Dr. Günther Moll: Darum scheiterte die Fusion

(sno) Über zwei Jahrzehnte war Dr. Günther Moll dem VfB 1900 Gießen als starker Mann im Hintergrund verbunden. Nun ist er Mannschaftsarzt beim Fußball-Regionalligisten in Watzenborn-Steinberg. Hier erklärt er seinen Wechsel und spricht auch über die Entstehung finanzieller Probleme in Gießen und die gescheiterte Fusion.

Dr. Günther Moll suchte nicht das Gespräch mit dieser Zeitung – wir sprachen den in der Region bekannten Orthopäden an und wollten erfahren, weshalb "Mr. VfB 1900" nun in Watzenborn-Steinberg tätig ist. Überraschend offen und erfrischend ehrlich erzählte er am Mittwochnachmittag im "Bitchen" im Seltersweg von seinen Jahren beim Gießener Traditionsverein. Der Sportfan wollte und will den Fußball in Mittelhessen nach vorne bringen. Dabei rieb er sich in Gießen mächtig auf. Nach seinem Rückzug beim VfB 1900 wirkt der 66-Jährige gelassen und ausgeglichen. "Mir geht’s wirklich gut dabei, nicht mehr in Hinterkopf zu haben: Mensch, wo bekommst du die Kohle für den Verein jetzt her?" Statt sich immer wieder mit diesen Fragen auseinanderzusetzen, unternimmt der Naturliebhaber nun lieber ausgiebige Fahrradtouren mit seiner Familie. Mit der gewonnenen Ruhe und dem nötigen Abstand fällt es Dr. Moll leicht, die Dinge klar und deutlich anzusprechen.

Herr Dr. Moll, warum sind Sie seit dieser Saison nicht mehr beim VfB 1900 Gießen aktiv?

Dr. Günther Moll: Dafür gab es einen entscheidenden Anstoß. Vor dieser Saison brauchten wir einen neuen Trainer und eine neue Mannschaft, das war aufgrund der finanziellen Bedingungen klar. Der Etat ist ca. nur noch ein Zehntel so groß wie im Vorjahr. Der Sportliche Leiter fragte mich und Jakup Aljija (Teammanager) dann: Könnt ihr euch um den Trainer kümmern? Ortloff wollte sich hauptsächlich um die Mannschaft kümmern. Ich sagte: Klar, kein Problem. Ich wollte Kai Ranke als Chef- und Pierre Chabou als Co-Trainer holen. Das hätten wir stemmen können. Ich habe dann mit ihm Kontakt aufgenommen, Kai Ranke war davon angetan. Dann bin ich in den Urlaub in die USA geflogen, es wurde vereinbart, dass wir das danach dann intensiv angehen. Dann werde ich im Urlaub von Jakup Aljija angerufen: Hast du schon gehört, der VfB 1900 hat Said Rahmani als neuen Trainer engagiert. Den habe ich noch nie in der Trainerszene wahrgenommen. Die sportliche Führung, die in Gießen war, hat sich einfach selbstständig darum gekümmert. Das war der Punkt, wo ich gesagt habe: Das war’s für mich.

Wie kam es dann dazu, dass Sie zum früheren sportlichen Konkurrenten Teutonia Watzenborn-Steinberg gewechselt sind?

Dr. Moll: Vor einigen Monaten rief mich Jörg Fischer (Geschäftsführer der Teutonia, Anm. d. Red.) an und fragte mich, ob ich mir vorstellen könne, Mannschaftsarzt zu werden. Ich wollte nicht gleich wieder jedes Wochenende am Sportplatz stehen. Ich habe aber mit meinen jungen Kollegen aus der Praxis, Dr. Carsten Hauk und Dr. Björn Müller, gesprochen und ihnen gesagt: Für euer Rennommee wäre das nicht schlecht. Mir war wichtig, dass das Praxisteam im Fokus bleibt. Ich unterstütze die beiden, will aber nur bei drei, vier Spielen auf der Bank sitzen. Ich bin als Arzt aktiv, sonst nichts. Ich schaue mir die Spiele von Watzenborn-Steinberg an, weil es mich interessiert. Das ist ja ein anderes Niveau in der Regionalliga, was wir so hier, glaube ich, noch nie hatten.

