an - und nach drei Spieltagen sind wieder Länderspiele. Gerade die Nations League ist doch ein künstlicher Wettbewerb ohne Wert für die normalen Fans. Damit wertet man meiner Meinung nach die Welt- und Europameisterschaften ab. Die Na- tions League hat keinen großen Wert, wird aber als Pflichtveranstaltung verkauft. Wenn man keinen Erfolg hat, ist es eine Katastrophe, wenn man sie gewinnt, interessiert es niemanden. Das ist genau dasselbe wie mit dem Supercup zwischen Meister und Pokalsieger, der überhaupt keinen Stellenwert mehr hat.

Was auch schlimm im aktuellen Fußball ist: Dass viele Vereine in der Corona-Krise am Konkurs kratzen, weil sie keine Rücklagen haben und ihren Spielern aberwitzige Gehälter zahlen. Was machen die denn mit dem Geld? Ich muss Hans-Joachim Watzke zustimmen, der gesagt hat, dass sich die Leute in der aktuellen Krise fragen, ob man immer ins Stadion muss. Wahrscheinlich wird das wieder so sein. Aber meine Hoffnung ist, dass die kleineren Vereine ein bisschen profitieren, weil manche Fans von dem ganzen Kommerz und der Vermarktung genug haben und stattdessen eher zu Vereinen wie Gießen oder Stadtallendorf gehen. Man kann sich ruhig mal die heimischen Vereine in der Kreisoberliga oder der Bezirksliga anschauen.

Von 1980 bis 1986 saßen Sie bei drei großen Turnieren auf der Ersatzbank.. 1988 waren sie bei der EM schließlich die Nr. 1, traten allerdings noch im selben Jahr mit nur 27 Jahren zurück. Warum?

Ich hatte eine gute EM gespielt. Nach dem ersten WM-Quali-Spiel, in dem ich nicht gespielt hatte, rief mich mein Schwiegervater an und sagte mir, dass das eine Blamage sei und ich zurücktreten müsse. Ich Idiot habe das ja genauso empfunden. Aber wenn ich heute sehe, wie der Oli Kahn 2006 aufgetreten ist, obwohl er auf der Bank saß, muss ich sagen, dass er damit mehr gewonnen hat, als wenn er gespielt hätte. Der wäre heute nicht in der Position, in der er heute ist, wenn er sich damals nicht so super und loyal zur Mannschaft verhalten hätte. Dieses Verhalten hat seine Reife und seine Klasse gezeigt. Ich hab’s halt anders gemacht und das war falsch.

Bis 1986 spielten Sie beim BVB, ehe Sie für die damalige Rekordablöse von 1,75 Millionen D-Mark zum VfB Stuttgart wechselten...

Ich war ja unumstritten die Nummer eins beim BVB. war aber zu diesem Zeitpunkt schon in finanziellen Schwierigkeiten. Das Problem waren allerdings nicht die schnellen Autos oder teuren Uhren, sondern Millioneninvestitionen in Immobilien, die nichts wert waren. Es gab ja das unsägliche Bauherrenmodell, mit dem man vermeintlich Steuern sparen konnte. Aber das ist ja nur steuersparend, wenn man nicht vorher schon den doppelten Preis für die Wohnung bezahlt. Ich habe in Hagen-Haspe Luxuswohnungen gehabt - das war damals Standort der Schwerindustrie und natürlich wollte da keiner Luxuswohnungen haben!

Wie kam der Wechsel zustande?

Wir haben in der Relegation gegen Fortuna Köln gespielt und verloren das Hinspiel mit 0:2. Zu diesem Zeitpunkt bekam ich das Angebot vom VfB, weshalb ich Reinhard Rauball um ein Gespräch bat. Ich schilderte ihm meine finanzielle Situation und bat ihn deshalb um die Freigabe. Was ich aber nicht wusste: Der Verein war komplett pleite und musste mich verkaufen, ebenso wie Jürgen Wegmann. Es wurde allerdings leider nie so kommuniziert, dass unsere Verkäufe den Verein gerettet haben. Es wurde eher so dargestellt, dass wir unbedingt weg wollten. Das war schade, aber ich hatte danach auch eine super Zeit beim VfB.

Welche Erinnerungen haben Sie an den VfB?

Ich habe am Anfang ein wenig mit der schwäbischen Mentalität gefremdelt und auch mit der Stimmung im Stadion. Im ersten Jahr hatte ich Anlaufschwierigkeiten, aber danach waren es neun super Jahre - gekrönt mit der Meisterschaft 1992 und dem UEFA-Cup-Endspiel 1989 gegen Neapel. Wir waren immer vorne dabei und am Ende war ich dort ähnlich hoch angesehen wie in Dortmund. Wenn Sie mich heute fragen, wo es schöner war, kann ich es Ihnen gar nicht sagen - aber es war auf jeden Fall anders.

