"Heilige Kuh des Amateurfußballs, die geschlachtet wird" Heimische Vereinsvertreter haben mit DFB-Spitze Gespräche geführt

Es rumort in Fußball-Deutschland. Die Basis begehrt auf. Vereine in den Kreisen Gelsenkirchen und Unna/Hamm haben am 28. Februar/1. März anlässlich des ersten Rückrunden-Spieltages zum Streik aufgerufen. Sie wollen damit gegen das künftige Bundesliga-Sonntagspiel um 15.30 Uhr protestieren. Damit nicht genug, nun werden sich vielleicht auch noch die Amateurfußballer in Wiesbaden diesem Boykott anschließen. Dazu im AZ-Interview: Gießens Kreisfußballwart Henry Mohr (Kleinlinden).

Es rumort in Fußball-Deutschland. Die Basis begehrt auf. Vereine in den Kreisen Gelsenkirchen und Unna/Hamm haben am 28. Februar/1. März anlässlich des ersten Rückrunden-Spieltages zum Streik aufgerufen. Sie wollen damit gegen das künftige Bundesliga-Sonntagspiel um 15.30 Uhr protestieren. Damit nicht genug, nun werden sich vielleicht auch noch die Amateurfußballer in Wiesbaden diesem Boykott anschließen. "Wir können uns wirklich nicht alles bieten lassen", sagte Dieter Elsenbast, der mit dem Hessischen Fußball-Verband (HFV) Kontakt aufgenommen hat. Wenn dieser zustimme, "werden wir alle Spiele ausfallen lassen und uns eine gemeinsame Aktion überlegen", so Elsenbast gegenüber dem Sport-Informationsdienst (sid).

Der Flächenbrand steht vor einer Ausweitung, der Deutsche Fußball-Bund (DFB) mit Dr. Theo Zwanziger an der Spitze muss sich als Krisenmanager bewähren. Die Amateur-Clubs, für die der Sonntagnachmittag traditionell reserviert war, befürchten Zuschauerschwund und Einnahmerückgänge. Dazu im AZ-Interview: Gießens Kreisfußballwart Henry Mohr (Kleinlinden).

Herr Mohr, halten Sie den Weg Ihrer Amtskollegen in Gelsenkirchen für richtig?

Henry Mohr: "Ein Boykott wie in Gelsenkirchen ist zwar medienwirksam. Aber ich empfinde das als Unsinn. Klar sind die Vereine im Ruhrpott aufgrund der Ansammlung von vielen Bundesligateams öfter von Spielen um 15.30 Uhr betroffen. Aber dann weniger durch das Fernsehen, sondern eher durch die Nähe der Spielorte."

Herr Mohr, war es zu irgendeiner Zeit ein Thema, dass auch der Fußballkreis Gießen zu einem Boykott von Spielen oder Spieltagen aufruft? Haben Vereine ihren Unmut Ihnen gegenüber hinsichtlich dieses Sonntagsspiels geäußert?

Henry Mohr: "Wir hatten im Kreis der Fußballwarte in der Region im letzten Jahr auch einmal überlegt, was man tun könnte. Aber einen Boykottaufruf wird es mit mir nicht geben. Ich muss sagen, dass sich eigentlich nicht so viele Vereine jetzt bei mir beschwert haben. In Gesprächen haben zwar etliche ihren Unmut geäußert, es gab aber auch Stimmen, die das gar nicht so schlimm finden. Es geht hier auch viel um das Prinzip. Der Sonntagmittag ist die heilige Kuh des Amateurfußballs, die jetzt geschlachtet wird."

Der DFB hat mittlerweile angekündigt, den Dialog mit der Basis zu suchen. Kann es da überhaupt zu einer Lösung kommen, wie den Amateurvereinen geholfen werden kann?

Henry Mohr: "Der Dialog mit der Basis ist für den DFB gar nicht so einfach. Natürlich weiß der DFB auch von den Problemen. Wir haben ja schon verschiedene Gespräche geführt. Ich denke, dass das Problem nicht nur beim DFB zu suchen ist. Vielleicht sollten sich die Profivereine auch ein wenig für die Basis öffnen und auch einmal für weniger Geld in der Provinz spielen und die Erlöse an die Vereine verteilen. Der Fußballfan von der Basis kommt doch an die sogenannten Stars gar nicht mehr ran. Das geht doch zu wie im Zirkus. Nur durch die Gitter kann man sie beobachten."

