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Axel Geerken, Geschäftsführer des Bundesligisten MT Melsungen und Ex-Torwart der HSG Wetzlar, übt heftige Kritik an Bundestrainer Christian Prokop. (Foto: Vogler)

Handball

HSG-Wetzlar-Ikone Geerken zählt Bundestrainer Prokop an

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Die Geschichte hinter der Geschichte: die Nachnominierung des Finn Lemke zur Handball-EM - oder: wie sich der DHB nicht gerade mit Ruhm bekleckerte. Axel Geerken, Ex der HSG Wetzlar, teilt aus.

Melsungens Geschäftsführer und früherer HSG-Torwart Axel Geerken ist ein zurückhaltender, gleichwohl eloquenter und analytisch-sachlicher Handballkenner. Doch als die "Handballwoche" vor dem entscheidenden Hauptrundenspiel der DHB-Sieben gegen Spanien das Gespräch mit dem einstigen Nationaltorhüter suchte, konnte auch er nur schwerlich seine Emotionen verbergen. Zu sehr hatte die Europameisterschaft in Kroatien und deren Vorgeschichte schon an ihm genagt.

Bereits Ende Oktober musste er zunächst seinen Weltklasse-Rechtsaußen und Ex-Wetzlarer Tobias Reichmann aufbauen, als dieser für den EM-Härtetest gegen Spanien nicht berücksichtigt wurde. Dennoch gelang es ihm, gemeinsam mit dem restlichen Team der MT Melsungen, den Linkshänder wieder aufzubauen. Das Ergebnis: Reichmann behielt im Hexenkessel von Zagreb die Nerven und sicherte gegen Slowenien mit einem verwandelten Siebenmeter in der Schlusssekunde wenigstens den so wichtigen einen Punkt.

Die Aussortierung von Abwehrchef Finn Lemke kurz vor dem Beginn der EM sorgte für den nächsten Sprengstoff – weit über Handball-Nordhessen hinaus. Bundestrainer Christian Prokop hatte den emotionalen Leader unmittelbar vor der EM aussortiert, folgenschwer für die Nationalmannschaft. Statt also in Kroatien die "DHB-Mission" Titelverteidigung beginnen zu können, schwitzte Lemke im Melsunger Trainingslager auf Fuerteventura. Folglich lag die psychisch-mentale Aufbauarbeit wieder bei den Klubverantwortlichen.

WhatsApp zu nächtlicher Stunde

Doch damit nicht genug: Als dann der Abwehrrecke nachts um zwei Uhr von Prokop eine Sprachnachricht per WhatsApp erhielt, er, Prokop, sei als Ergebnis umfangreicher Videoanalysen zu der Überlegung gekommen, Lemke nachnominieren zu wollen, war Geerken von Deutschland aus auch als "unfreiwilliger Macher in Diensten des DHB" gefordert. Denn: die Nachricht an Lemke enthielt eine Vorbehaltsklausel: Prokop müsse erst noch das Okay der Verantwortlichen am frühen Morgen einholen. Als dann Lemke bis 8 Uhr (auf Fuerteventura 7 Uhr) vergeblich auf die erlösende Klarheit gewartet hatte, wurde Geerken in Deutschland informiert. Familie musste Familie bleiben, es begann für den MT-Geschäftsführer ein Wettlauf mit der Zeit, doch er konnte keinen der DHB-Entscheider in Kroatien telefonisch erreichen. Der Stand der Nachnominierung um 9 Uhr: weiter unklar. Aufgrund der fortschreitenden Zeit organisierte Geerken in Eigenverantwortung den einzig möglichen Flug von Fuerteventura mit Umsteigen gen Kroatien. "Erst als der Flieger mit Lemke um 11.40 Uhr schon abgehoben hatte, meldete sich DHB-Sportvorstand Axel Kromer, der von der Nachnominierung auch noch nichts wusste. Später dann auch noch Bob Hanning, da war allerdings schon alles erledigt", so ein noch immer angefressener Geerken. Ein unglaubliches Procedere, denn Geerken war nur aufgrund eines Kreuzbandrisses seiner Ehefrau zu Hause erreichbar. So viel zum öffentlich inszenierten, klugen Schachzug von Prokop und Vizepräsidenten Hanning.

Doch dies war nicht die letzte Baustelle, mit der sich die Melsunger Verantwortlichen zu beschäftigen hatten. Es galt zeitgleich auch noch, die Seele eines bis dato kaum ins Spiel findenden Julius Kühn zu stärken. Genauso wie andere Bundesligastars wie Steffen Fäth oder Kai Häfner, die im Bundesliga-Alltag den Ball aus jedem Winkel mit enormer Präzision im Tor versenken, schien der Rückraumschütze komplett verunsichert. In den Auszeiten kein psychischer Appell von Prokop an das eigene Können, eher kamen Informationssalven für die Reproduktion vorgegebener Schablonen.

Ohne Not Team zerlegt

Das sind besonders die Momente, die Axel Geerken sehr bewegen: "Ich war ja nur Torwart, kein Feldspieler. Aber gerade als Torwart beschäftigt man sich mit seinen Vorderleuten, lernt ein Spiel zu lesen. Wir alle – und gerade auch in den Vereinen – haben den neu geschaffenen Spirit unserer 2016er-Nationalspieler genossen und genutzt. Und da verstehe ich nun wirklich nicht, warum ein Trainer ohne Not ein mit großem Geist, Emotionen und Entscheidungsfähigkeiten ausgestattetes Team regelrecht zerlegt." Prokop sei sicher ein guter Vereinstrainer, wo ihm die Mannschaft aus einer gewissen Vertrautheit folgt. Aber die EM mit dem Aufeinandertreffen der besten Trainer und Spieler unseres Kontinentes sei doch etwas anderes. "Ich will ihm wirklich nichts Böses, aber als Bundestrainer scheint er überfordert", so Geerken weiter, "und die Konsequenzen aus dem verpassten Halbfinale sind noch gar nicht abzusehen – nicht für die HBL, nicht für den DHB und schon gar nicht für den Handballsport im Kleinen." Zudem: In einem Jahr stehen die Weltmeisterschaften im eigenen Land – gemeinsam mit Dänemark – an. Der Handlungsbedarf zeichne sich jetzt schon ab, und er könnte den DHB richtig Geld kosten. "Man wird gründlich nachdenken müssen, ob man mit Prokop als Bundestrainer in die WM geht. Verbrannt ist er schon heute. Und der Schaden seiner Verpflichtung kann sich ganz schnell zu einer Million Euro summieren, wenn man nicht handelt", so Geerken.

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