HSG-Trainer: Keine Lust mehr auf Pionierarbeit

Trainer Michael Roth wechselt vom Handball-Bundesligisten HSG Wetzlar zum Ligakonkurrenten MT Melsungen. Im Interview spricht Roth über Gehaltserhöhungen, ausgeplauderte Interna und darüber, was bei der HSG noch alles schiefläuft.

Herr Roth, warum haben Sie die HSG verlassen?

Roth: Das ist eine lange Geschichte. Schon im Dezember hatte ich als Trainer eine schwere Zeit. Axel Geerken ist gegangen, Rainer Dotzauer wurde krank und die Finanzprobleme offenkundig. Damals habe ich gerne geholfen, die Situation zu lösen. Danach wurde eine Neuanfang ausgerufen mit Hardo Reimann und Sascha Schnobrich. Ein Konsolidierungsjahr, für das wir mit wenig Geld eine ordentliche Truppe zusammengestellt haben. Und was ist seitdem passiert? Dotzauer, Reimann, Schnobrich? Alle weg. Reimann war mein Mentor. Von seinem Rücktritt habe ich aus der Zeitung erfahren. Das war ein Vertrauensbruch. Und er hat als Bezugsperson gefehlt. Ich hatte zuletzt in einer Zeit mit einigen Niederlagen keinen Ansprechpartner. Vieles war nicht geklärt. Martin Bender und Manfred Thielmann wollen jetzt wieder einen Neuanfang starten. Ich wollte aber nicht schon wieder Pionierarbeit leisten und von vorne beginnen. Das war mir zu viel. Gut, ich hätte es mitgemacht, wenn ich keine anderen Angebote gehabt hätte. Aber ich hatte eine Wahl .

.. Obwohl wir intern vorher besprochen hatten, dass es eine schwere Saison wird, hat mir die Rückendeckung gefehlt, Ich stand alleine und dachte: Gut, wenn ihr wieder einen Neuanfang machen wollt, sucht auch einen neuen Trainer. Wer sich näher damit befasst, kann meine Entscheidung nachvollziehen.

Wirklich eine lange Geschichte, eine unendliche sozusagen ...

Roth: Ja, es wäre mein dritter Neuanfang bei der HSG gewesen. In 18 Monaten. Und es war ja nicht nur die Frage: Wer macht den Aufsichtsrat? Ein Geschäftsführer fehlt auch, und einen Sportlichen Leiter hatte ich auch mal. Wieder alles neu? Wieder etwas retten, was vielleicht gar nicht mehr zu retten ist? Deswegen habe ich mich für Melsungen entschieden, auch wenn ich mich sportlich zunächst beim Schlusslicht nicht verbessere. Aber die Rahmenbedingungen stimmen. Es gibt ein komplettes Umfeld. Und sogar einen Physiotherapeuten. Schon das war bei der HSG schwer genug.

Die sportliche Talfahrt war also kein Grund?

Roth: Wenn man die Situation realistisch sieht, weiß man, dass es keine Talfahrt war. Dass wir gegen Friesenheim verlieren und das Pokalspiel verkacken, war nicht eingeplant. Aber gegen Lemgo und Göppingen hat die Mannschaft wieder gezeigt, dass sie intakt ist. Dass wir gegen den Abstieg kämpfen würden, war doch von Anfang an klar. Ich habe aber keine Gefahr gesehen, dass wir den Klassenerhalt nicht schaffen. Die Turbulenzen im Umfeld waren ausschlaggebend. Ohne Ruhe im Umfeld und ohne Geld kann man nicht ruhig arbeiten. Wenn Spieler ihr Gehalt nicht bekommen, der Verein führungslos und unstrukturiert ist, muss der Trainer das täglich im Training ausbaden. Gerade die neuen Spieler waren beispielsweise über die Entwicklungen im Umfeld sehr überrascht.

Dass häufig Interna in die Öffentlichkeit getragen wurden - zuletzt von Interims- geschäftsführer Norbert Weber Ihr Strafzettel und Ihre Gehaltserhöhung - dürfte Sie auch gestört haben ...