Ihr Aufwand jetzt in Watzenborn-Steinberg lässt sich also nicht annähernd mit dem beim VfB 1900 Gießen vergleichen?

Dr. Moll: Nein, überhaupt nicht. In Gießen war ich bei fast jedem Training dabei, bei jedem Auswärtsspiel, wir hatten einmal wöchentlich Sitzung. Meine Frau hat manchmal gefragt: Mit wem bist du eigentlich verheiratet, mit mir oder dem VfB 1900 Gießen? Sie hatte recht. Im letzten Jahr hatte ich einen Infarkt, den ich zum Teil auch dem Stress beim Fußball zuschreibe.

Der VfB 1900 Gießen war öfter in finanziellen Schwierigkeiten. Wann wurden diese Probleme zuletzt wieder größer?

Dr. Moll: Seit dem Rückzüg von Dr. Petr Brozik. Vor zwei Jahren ist mit ihm ein elementarer Pfeiler des VfB 1900 Gießen weggebrochen. Im Winter der Saison 2014/2015 konnte man sehen, dass es zwischen Trainer Stefan Hassler und der Mannschaft überhaupt nicht stimmt. Ich rief Hassler an und bat ihn zusammen mit Dr. Brozik zum Gespräch. Und Stefan Hassler sagte mir: "Ich hab keinen Bock mehr, diese Mannschaft zu trainieren. Am Saisonende höre ich sowieso auf." Da war für mich klar, dass wir ihn sofort entlassen müssen. Mit dieser Entscheidung war Dr. Petr Brozik nicht zufrieden, es gab Unstimmigkeiten, er zog sich zurück. Diesen Ausfall konnten wir nicht kompensieren. Auch wenn es sportlich richtig war, Hassler zu entlassen, würde ich es heute nicht mehr so machen.

War Ihr über 20-jähriges Engagement beim VfB 1900 Gießen davon geprägt, Geld aufzutreiben und zuzusehen, nicht in finanzielle Nöte zu kommen?

Dr. Moll: Nein. In den letzten Jahren musste ich aber öfter zu privaten Leuten fahren und habe mich auch als Bittsteller gefühlt. Da werden 5000 Euro fest zugesagt und wenn man dann da ist, kommen doch nur noch 1000 Euro. Da hatte ich irgendwann keine Lust mehr drauf. Auch wenn es in der letzten Saison finanzielle Probleme gab, wurde alles ausgeglichen. Ich hatte noch einen Kontakt, der 15 000 Euro beigesteuert hat, mit den Einnahmen vom Hessenpokal hatte man nicht gerechnet. Das war alles okay.

Ist es für Sie ausgeschlossen, noch einmal beim VfB 1900 Gießen einzusteigen?

Dr. Moll: Nein, das will ich nicht ausschließen. Es ist möglich, dass ich noch mal was mache. Man muss nicht immer nachtragend sein.

Aber nicht in dieser Konstellation.

Dr. Moll: Mit manchen Leuten zum Beispiel, bin ich nie gut klargekommen. Im Winter-Trainingslager 2015 in der Türkei, damals noch unter dem Trainer Niko Semlitsch, bin ich nachgereist und schon am ersten Abend kamen die Spieler zu mir und sagten: Das geht gar nicht mit der sportlichen Führung. Er hat den Spielern gesagt: Unterschreibt heute noch einen Vertrag für die neue Saison, oder ich besetze eure Position neu. Das kann man natürlich nicht machen.

Zur Saison 2015/16 kam dann Daniyel Bulut als neuer Trainer. Warum musste er nach einem Jahr erkennen, dass es beim VfB 1900 zu schwierig ist?

