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Pure Leidenschaft hat Kroatien ins WM-Finale gebracht. (Foto: dpa)

WM-Analyse

Heimischer Experte zieht WM-Bilanz: "Der Wille ist am wichtigsten"

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Der in der Region bekannte Fußballtrainer Daniyel Bulut analysiert das WM-Finale Frankreich gegen Kroatien und sagt, was für ihn die Schlussfolgerungen des Turniers sind.

Was sagt dieses WM-Finale über den Fußball im Jahr 2018 aus?

Bei aller Diskussion über Taktik und Ausbildungssystem sind die Grundtugenden immer noch am wichtigsten. Das hat diese WM mit dem Finalisten Kroatien unter anderem gezeigt. Eine Mannschaft muss im Gesamten funktionieren, so wie Frankreich, wo sich alle Stars unterordnen. Es sind zwei Finalisten mit verschiedenen Wegen. Es gibt im heutigen Fußball nicht diesen einen Weg, der zum Erfolg führt. Außer dem Willen, der muss vorhanden sein. Wenn du den nicht hast, ist Erfolg kaum möglich. Wenn Fußballer satt sind, ist das der Weg zum Rückschritt. Das war bei der deutschen Mannschaft zu sehen.

Welche Stärken haben Frankreich ins Endspiel gebracht?

Die Franzosen haben es geschafft, die individuelle Qualität in ein taktisches System einzufügen. Die sechsminütige Nachspielzeit gegen Belgien im Halbfinale war Sinnbild für das gesamte Spiel. Sie haben dem Gegner keine Hoffnung gegeben, zurückzukommen. Frankreich ist sehr reif, eine richtig clevere Mannschaft, die gefährlich nach Standardsituationen ist. Mittelstürmer Oliver Giroud steht teilweise am eigenen Sechzehnmeterraum und kämpft für die Mannschaft. Superstar Paul Pogba macht defensiv viele Räume zu, gewinnt Zweikämpfe. Frankreich ist diszipliniert, aber gleichzeitig sehr konterstark. Sobald du ihnen vorne Raum lässt, sind sie gefährlich mit den dafür klassischen Konterspielern wie Antoine Griezmann oder Kylian Mbappe.

Was kann Kroatien einbringen um Weltmeister zu werden?

Die Kroaten kommen über das Patriotische, über eine brutale Mentalität bis in die Krämpfe hinein. Sie haben die meisten Tore ohne Standardsituationen erzielt. Ich bin ein Fan von Luka Modric. Er sprintet in der 120. Minute noch zur Eckfahne. Das zeigt die Mentalität dieser Mannschaft, die gegen England im Halbfinale meiner Meinung auch den besseren Fußball gespielt hat. Es ist keine Mannschaft, die noch zehn Jahre vor sich hat. Mario Mandzukic, Ivan Perisic und Modric sind am Zenit, vermutlich wird es ihre letzte WM. In ihren Augen sieht man, dass sie gewinnen wollen.

Was kann man am Sonntag für ein Finale erwarten?

Wir dürfen kein 5:4 in der regulären Spielzeit erwarten. Beide werden denken: Wir haben es jetzt so weit geschafft. Keiner will verlieren, beide werden eher vorsichtig agieren. Die Kroaten dürfen den Franzosen nicht zu viele Räume geben, daher rechne ich mit einem zähen Spiel, in dem Frankreich der Favorit ist. Mehr freuen würde ich mich für Kroatien.

Warum sind bei dieser WM so viele Favoriten früh ausgeschieden?

Man hat gesehen, dass alle Mannschaften, die Probleme ins Turnier mitreingetragen haben, früh ausgeschieden sind. Spanien mit dem Trainerwechsel kurz vor der WM, Deutschland u.a. mit Özil/Gündogan, Argentinien mit der Machtdiskussion um Lionel Messi und den Trainer. Wenn du nicht voll fokussiert bist, schaffst du es bei so einem Turnier nicht weit. Kroatien hatte diesen Fokus von Beginn an.

Was hat Deutschland in Russland alles gefehlt?

Vieles natürlich. Ich habe Joachim Löws Rotation nach dem Schweden-Spiel überhaupt nicht verstanden, da hat er sich vercoacht. Abgesehen davon lief vieles nicht gut – der Wille fehlte zum Großteil. Deutschland hat sich auch ein bisschen selbst überschätzt: Weltmeister, beste Ausbildung, schöner Fußball. Da denkst du irgendwann: Wir sind ja echt richtig gut. Und dann lässt du fünf Prozent nach. Die sind im Fußball entscheidend.

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