Eintracht Frankfurt

Henni Nachtsheim zieht Bilanz

Hendrik Nachtsheim wirft einen Blick zurück auf die Saison der Frankfurter Eintracht und blickt auch voraus - auf einen Sommer, der für die Hütter-Truppe kürzer wird als für andere Klubs.

Hallo Herr Nachtsheim, die Fußball-Saison 2018/19 liegt hinter uns. Welche Ereignisse oder was werden Sie am ehesten konservieren können?

Henni:Ich habe diese Saison natürlich in allererster Linie aus Frankfurter Sicht wahrgenommen. Und glaube, das wir Zeitzeugen eines Umbruchs waren.

Inwiefern? Also, geht das noch etwas konkreter?

Henni:Der Verein hat meiner Meinung nach den Schritt auf die nächste Stufe gemacht. Sportlich dank eines unterm Strich gut zusammengestellten Kaders und eines offensichtlich sehr schlauen Trainers; wirtschaftlich dank einer klug agierenden Vereinsführung. Mein Gefühl sagt mir, dass wir die nächsten Jahre die Eintracht auf einem guten Niveau erleben. Axel Hellmann hat des Öfteren vom "schlafenden Riesen" gesprochen. Ich glaube, der wird gerade wach.

Haben Sie die Frankfurter Eintracht so erwartet? Ihr Vormarsch in das Halbfinale der Europa League mit Siegen über Inter Mailand, Benfica Lissabon, AS Rom oder Olympique Marseille?

Henni:Nein, als ich die Auslosung für die Gruppenphase mitbekommen habe, habe ich nur gedacht, dass da tolle Mannschaften kommen, und wir das alle so sehr genießen sollten wie möglich. Und auch wenn ich ihnen zugetraut habe, die Gruppenphase zu überstehen, dass dieser Wettbewerb für uns dann so lang dauern würde, habe ich zumindest am Anfang nicht für möglich gehalten. Das ist so, wie wenn du einen schönen, zweiwöchigen Urlaub gebucht hast und der Reiseveranstalter dir kurz vor Schluss sagt, dass du auf Kosten des Hauses gerne noch ein paar Wochen länger bleiben darfst.

Das Unerwartete verliert seinen Reiz, wenn der Glaube daran verloren geht. Warum hatte man trotz neun Punkten Vorsprung nie das Gefühl, dass Borussia Dortmund am Saisonende vor den Münchner Bayern wird liegen können?

Henni:Ich habe mal vor vielen Jahren an einer sehr langen Wanderung teilgenommen, an der viele auch ihre Hunde mit dabei hatten. Vorm Start haben alle skeptisch auf die älteren Hunde geguckt, so nach dem Motto: "Na, ob die das durchhalten?", während man sich um die ganz jungen Hunde überhaupt keinen Kopf gemacht hat. Als es dann losging, sind die jungen Hunde übermütig losgerannt, aber nach einem Dreiviertel der Strecke mussten ihre Besitzer sie für den Rest der Wanderung tragen, während die alten völlig unbeeindruckt vorneweg marschierten. So ein bisschen war das beim Meisterschaftsrennen auch. Furios gestartete junge Wilde, denen aber im Endspurt vor allem mental die Puste ausgegangen ist.

Das erinnert irgendwie an selbsterfüllende Prophezeiungen nach dem Motto: es darf nicht sein, was nicht vorstellbar ist. Der BVB also psychisch der Situation nicht gewachsen?

Henni:Die These, dass etwas nicht sein darf, weil es nicht vorstellbar ist, ist so mit das Blödeste was es gibt, weil es ja automatisch Visionen verbietet. Und was wäre unsere Welt ohne verrückte Ideen oder unkonventionelle Geistesblitze? Was den BVB angeht ist er, wie die jungen Hunde auch, an einem gewissen Mangel an Erfahrung gescheitert. Wobei Platz zwei natürlich trotzdem ein super Ergebnis ist.

Um zur Eintracht zurückzukehren, hier erinnern mich die letzten Wochen in der Bundesliga an eine selbstzerstörende Prophezeiung nach dem Motto: Uns gehen die Kräfte aus, also können wir nicht mehr.

Henni:Das war weder Prophezeiung noch Selbstzerstörung, sondern eine realistische Feststellung. Die Mannschaft war gegen Ende der Saison an ihrem oberen Limit angekommen, die Spiele gegen Chelsea kamen eigentlich zum denkbar blödesten Zeitpunkt überhaupt. Und dafür haben sie sich unglaublich geschlagen!

Hat die psychische Konstitution trotzdem einen höheren Einfluss auf Erfolg und Misserfolg (nicht nur im Fußball), als uns manche ewiggestrigen Trainer oder ewigredseligen Experten in den Fußballshows weismachen wollen? Denken wir nur an die Aufholjagden von Liverpool und Tottenham im Champions-League-Halbfinale.