Roth: Zu diesem Zeitpunkt war meine Entscheidung schon gefallen. Aber dass Weber so einen Scheiß erzählt, hat mich zusätzlich bestätigt. Zumal meine Gehaltserhöhung so gering war. Aber das weiß er wahrscheinlich gar nicht. Ich habe den Vertrag jedenfalls nicht wegen des Geldes verlängert.

Sondern wegen der Ausstiegsklausel?

Roth: Nein, weil ich eigentlich in Wetzlar bleiben wollte. Aber es stimmt, auch die Ausstiegsklausel war neu.

Hatten Sie in Wetzlar Angst um Ihren Arbeitsplatz?

Roth: Nein. Ich glaube, die hat kein Trainer.

Können Sie nachvollziehen, dass die Enttäuschung über Ihren Wechsel gerade bei den Spielern groß ist, die Sie nach Wetzlar geholt haben?

Roth: Natürlich. Aber damit muss man zurechtkommen. Meine moralischen Ansprüche sind hoch, aber wir sind im Profigeschäft. Ich kann weiter mit erhobenem Haupt durch die Gegend laufen. Ich habe den drei Kapitänen meine Gründe intensiver erklärt und mich sonst normal verabschiedet. So ist das Geschäft. Wenn ein Spieler ein besseres Angebot bekommt, gratuliere ich ihm auch.

Wenn Sie die ersten Spiele Revue passieren lassen. Was ist schiefgelaufen?

Roth: Sportlich nichts. Vielleicht habe ich den Fehler gemacht, nicht mehr darauf hinzuweisen, dass wir viele wichtige Spieler verloren haben und dass es schwer wird, sie zu ersetzen. Es ist aber meine Mentalität, höhere Ziele anzuvisieren. Das Umfeld war aber nicht realistisch genug. Ich habe die richtigen Spieler geholt und in sechs Wochen Vorbereitung eine neue Truppe an das Liganiveau herangeführt.

Dennoch. Bei Niederlagen gegen Friesenheim und Obernburg lief aber auch nicht alles richtig.

Roth: Es ist immer eine Frage der Qualität der Einzelspieler. Das betrifft alle Teams, die um die Plätze zwölf bis 18 spielen. Kristjansson habe ich aus der Schweiz geholt, den hat keine Sau gekannt. Müller kam aus Balingen und wollte sich sportlich verbessern, und Friedrich war zweiter Mann in Hannover. Es sind die richtigen Spieler für Wetzlarer Verhältnisse. Aber wenn Qualität fehlt, hat man keine Konstanz. Man kann am Samstag mit 15 in Kiel verlieren und am Mittwoch gegen Gummersbach gewinnen.

Und auch in Balingen mit zehn Toren verlieren?

Roth: Klar. Da haben wir letzte Saison auch mit zehn Toren verloren. Mit einer anderen Mannschaft.

Was wird Ihnen von Wetzlar in Erinnerung bleiben?

Roth: Eigentlich war es eine schöne Zeit. Die Heimspiele, die Fans, alles super. Ich hatte damals unter anderen Voraussetzungen unterschrieben. Christophersen hatte zugesagt, dann kam die Finanzkrise und es wurde alles anders wie es versprochen war. Von Kontinuität konnte man nicht mehr sprechen. Man kann nur hoffen, dass die neue Führung endlich Strukturen schafft. Es war schön, aber es war sehr schwer, dort zu arbeiten.

Haben Sie einen Rat für Ihren alten Verein.

Roth: Ich habe Martin Bender als seriösen Menschen kennengelernt. Ich traue ihm zu, dass er Strukturen schafft. Die muss er dann mit Personal besetzen. Ich wollte vor der Saison Ex-Spieler wie Gregor Werum oder Volker Michel mit Rainer Dotzauer, der der letzte Wetzlarer war, mit dem ich über Handball sprechen könnte, in einem Kompetenzteam zusammenbringen, aber das hat alles nicht stattgefunden. Man braucht ein Team, dass sich sportlich orientieren kann. Es gibt viel Hobbymanager, die denken, sie können mitreden, aber das ist meist der Anfang vom Ende. Marc Schäfer

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