Sehen Sie durch dieses neue Bundesligaspiel den Spielbetrieb im Amateurbereich im Kreis Gießen oder gar in Mittelhessen für die neue Saison gefährdet?

Henry Mohr: "Also generell ist der Fußball in Deutschland und auch in Mittelhessen nicht gefährdet. Ich glaube sogar, dass wegen diesem Sonntagsspiel nicht unbedingt viel weniger Zuschauer zu den Spielen kommen. Das wäre nur ein Problem, wenn die Übertragungen im öffentlich-rechtlichen Fernsehen wären. Aber Bezahlfernsehen hat doch nicht jeder. Und eigentlich legen die Vereine die sogenannten Spitzenspiele und Nachbarschaftsduelle immer gerne auf den Samstag. Auch die Junioren spielen samstags. Und da wird doch auch die Bundesliga live übertragen. Trotzdem ist doch auf den Plätzen einiges los. Jetzt sollten die Vereine nicht nur noch jammern, sondern das auch als Chance sehen. Eventuell auch im Sportheim noch die Fußballübertragung mit anbieten. Der Fußball ist nicht nur die Basis, sondern auch der Profibereich. Beide sollten weiterhin voneinander profitieren. Es will doch auch jeder, das unsere Teams international Erfolge erzielen. Das geht natürlich auch nur mit erheblichen finanziellen Mitteln. Die bietet halt das Bezahlfernsehen. Aber auch die Basis bekommt einen Anteil ab. Viele Gelder fließen auch in die Arbeit der Fußball-Verbände. Außerdem ist es nicht der DFB, der die Fernsehverträge abschließt sondern die DFL."

Es mehren sich die Stimmen, dass die Basis von den ›DFB-Oberen‹ nicht mehr gehört wird. Kritiker sehen sich mit diesem neuen Bundesligaspiel bestätigt. Wie beurteilen Sie die Arbeit zwischen Basis und DFB-Spitze? Gibt es überhaupt einen Austausch?

Henry Mohr: "Dass der DFB sich etwas von der Basis entfernt hatte, hat sogar DFB-Präsident Dr. Theo Zwanziger anlässlich seines Besuches in Lich bestätigt. Es hätte der Dialog schon viel früher mit der Basis aufgenommen werden müssen. Das wird vom Verband jetzt auch intensiviert. Wir hatten im Herbst eine Tagung mit dem DFB und werden jetzt im März wiederum zusammensitzen. Bei diesem Gespräch in Lich (siehe Artikel unten, Anm. d. Red.) konnte der DFB-Präsident den zahlreichen Vereinsvertretern schon einige Argumente an die Hand geben. Natürlich sieht er auch die Sorgen der Vereine. Es gab sogar den Vorschlag, für Vereine und Sportheime, einen günstigeren Tarif beim Bezahlfernsehen zu erwirken. Alles in allem wird inzwischen ein Austausch geführt. Das viele Vereine den Sonntagsspieltag der Bundesliga mit gemischten Gefühlen sehen, ist nachvollziehbar. Und es ist auch gut, dass sich die Basis zu Wort meldet.

Nur die Art und Weise sollte angemessen sein. Sachliche Diskussionen sind in Ordnung, aber Beschimpfungen bringen keinen weiter. Genauso wenig wie ein Boykott. Ob es eine für die Basis akzeptable Lösung gibt, werden die nächsten Wochen zeigen. Wir von der Basis bleiben natürlich dran und versuchen das Beste für die Vereine zu erreichen." (ms)

Kreisfußballwart Henry Mohr hatte gerufen - und die Vertreter der Basis aus dem heimischen Fußballkreises erschienen zahlreich. 23 geladene Vertreter der heimischen Amateur-Ligen fanden sich im Rahmen des Neujahrsempfangs des Kreisfußballausschusses Gießen zu einer Diskussionsrunde mit DFB-Präsident Dr. Theo Zwanziger in der Licher Brauerei ein. Begleitet wurde er von Rolf Hocke, HFV-Präsident und DFB-Vize Präsident. Thema: Bundesliga-Sonntagsspiele im TV.