Henni:Wenn, wie in den Halbfinal-Spielen der Champions League vier absolute Top-Mannschaften aufeinander treffen und es dann zu solchen Aufholjagden kommt, hat das mit Sicherheit auch mit Psyche und mentaler Stärke zu tun. Wobei mir das bei Ajax Amsterdam letztendlich egal war, woran es lag. Ajax ist seit meiner Kindheit einer meiner ausländischen Lieblingsvereine, und ich hätte ihnen das echt gegönnt. Aber so ist es manchmal. Oder um es mal wieder mit meiner Großmutter mütterlicherseits zu sagen: "Wenn Du denkst, du kriest was, kriestes net, und wenn Du es gar net willst, kriestes!"

Ein Sommer ohne Welt- oder Europameisterschaften im Fußball, wie überstehen sie diese Jahreszeit bis zum 25. Juli, dem Hinspiel der zweiten Qualifikationsrunde zur Europa League? Haben Sie da bestimmte Psychotricks in petto?

Henni:Das ist so, als würden Sie mich fragen, wie ich nach einer fetten Grillsaison ein paar Wochen ohne Grillen überstehen kann. Um bei diesem Vergleich zu bleiben, ich bin so vollgefressen, dass ich froh über die Pause bin! Gerade aus Eintracht-Sicht war das eine proppenvolle Saison. Nicht nur, was die Anzahl der Spiele betrifft, sondern auch vom emotionalen Verschleiß her. Ich war nach dem Bayern-Spiel erleichtert, dass jetzt mal ein bisschen Ruhe ist.

Stoßen die Frankfurter in die Gruppenphase vor, bleiben im DFB-Pokal ein paar Runden dabei, könnte es dann im nächsten Spätfrühling wieder zu einem Déjà-vu kommen? Oder darf man davon ausgehen, dass sie am Main aus den Fehlern der Endphase der Saison gelernt haben?

Henni:Ja, das glaube ich schon! Wichtig ist, dass man aus der Schlussphase der abgelaufenen Saison die richtigen Schlüsse zieht und mit mehr Back-ups in die nächste geht als in dieser! Ich hatte mal ein Mädchen in der Klasse, deren Eltern ein Autoscooter-Fahrgeschäft betrieben haben. Irgendwann kam sie weinend in die Schule und erzählte uns, dass am Wochenende gleich mehrere Autoscooter ausgefallen seien, und sie deswegen den Betrieb einstellen mussten. Das wäre ihnen nicht passiert, wenn sie noch ein paar Ersatzfahrzeuge gehabt hätten. So ähnlich sehe ich das bei der Eintracht auch!

Was aber, wenn etwas Wirklichkeit wird, was Sportvorstand Fredi Bobic in der letzten Woche nicht in Gänze ausschließen wollte: Nämlich den Verlust des Sturmtrios Luka Jovic, Ante Rebic und Sebastien Haller.

Henni:Das wäre schade, aber was Rührseligkeiten angeht, sind wir Fans da ziemlich alleine mit. Was aber bleiben darf, ist die Hoffnung, dass man dann eben mit neuen Spielern wieder eine starke Mannschaft aufbaut! Ich finde es übrigens absolut super, dass Kostic bleibt! Mit ihm haben wir auf jeden Fall schon mal einen, der die Stürmer, wer immer das dann auch sein wird, mit Vorlagen füttert!

Um beim Thema Abwerben zu bleiben: Wenn europäische Topteams ihre Fühler nach dem SGE-Trio ausstrecken, und vor dem Hintergrund der englischen Dominanz in den Euro-Finals und dem Debakel der DFB-Elf im letzten Sommer bei der WM: Hat der deutsche Fußball bald ausgespielt?

Henni:Als ich 14 Jahre alt war, hatten fast alle meiner Kumpel schon Freundinnen. Ich war ziemlich dick, hatte eine schlimme Prinz-Eisenherz-Frisur, eine saudoofe Brille und null Chancen bei den Mädchen. Ich hab gedacht, ich sei für immer ein Loser! Ein Jahr später hab ich richtig viel abgenommen, mir coole Klamotten besorgt, die Haare wachsen lassen und eine damals sehr moderne Nickelbrille getragen. Und schon hatte ich meine erste Freundin! Und so ist es auch im Fußball. Es gab schon immer für jedes Land mal bestimmte Phasen, die sich nicht so gut angefühlt haben. In denen zu glauben, dass das der Endzustand für immer ist, ist aber Quatsch. Im Moment dominieren international ein paar andere Länder, aber das ist deswegen noch lange kein Untergang für den deutschen Fußball.

Noch lange nicht ausgespielt hat die Eintracht. Was sagen sie jenen Fans, die für die neue Saison eine Steigerung erwarten; jenen, die verstärkt von Rückschlägen ausgehen; und jenen, die mit einer Wiederholung von 2018/19 zufrieden wären?

Henni:Der ersten Gruppe: seid nicht so vermessen! Der zweiten: seid nicht so pessimistisch! Der dritten: seid nicht so bescheiden!

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