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Holt den Pokal, um ihn Grabi zu widmen

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Von: Ronny Herteux

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Henni Nachtsheim. © Red

Badesalz-Comedian Henni Nachtsheim hofft auf einen Pokalgewinn der Frankfurter Eintracht, um ihn der SGE-Legende Jürgen Grabowski zu widmen.

Hallo Herr Nachtsheim, der Countdown läuft. Haben Sie sich schon Baldrian, vielleicht sogar gleich in Pulver-, Tröpfchen- und Tablettenform bereitgelegt?

Das zwar nicht, aber die Aufregung steigt schon etwas an. Vorhin war ich im Supermarkt, und als mich die Dame an der Käsetheke gefragt hat, ob ich noch einen Wunsch hätte, hab ich geantwortet: »Unentschieden!« Woraufhin sie gelacht und gesagt hat: »Mein Mann dreht auch gerade durch!«

Überhaupt, haben Sie dem Nachtsheim’schen Umfeld schon die Order erteilt, in den kommenden Stunden bis zum Anpfiff auf jedwede Ablenkungen zu verzichten?

Im Gegenteil. Ich hab alle um mich rum gebeten, mich permanent auf irgendwelche Nichtigkeiten anzusprechen, und seien sie noch so banal. Ich hab meinem Körper gegenüber ja eine gewisse Verantwortung, und deswegen reicht es, wenn ich so ab 20 Uhr verkrampfe und diesen geisteskranken Gesichtsausdruck bekomme!

Die Frankfurter Eintracht hat im Hinspiel ein 2:1 bei West Ham United vorgelegt. Ein vorzügliches, wenngleich nicht minder gefährliches Ergebnis. Oder?

Ob Sie es glauben oder nicht, ich hab beim Hinspiel gedacht: »Vielleicht wäre ein Unentschieden psychologisch besser fürs Rückspiel!« Ich hab auf jeden Fall gehörigen Respekt vor West Ham, gerade wenn man sich ihr Rückspiel in Lyon anguckt.

Weil so mancher Fan die Eintracht schon im Finale von Sevilla wähnt, könnte sich dies auch als psychologisches Hemmnis erweisen. Wäre vielleicht auch die Einnahme von Baldrian für die SGE-Spieler geeignet, um einen kühlen Kopf zu bewahren? Oder braucht es vermehrt Temperament in so einem Spiel?

Ich weiß nicht, ob Sie schon mal mit Baldrian in der Birne Fußball gespielt haben, aber ich glaube, das ist eine eher kontraproduktive Idee. Nein, sie brauchen Power, höchste Konzentration, ordentlich Adrenalin ... und uns!

Schauen wir mal auf die letzten Monate zurück: Es will sich mir einfach nicht erschließen, warum die Eintracht national eher durchschnittlich mit mehr Tiefen als Höhen, international allerdings furios aufspielt. Was ist da los im Team aus dem Riederwald?

Ich hatte mal einen Onkel, der hat sich in jeder normalen Gaststätte immer benommen wie ein primitiver Idiot, laut, rumpolternd usw. Aber sobald er mal, elegant gekleidet, in einem Nobel-Restaurant gegessen hat, hat er in so eine Art »Grafen-Modus« umgeschaltet und sich top elegant verhalten. So ein bisschen ist es bei der Eintracht auch. Ich glaube, man nennt das auch »fußballerische Schizophrenie«! Gegen die vermeintlich Kleinen spielt die Mannschaft maximal auf Mittelmaß, gegen die Großen auf beachtlich hohem Niveau. Hätte man nur in vier, fünf Spielen wie z. B. gegen Bielefeld oder Wolfsburg oder Fürth in etwa das abgerufen wie z. B. bei den Heimspielen gegen Leverkusen oder Dortmund, wären wir nächstes Jahr international wieder dabei. Aber es ist halt die Eintracht...

Die große Kulisse, die Atmosphäre allein kann es ja nicht sein, oder laufen Sie bei Ihren Badesalz-Auftritten mit Gerd Knebel auch nur in großen Hallen zur Höchstform auf? Bestimmt nicht!

Nein, das kann ich ehrlich sagen! Keine Ahnung, woran es liegt. Aber es wäre nicht schlecht, wenn sie das in der nächsten Spielzeit ändern, dann könnte das eine extrem gute Saison werden!

Fakt ist, die Eintracht und Leipzig sind nach dem Champions-League-Aus der Bayern und Dortmunder die einzigen deutschen Vertreter in Europa, wäre nun auch ein rein deutsches Finale reizvoll?

Eindeutig NEIN! Ich wünsche mir von Herzen ein Finale Eintracht gegen Glasgow Rangers! Ich bin sicher, dass das emotional nicht zu überbieten ist. Von den Mannschaften her, und vor allem von den Fans!

Auf der anderen Seite, mit Leipzig-Gegner Glasgow Rangers hat die Eintracht gute Erfahrungen gemacht, erinnert sei an das 6:1 und 6:3 im Europapokal-Halbfinale der Landesmeister. Allerdings ist dies 62 Jahre her. Damals mit Friedel Lutz, Egon Loy, Alfred Pfaff, Dieter Stinka und Richard Kreß. Haben Sie noch Erinnerungen daran?

Klar! Denn ich war damals ja immerhin schon drei Jahre alt, und weiß dementsprechend natürlich auch noch ganz genau, dass mein Opa und ich damals Zigarre rauchend vorm Fernseher gesessen und bei jedem Tor mit Apfelschnaps angestoßen haben.

An das folgende Final-3:7 gegen Real Madrid mit den legendären Alfredo Di Stéfano und Ferenc Puskás sei an dieser Stelle auch erinnert. Also, wenn die Eintracht mal kein Traditionsverein ist.

Dass die Eintracht das ist, ist unbestritten. Ich glaube aber, dass es weniger mit diesen Spielen zu tun hat als mit ihrer langen und sehr eigenen Geschichte! Der jüdischen Vergangenheit, ihren vielen Aufs und Abs, und natürlich ihrer steten, identitätsstiftenden Bedeutung für unsere Region ... oder genauer gesagt ... für uns Hessen!

Zumal 20 Jahre später der UEFA-Pokal an den Main geholt wurde. Im Finale mit Hin- und Rückspiel gegen Borussia Mönchengladbach. Und mit was für Eintracht-Größen auf dem Platz - jetzt haben Sie das Schlusswort:

Die größte aller Eintracht-Größen damals hieß Jürgen Grabowski, der beim Rückspiel allerdings verletzungsbedingt nicht mitspielen durfte. Und der dieses Jahr gestorben ist. Und auch wenn ... oder vielleicht auch gerade weil das so ein großer und trauriger Verlust für die Eintracht ist, gäbe es in meinen Augen keinen besseren Zeitpunkt, einen großen internationalen Pokal zu holen als dieses Jahr. Allein schon, um ihn Grabi zu widmen!

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