Sie wechselten 1995 zu Manchester City, wo Sie noch zwei Jahre aktiv waren. Wie war es für Sie, in England zu spielen?

Das war unglaublich damals. Rolf Fringer kam aus der Schweiz nach Stuttgart und schon beim ersten Training hatte ich das Gefühl, dass er mich nicht mochte. Nach weiteren Vorfällen erklärte er mir schließlich vor Saisonbeginn, dass ich unter ihm kein Spiel mehr für den VfB machen würde. Nur wenige Momente später rief mich Wolfgang Vöge an, mit dem ich beim BVB zusammengespielt hatte und der inzwischen Spielerberater war. Er fragte mich, ob ich zu Manchester City wechseln wolle. Ich willigte ein und am selben Wochenende habe ich schon gegen Tottenham Hotspur gespielt. Die Premier League war ein Geschenk Gottes. Das Ausland bringt dich als Mensch weiter und du lernst eine neue Sprache. Aber auch die Spiele an der Anfield Road, in Old Trafford oder in Highbury gegen Arsenal - das war Wahnsinn und noch einmal eine andere Stufe als die Bundesliga. In England war allerdings die medizinische Versorgung katastrophal und auch das Wetter war nicht gut für meine Hüftarthrose. Nach der ersten Saison wurde es immer schlimmer. Ich habe noch ein paar Spiele gemacht, aber kam nach wochenlanger Behandlung nicht mehr zurück. Ich war zwar mental topfit, aber körperlich war es nicht mehr möglich.

Wie ging es dann weiter?

Ich habe die Trainerlizenz gemacht und unter Christoph Daum als Torwarttrainer gearbeitet. 2006 war meine Hüft-arthrose so schlimm, dass ich nur noch unter Schmerzmitteln auf den Platz konnte, weswegen wir meinen Vertrag aufgelöst haben. Ich bin nach Hause gefahren und dachte, es würden Angebote kommen. Es kam jedoch nichts mehr. Danach ging es Schlag auf Schlag. Der Gerichtsvollzieher kam, die Sache stand in der Zeitung und es ging nur noch bergab. Wenn das einmal in der Zeitung steht, gehen alle Türen zu. Und es wurde jedes Jahr schlechter. Vom Millionär bis kurz vor Hartz IV, dann "Dschungelcamp" und dieses und jenes. Ich habe alles mitgemacht. Ich war ja auch öfter in Fernsehsendungen, wenn es darum ging, dass wieder jemand pleite war. Da gab es auch immer ordentlich Geld. Irgendwann hat mir aber meine Tochter gesagt: "Papa, das ist ja peinlich." Und damit hatte sie auch recht.

Würden Sie sagen, dass Ihnen der schnelle Aufstieg in Ihrer Karriere langfristig geschadet hat?

Auf jeden Fall! Der normale Weg wäre ja gewesen, Jugendmannschaften zu durchlaufen, über die Amateure in den Profikader zu kommen und dann erst mal auf der Bank zu sitzen. Ich kam ja sofort rein. Man hatte damals keinen Berater, die Eltern waren 250 Kilometer weg und hatten keine Ahnung von dem, was im Fußball abging. Mit Ausnahme von Uli Hoeneß beim FC Bayern hat man auch bei anderen Vereinen nicht so darauf geachtet, den Spielern einen vernünftigen Umgang mit Geld zu vermitteln. Ich will nicht sagen, dass es den Vereinen egal war, aber der nötige Weitblick hat gefehlt. Ich habe da als junger Typ viel unterschrieben, was ich gar nicht beurteilen konnte. Das war der Grund für das Übel, das sich dann später anschloss. Ich mache da keinen Hehl daraus und will es nicht schönreden. Trotzdem ist es unfassbar, dass man eine solche Karriere hatte - und plötzlich ist alles weg!

Nun sind Sie wieder in der Heimat...

Das alles ist natürlich schwer zu verarbeiten und ich hätte es nicht aus eigener Kraft geschafft, wenn nicht Eintracht Stadtallendorf und Wolfgang Schratz gewesen wären, die mich in dieser schwierigen Zeit plötzlich kontaktiert haben. Man hat mir geholfen, diese ganzen Dinge zu verarbeiten und vor allem wieder gesund zu werden. Ich gucke heute nach vorne, bin froh, im Verein zu sein, und kann eigentlich nur meine Dankbarkeit äußern. Die Mannschaft spielt Regionalliga, ist Letzter, aber dennoch gibt es hier so viele ehrenamtlich engagierte Menschen. Ich trainiere ja auch die zweite Mannschaft, was am Anfang gewöhnungsbedürftig war, inzwischen aber Spaß macht. Die Kerle wachsen einem ans Herz, man hat eine Aufgabe, wenn auch nicht in der großen Fußballwelt. Ich bin jetzt 60 Jahre alt und muss keinem mehr was beweisen. Ansonsten geht es mir gut und ich habe alles, was ich brauche.

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