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»Ich freue mich, das Chaos zu erleben«

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Von: Sven Nordmann

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Groundhopper_070423_4c © Red

Dustin Schulze bereist mit seinen Freunden den Globus, um Fußballspiele zu sehen. In über 60 Ländern begegnete er dabei bereits der Mafia, Elefanten und Überfällen. Der 32-jährige Großen- Lindener erklärt, weshalb er es liebt, die deutsche Struktur zu verlassen.

Im Innenband seines Buches steht: »Für meine Emilia. Sei mutig und freundlich. Erkunde die Welt.« Der Vater der 18 Monate alten Emilia, Dustin Schulze aus Großen-Linden, lebt seiner Tochter ziemlich gut vor, was es heißt, die Welt zu erkunden.

Der 32-Jährige bereiste bereits über 60 Länder dieser Welt, um dort ein Fußballspiel live zu verfolgen - mit seinen drei besten Freunden erlebte er dabei die verrücktesten Geschichten: Überfall in Brasilien, Reise mit einer Leiche in Tansania, Begegnung mit der Mafia in Georgien, 40 Stunden Heimweg von Israel zum deutschen Silvester, sich losreißende Elefanten in Sri Lanka.

21 dieser außergewöhnlichen Geschichten hat der private Fußball-Liebhaber und berufliche Vertriebler in einem Buch niedergeschrieben: »Was wollt ihr denn da?!«, heißt das 312 Seiten umfassende Werk, das sich bisher rund 1100-mal verkaufte.

Im Gespräch mit dieser Zeitung erklärt Dustin Schulze, im Vereinsbeirat des TSV Großen-Linden und als sporadischer A-Liga-Kicker aktiv, weshalb er es liebt, auf den ungewöhnlichsten Reisen seine Komfortzone zu verlassen, die Menschen auf eine andere Art und Weise kennenzulernen und mit seinen Freunden durch »dick und dünn« zu gehen.

Herr Schulze, wie kommt man dazu, über 60 Länder für den Fußball zu bereisen?

Nun, ich gehöre einem Fanclub des SV Darmstadt 98 an, der seit 2011 existiert. Wir sind wirklich bei jedem Spiel - und wenn du das achte Mal in Nürnberg warst, wiederholt sich das. Wir alle haben einen Sammeldrang, wie einige ihn noch aus der Kindheit vom Panini-Album kennen. Die Welt ist groß. So haben wir angefangen, die Auswärtsfahrten nach Freiburg mit der Schweiz zu verbinden, Spiele des SV Darmstadt im Osten mit einem Besuch in Tschechien zu verknüpfen...

Sind Niveau und Umgebung der Fußballspiele für Ihre Reisen dabei relevant?

Nein. Es kann auch irgendein Kick sein. Wir waren auch schon in Kenia bei einem Zweitligaspiel vor 100 Zuschauern. Beim Fußball lernst du Menschen sehr ehrlich kennen, fernab vom Tourismus. Weil bei solch einem Spiel niemand damit rechnet, dass Touristen kommen! (lacht) Wenn deine Lieblingsmannschaft in Ägypten 0:1 hinten liegt und sie vom Schiedsrichter »betrogen« wird, lernst du, wie Menschen in dieser Kultur wirklich ticken.

Was reizt Sie so sehr an den gemeinsamen Reisen?

Wir sind kürzlich erst nach Uganda geflogen. Afrika ist ein ziemlich unzuverlässiges Land. Ein Spiel wurde einmal am Spieltag selbst um sechs Stunden nach vorne verlegt, weil es einen Stromausfall gab. In diesen Ländern weißt du quasi nie, was passiert. Ich schätze das unfassbar Strukturierte in Deutschland. Aber ich freue mich immer wieder darauf, in anderen Ländern das Chaos zu erleben. Wenn du die nicht vorhandenen Straßenregeln in Uganda mitmachst, wirst du aus deinem Alltag herausgeholt, du wirst aus deiner Wohlfühlzone herausgerissen. Wenn du dann den Flug bekommen und auch das Taxi erreicht hast, wenn das Spiel angepfiffen wird und es nicht in Strömen regnet, dann gibt mir das schon ein Gefühl der Erfüllung. Das alles mit seinen besten Freunden gemeinsam zu erleben, ist ziemlich schön. Du kommst einfach aus diesem starren deutschen System heraus und lernst die Welt anders kennen.

Welche Rolle spielt es, dass Sie stets zusammen reisen?

Als vierköpfige Gruppe aus weißen Männern fällst du in Zentralafrika einfach auf, zwangsläufig. So kam es, dass wir in Tansania bei einem Meisterschaftsspiel nicht mehr gehen gelassen wurden, bis wir mit auf dem Mannschaftsfoto waren. 40 Foto-Wünsche zu erfüllen, weil du »vom deutschen Fußball kommst«, ist dann mal normal. Du kommst gemeinsam leichter ins Gespräch, und natürlich spielt auch der Sicherheitsfaktor eine Rolle. Zu viert ist es deutlich unwahrscheinlicher, irgendwo mal in eine Ecke gedrängt zu werden.

