Endlich wieder Handball: Maximilian Holst (HSG Wetzlar) beim Laktattest. FOTO: VOGLER
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Endlich wieder Handball: Maximilian Holst (HSG Wetzlar) beim Laktattest. FOTO: VOGLER

HSG Wetzlar

Für Handball-Profis ein tiefer Einschnitt

  • Daniela Pieth
    vonDaniela Pieth
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Noch zehn Tage bis zum Saisonstart der Handball-Bundesliga. Maximilian Holst und Alexander Feld, die Profis der HSG Wetzlar, blicken zurück auf sechs Monate Zwangspause in der Coronakrise.

Der Saisonbeginn in der Handball-Bundesliga steht vor der Tür, die HSG Wetzlar darf zum Auftakt am 4. Oktober gegen die SG Flensburg/Handewitt mit voraussichtlich 800 Zuschauern in die Runde starten. Anfang März haben die Grün-Weißen ihr letztes Spiel in der Rittal-Arena bestritten, dann kam Corona und eine so noch nie dagewesene Pause. Heute abend um 19 Uhr kommt es gegen den Ligarivalen HC Erlangen vor 249 Zuschauern zum Testlauf. Wir haben uns mit Maximilian Holst und Alexander Feld darüber unterhalten, wie Handballer in Zeiten von Corona die letzten Monate verbracht haben.

Wie haben Sie die Zeit erlebt? Vom Abbruch der Vorsaison bis heute?

Alexander Feld:Mittlerweile hat man schon so viel vergessen, weil es gefühlt schon so lange her ist. Am Anfang waren alle gar nicht so traurig über die Pause. Es haben sich alle danach gesehnt, dass man etwas länger frei hat. Aber man hat dann relativ schnell gemerkt, dass das Gesellschaftliche fehlt, dass man die Jungs nicht mehr jeden Tag sieht. Abseits vom Handball bin ich mit meiner Freundin nach Hause gefahren und habe im Unternehmen meiner Eltern geholfen. So waren wir bestimmt drei Monte in der Heimat, haben die Zeit mit Familie und Freunden genossen, die man sonst nicht so viel sieht. Im Sommer haben wir über meinen Geburtstag mit 14 Handballern einen Trip nach Holland gemacht, ein Haus gemietet und gefeiert.

Maximilian Holst:Wir waren ein bisschen mit dem Auto unterwegs, sind nach Holland gefahren, an die Nordsee und an die Ostsee, haben Freunde besucht und dort Zeit mit unseren Familien verbracht. Unser Hund fand es am Meer super und es war schön, ein wenig raus zu kommen. Dann ging die Vorbereitung los, so einen Trainingsauftakt habe ich auch noch nie erlebt. Das war von der Intensität sehr reduziert, weil wir in Kurzarbeit waren und nicht mehr arbeiten durften. Das war wie eine Kreisligatruppe, die sich zwei Mal in der Woche in der Halle trifft, den Ball ein bisschen hin und her wirft und gemeinsam ein bisschen Krafttraining macht.

Das war in den ersten vier Wochen schon sehr gewöhnungsbedürftig. Wenn man das ganze Leben Leistungssport gemacht hat, dann nur so reduziert zu trainieren, das war schon komisch. Klar, jeder hat für sich darüber hinaus was gemacht, um sich vorzubereiten. Dann hatten wir noch mal ein paar Tage frei und Anfang September ging es wieder richtig los.

Wie fühlt es sich nach so langer Zeit an, wieder den Ball in der Hand zu halten?

Holst:Wenn wir mit mehr Einheiten hätten starten können, wäre das glaube ich wieder ganz schnell gegangen. Da wir nur zwei Mal in der Woche Hallentraining hatten, hat das schon ein bisschen gedauert. Das war ein ganz komischer Rhythmus und nach vier Monaten ohne Hallentraining auch ein höheres Risiko. Zum Glück hat sich niemand verletzt, da der Körper nach so langer Zeit nicht mehr auf die Belastung vorbereitet ist. Koordinativ muss man auch wieder in die Bewegungsabläufe reinkommen. Nach zwei, drei Wochen kam wieder das Gefühl und dieser Rhythmus zurück, weil wir wieder diese tägliche Routine und die täglichen Abläufe haben.

Hat die tägliche Routine in der Zeit seit März gefehlt?