Dr. Moll: Zwischenzeitlich wurden finanzielle Vereinbarungen nicht immer eingehalten. Darunter hat natürlich auch die Mannschaft gelitten. Ich habe Daniyel im Frühjahr dann gesagt: Wenn du weitermachst, mache ich auch weiter. Er kam irgendwann zu mir und meinte: "Sei mir nicht böse, aber es ist ja kaum jemand hier, mit dem man wirklich zusammenarbeiten kann." Und er wollte nicht derjenige sein, der mich zum Weitermachen treibt. Weil er wusste, dass ich gesundheitlich vorbelastet bin und dass das bei diesem Verein ganz schön anstrengend sein kann.

Was empfinden Sie, wenn Sie sehen, dass der VfB 1900 momentan in der Betrachtungsweise komplett hinten runterfällt?

Dr. Moll: Mir tut das wirklich leid, wenn ich den VfB 1900 so sehe. Es ist ein hausgemachtes Problem. Wenn nicht mehr Leute bereit sind, etwas zu machen, wird es nichts. Man hat Sitzungen, um Dinge beim VfB 1900 in die Wege zu leiten, und die Leute sagen: Ich bin VfBler vom Herzen. Gleichzeitig fragen sie: Was bekomme ich denn für den Einsatz? Zu einem habe ich gesagt: Dein Herz sitzt in der Brieftasche oder was? Denkst du, ich verdiene hier etwas? Im Gegenteil, ich lege viel drauf. So etwas macht mich fuchsig. In der Stadt ist es schwieriger. Der VfB 1900 ist geliebt und gehasst. Viele hatten sich auf die Fusion mit Watzenborn-Steinberg gefreut.

Warum kam es nicht zur angedachten Fusion zwischen VfB 1900 Gießen und der Teutonia aus Watzenborn-Steinberg?

Dr. Moll: Im Sommer 2015 liefen die Gespräche zwischen den Vereinen, federführend von Jörg Fischer und mir. Es war alles geplant, wir waren uns einig, dass wir die Fusion machen wollen. Der neue Verein hätte VfB Teutonia Gießen heißen sollen. Es war klar vereinbart, nichts anzukündigen, bevor es wirklich fix ist. Nichts sollte an die Öffentlichkeit kommen, bevor wir alles geregelt haben. Das ist ja nicht so schwer, einfach still zu sein. Anfang Oktober 2015 meinte ein Offizieller des VfB 1900 dann, mit ihrer Zeitung über die Pläne sprechen zu müssen. Damit war das Projekt für Watzenborn-Steinberg beendet, mit solchen Leuten wollten sie nicht zusammenarbeiten. Und das kann ich verstehen, auch wenn ich sehr enttäuscht war.

Glauben Sie, dass Watzenborn-Steinberg in Wetzlar mittelfristig großes Interesse hervorruft?

Dr. Moll: Das ist die Frage. Beim ersten Spiel gegen den TSV Steinbach waren viele Leute aus Gießen da. Ich glaube nicht, dass man vom Wetzlarer Publikum alleine leben kann. Wenn Regionalliga-Fußball in Gießen stattfindet, würde ich einen Purzelbaum machen. Hier könnte man mehr Leute aquirieren. Gießen bietet den Nährboden für hochklassigen Fußball. Es gibt viele talentierte Spieler aus der Region, nur als Beispiel André Laurito (spielt bei Drittligist RW Erfurt) oder Nico Rinderknecht (spielt bei Bundesligist FC Ingolstadt). Solche Spieler kann man heimholen. Vielleicht gibt es irgendwann auch noch einmal Diskussionen über eine Fusion. Aber das sind Themen für die Zukunft, die Teutonia muss sich zunächst einmal sportlich in dieser Regionalliga behaupten. Das wird schwer genug. Aber ich habe Vertrauen in Jörg Fischer. Er hat das mit seinem Team bis jetzt sehr gut umgesetzt.

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