Wie steht Ihre Frau zu diesem außergewöhnlichen Hobby?

Ich bin nicht nur beruflich, sondern auch privat Vertriebler (lacht). Sie hat ein halbes Jahr in Kenia und ein halbes Jahr in Schweden gelebt und auch ein Reisefaible. Aber natürlich musst du sehen, dass es funktioniert. Meine Urlaubstage sind dadurch knapp bemessen.

Sie reisen seit 2015 mit dem »Hoiners«-Fanclub um die Welt - wann entstand die Idee, ein Buch darüber zu schreiben?

Als wir unsere verrückten Geschichten vor einigen Jahren auf den sozialen Kanälen teilten, haben wir teilweise ohne Werbung 10 000 Klicks bekommen. Viele Personen fragten: »Wann schreibt ihr ein Buch darüber?« Die Corona-Pandemie bot dann die Möglichkeit dazu. Nach vielen durchzechten Nächten nahm das Ganze dann seinen Lauf. Wir haben uns letztlich für den Eigenverlag entschieden. Wir spenden den Gewinn. Wir haben uns gesagt: »Wenn du es dir leisten kannst, für den Fußball um die Welt zu reisen, kommt es auf die 700 Euro nicht an.« Bislang haben wir ca. 4000 Euro eingenommen. Die ersten 1000 Euro haben wir an die Kinderkrebshilfe im Odenwald gespendet.

Können Sie uns mitnehmen auf eine Ihrer verrückten Reisen?

Im September 2018 sind wir von Köln nach Kiew geflogen. Schon damals hat man gemerkt, dass diese Stadt westlich geprägt war: Viele Kneipen, gefühlt achtmal so viele wie in der Ludwigstraße. Wir haben den Trip zur Erkundung der Umgebung genutzt, wie immer. Wir sind mit dem Bus nach Tschernobyl gefahren, waren an einem der größten Militärstützpunkte... Und dann haben wir uns recht spontan vorgenommen, auch Moldawien für ein Fußballspiel abzuklappern. Andreas (Staudt, Co-Autor, Anm. d. Red.) und ich haben dann 400 Kilometer auf einer Buckelpiste mit einem Leihwagen zurückgelegt. An der Grenze angekommen, ließ man uns durch, nicht aber den Wagen. Wir hatten noch sieben Stunden Zeit bis zum Spiel und mäßigen WLAN-Empfang. Ich fand heraus, dass wir uns in Transnistrien befanden. Wir standen dort in Jogginghose, ohne Gepäck oder Getränke, bei 29 Grad und ohne Auto, mitten im Nirgendwo. Wir sind dann getrampt, ein Offizier hat uns in die nächstgelegene Kleinstadt mitgenommen. Dort sind wir in einen Neuner-Bus gestiegen, wobei gefühlt 18 Menschen drin saßen, darunter eine moldawische Oma mit Hühnern im Käfig unter dem Sitz. Ich habe noch nie ein so heruntergekommenes Land gesehen. Beim Spiel selbst waren dann ca. 10 000 Zuschauer. Andreas hat sein Handy verloren, ein Zuschauer hielt es später hoch und brachte es ihm wieder. Wir mussten bis zum nächsten Tag zurück nach Kiew, haben uns ein Taxi an die Grenze bestellt, sind von dort aus mit einem 60-PS-Corsa nach Kiew gefahren und waren um 6 Uhr morgens dort. Im Nachgang erzählst du diese Geschichten gerne, aber glauben Sie mir: In diesen Momenten denkst du dir: »Was ist das für ein Schrott! Ich könnte jetzt auch am Strand liegen!« So erging es uns mit den 21 Geschichten, die wir im Buch teilen, des Öfteren.

Was haben Sie während dieser Touren gelernt?

Dankbarkeit und Bescheidenheit. Meine Eltern sind mit mir früher auch klassisch im Urlaub in den Vier-Sterne-Club geflogen. Wenn du aber siehst, wie andere Menschen leben, lernst du das Leben in Deutschland zu schätzen. Wenn du weißt, dass es nicht in dein Haus reinregnet oder du als Achtjähriger auf dem Markt Kekse verkaufen musst. Und gleichzeitig habe ich erkannt, dass die deutsche Denkweise nicht immer die richtige ist. Beispiel Fußball-WM in Katar: Da haben hierzulande viele gemeckert, dass die WM im Winter beim Weihnachtsmarkt stattfindet. In Argentinien herrschte eine Rieseneuphorie! Für die war es die erste WM im Sommer! Es gibt so viele Sichtweisen...

Welche Tipps haben Sie für Groundhopper, die es Ihnen nachmachen wollen?

Vorher informieren auf den Plattformen! Es gibt sehr viele Facebook-Gruppen, fast jeder Verein hat einen Kontakt. Und: Niemals eine geschlossene Frage stellen. Also nicht fragen: »Spielt ihr um 17 Uhr? Sondern: Wann spielt ihr?« Darüber hinaus sollte man das Chaos einfach zulassen. Du musst den deutschen Ordnungssinn zu Hause lassen. Einfach Spaß daran haben und offen für Neues sein.

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