Holst:Ja, es war auf jeden Fall ein anderes Leben. Der Sport dominiert den ganzen Tagesablauf. Du richtest alles nach den Trainingseinheiten, nach den Terminen aus. Wie du dich vorbereitest, wie du nachbereitest, wann du regenerierst zwischen den Einheiten, wie du das strukturierst. Das war dann komplett anders, das ist alles komplett weggefallen. Die Liga stand still und man hatte auf einmal viel Zeit zur freien Verfügung. Klar hat man fast täglich trainiert, um den Körper darauf vorzubereiten, dass irgendwann wieder Leistungssport auf dem Programm stehen wird, dass das kein dauerhafter Urlaub ist. Das war das erste Mal im Leben, dass man Individualsport gemacht hat. Ich habe ein bisschen mehr in meinem Nebenjob (bei Leica Cameras, Anm. d. Red.) gearbeitet, wir sind umgezogen und haben ein paar Projekte im Garten vorangetrieben.

Haben Sie mit der Mannschaft Kontakt gehalten. Wenn ja, wie?

Holst:Ja, wir hatten ein, zwei Videokonferenzen, sonst hauptsächlich über Whatsapp. Man vermisst das Mannschaftsgefühl, gemeinsam in der Kabine zu sitzen, sich kennenzulernen und Spaß zu haben.

Feld:So still war die Mannschaftsgruppe noch nie wie in dieser Zeit. Richtigen Kontakt hatten wir dann erst wieder zum Trainingsauftakt.

Wie ist das dann, wenn man sich nach so langer Zeit erstmals wiedersieht?

Feld:Sehr schön, denn im Handball hat man ja direkt immer 14 Freunde um sich. Wir haben uns ausgetauscht, wie die anderen so ihre Zeit verbracht haben. Es war schön, alle wieder zu sehen.

Haben Sie in Ihrem Umfeld Menschen, die von Themen wie Kurzarbeit, Jobverlust oder gar Infektion mit Covid19 betroffen waren?

Feld:Glücklicherweise habe ich immer nur die Homeoffice-Sachen mitbekommen. In meinem Umfeld gab es niemanden, der seinen Job verloren hat - toi, toi, toi. Zwei Menschen, die ich kenne, waren infiziert, aber nicht in so engem Kontakt, als dass wir davon etwas abbekommen hätten.

Haben Sie sich Gedanken über ein mögliches Karriereende gemacht? Gab es Befürchtungen, dass es mit dem Handball - wie wir ihn kennen - ganz vorbei sein könnte?

Holst:Nee, darüber habe ich mir keine Gedanken gemacht. Es war nur eine Frage der Zeit, wann das von der Politik freigegeben wird, dass wir die Profiligen wieder starten können. Jetzt hat es fünf, sechs Monate gedauert, das ist ein langer Zeitraum, aber für mich gab es da nie irgendwelche Existenzängste, weil ich auch noch ein zweites berufliches Standbein habe. Wenn du am Anfang deiner Karriere stehst und alles auf den Profisport ausgerichtet hast, kann das natürlich schon ein beängstigendes Gefühl sein. Wir haben mit dem Verein auch einige Gespräche geführt, was die finanzielle Seite angeht. Uns Spielern hat auch die komplette Planungssicherheit gefehlt.

Feld:Der Gedanke kam bei mir eigentlich nicht, aber im Hinblick auf die Zukunft mache ich mir schon ein bisschen Sorgen. Je nachdem, wie das mit der Zulassung von Zuschauern geregelt wird, kann es passieren, dass die Sportvereine zumachen müssen. Darüber mache ich mir schon Gedanken, da wird es bei jedem Verein eng. Ich habe in der Zwischenzeit mein Studium halbwegs vorangetrieben, aber es war leider nicht möglich, Klausuren zu schreiben. Aber man hat schon gemerkt, wie angespannt die wirtschaftliche Lage dann auch in einem Handballverein ist. Dass man aufpassen muss, wie schnell das gehen kann, das wurde einem bewusst. Aber dass ich jetzt sage, ich muss nebenbei noch Zeitungen austragen, so war es nicht.

Können Sie der ganzen Geschichte auch etwas Positives abgewinnen?

Holst:Ja, auf jeden Fall. Was ich selbst erlebt, aber auch aus dem Umfeld erfahren habe, ist, dass viele gesagt haben, dass man mal zur Ruhe kommt. Dass man mal Abstand zu seinem normalen Alltagstrott und Stress gewinnt, aus dem man sonst kaum herauskommt. Man hatte mal Zeit für andere Dinge im Leben, die genauso wichtig sind. Das war auf jeden Fall positiv.

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