Ziel der Veranstaltung war es, die Diskussion mit Vertretern der Basis des deutschen Fußballs durchaus kontrovers zu führen. Und nach dem Ende der knapp einstündigen Runde standen denn auch viele neue Einblicke für die Vereinsvertreter sowie die Bestätigung für den DFB-Präsidenten, dass der Dialog mit der Basis einer der wichtigsten Teilprozesse im Rahmen der Meinungsbildung rund um dieses Streitthema darstellt.

Nachdem Henry Mohr die Diskussion mit einer kurzen Zusammenfassung der Problematik eingeleitet hatte, nutzten die Vereinsvertreter aus dem heimischen Fußballkreis die Chance, dem DFB-Präsidenten ihre Standpunkte zu erläutern. Insbesondere die Angst, Spitzenspiele könnten Zuschauer an den Fernseher "fesseln" und damit von den Sportplätzen fernhalten, bestimmte einige der Beiträge.

Dr. Zwanziger akzeptierte dabei den Vorwurf, die Diskussion hätte von Beginn an intensiver und breiter mit der Basis geführt werden müssen. Er stellte dann die rechtliche Situation und die Chancen, die sich für den Amateurfußball aus dem neuen Vertrag ergeben, dar. "Dabei muss man sich zuerst einmal vor Augen halten, dass der alte Grundlagenvertrag vertragsgemäß zum 30. 6. ausläuft." Dieser regelt die Verzahnung des Profifußballs mit dem Amateurbereich, der die wichtigste Säule in der Finanzierung des Amateurfußballes darstellt.

"Die Verlängerung des Grundlagenvertrages, als Teil der neuen Vereinbarung, ist einer der wesentlichen Faktoren unseres Haushaltes", ergänzte HFV-Präsident Hocke und untermauerte dies mit konkreten Zahlen. "Von den circa vier Millionen Euro an die Landesverbände aus dem Grundlagenvertrag erhält der HFV etwa 260 000 Euro und weitere rund 300 000 Euro aus den Spielabgaben. Ohne diese Transferleistungen wäre der Verband nicht zu führen - oder müsste sich dieses Geld durch höhere Beiträge von der Basis, durch höhere Gebühren, etwa für Spielerpässe, Wechsel usw. holen", so der HFV-Präsident.

"Weiterhin muss auch beachtet werden, dass wir das Gesamtpaket aus 1. und 2. Liga beurteilen müssen", sagte Dr. Zwanziger. Denn Teil der Regelung ist auch eine Reduzierung der Live-Partien des Unterhauses am Sonntag von bisher bis zu fünf Partien (Anstoß: 14 Uhr) auf zwei Begegnungen und dafür ein zusätzliches Bundesligaspiel mehr, das "allerdings", so Zwanziger, "in erster Linie an die Mannschaften vergeben wird, die die Woche über in den europäischen Wettbewerben aktiv sind".

Da es sich hierbei aber um die potenziell attraktivsten Vereine handelt, wollten die Vereinsvertreter wissen, wie sich die Fußballfunktionäre denn den Umgang mit der Konkurrenzsituation vorstellen. Und diese antworteten unisono, dass hier Flexibilität und Ideenreichtum gefragt sind. "Was macht ihr denn bisher, wenn ihr ein Spitzenspiel habt und besonders viele Zuschauer anziehen wollt", so Mohr. Ergebnis: Die meisten Vereine verlegen diese Partie auf Samstag. Das führte Mohr zu dem Schluss: "Und da werden bisher bis zu sechs Begegnungen zeitgleich live übertragen. Also müsst ihr auch mit den Anstoßzeiten flexibel sein, und das werden wir auch weiterhin unterstützen", so der Gießener Kreisfußballwart.

Die Bitte der heimischen Vertreter zum Abschluss, ob der DFB nicht mit Premiere Sonderkonditionen für Vereine aushandeln könne, so dass diese ihre Begegnungen zeitlich flexibel mit Übertragungen der Bundesligaspiele in den Sportheimen kombinieren könnten, nahm der DFB-Präsident als Arbeitsauftrag mit auf den Weg nach Frankfurt/Main.

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