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Frauenhandball

Die großen Zeiten des Frauenhandballs scheinen vorbei

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Die glorreiche Ära von Lützellinden und Mainzlar liegt über ein Jahrzehnt zurück, auch die SG Kleenheim zog 2017 freiwillig aus der 2. Liga zurück. Ein Trend, der sich deutschlandweit fortsetzt.

Das Bild, das sich im heimischen Frauenhandball schon lange abzeichnete, wird mehr und mehr auch deutschlandweit zum Problem und gipfelte zuletzt im Wechsel von gleich fünf deutschen Nationalspielerinnen aus der Bundesliga nach Ungarn.

14 Jahre lang stellte der Landkreis Gießen mit dem TV Lützellinden und dem TV Mainzlar gleich zwei Bundesligisten im Frauenhandball - von 1990 bis 2004. Nationale und internationale Erfolge noch und nöcher, geprägt vom "Doc", Trainer Dr. Hans Jürgen Gerlach, bis zum finanziellen bzw. sportlichen Niedergang 2005 (Lützellinden) bzw. 2011 (Mainzlar).

Die Entwicklung in Mittelhessen ist kein Einzelfall

Sinnbildlich für den Rückgang stand zuletzt der freiwillige Gang der Frauen der SG Kleenheim von der 2. in die 3. Liga im Jahr 2017. Diese Redaktion schrieb schon damals: "Leistungshandball im Frauenbereich befindet sich in der heimischen Region seit Jahren auf dem Rückzug, auch bringt die Ausbildung nur noch punktuell Akteurinnen auf dem erforderlichen Niveau hervor."

Die Entwicklung in Mittelhessen stellt keine Ausnahme dar. Der Stellenwert des deutschen Frauenhandballs lässt nach - deutlich wird das in diesem Sommer durch den Abgang von gleich fünf Nationalspielerinnen nach Ungarn.

"Szia" statt "Hallo" und "Kezilabda" statt "Handball" heißt es für die Torhüterinnen Dinah Eckerle und Ann-Cathrin Giegerich, Kreisläuferin Julia Behnke sowie die Rückraum-Asse Emily Bölk und Alicia Stolle. Sie tauschen ein Nischendasein in Deutschland gegen den Alltag hochbezahlter Profis in Ungarn.

Sehr zur Freude von Bundestrainer Henk Groener: Seit seinem Amtsantritt 2018 ermuntert dieser seine Spielerinnen, zu europäischen Topklubs zu wechseln. "Nur Profis können Medaillen gewinnen", sagt Groener. "Seinen Stellenwert kann man nur durch gute Leistungen erhöhen." Dafür brauche es professionelle Bedingungen, die es im deutschen Frauenhandball kaum gibt - ein Dilemma in Dauerschleife.

Groeners Vorgänger Michael Biegler, mittlerweile Chefcoach bei Bayer Leverkusen, findet es deshalb "lobenswert", dass nun viele Spielerinnen ins Ausland gehen, denn "so eine Chance erhält man durch Leistung, und wir reden ja vom Leistungssport".

Problematisch sei es nur, dass sich das Thema Wechsel ins Ausland "nicht mehr überhören lässt und sich alle angesprochen fühlen".

Zumeist vergeblich versuchen die deutschen Vereine, finanziell Schritt zu halten. Lediglich Borussia Dortmund (Kelly Dulfer) und der zweimalige Meister SG BBM Bietigheim (Stine Jörgensen, Xenia Smits) haben internationale Hochkaräter im Kader.

Der siebenmalige Champion Thüringer HC muss dagegen passen. "Wir hatten nicht den Hauch einer Chance", sagt THC-Trainer Herbert Müller über den Wechsel von Bölk und Stolle zum ungarischen Spitzenclub FTC-Rail Cargo Hungaria. Die finanziellen Mittel der ungarischen Vereine nennt Müller "utopisch".

Laut Biegler müssen sich der Handballbund und die Frauen-Bundesliga deshalb nach der Corona-Krise "breiter aufstellen, um die Sportart in Gänze zu erhalten. Es geht um den gesamten Handball, und davon stellt der Frauenhandball einen Teil dar. Es gibt nicht nur Männerhandball."

Die Spielerinnen seien "förderungswürdig angesichts dessen, was sie auch neben dem Handball leisten." Groener fordert, dass sich die Nationalspielerinnen ausschließlich auf Handball konzentrieren können, was im Ausland problemlos möglich ist. "Der Stellenwert ist ein ganz anderer, man wird als Sportler ganz anders wahrgenommen", sagt die langjährige Nationaltorhüterin Clara Woltering, die mit Buducnost Podgorica/Montenegro zweimal die Champions League gewann.

Hochprofessionelle Bedingungen wie eigene Sporthallen, hauptamtliche Trainer und Physiotherapeuten bieten "mehr Möglichkeiten, den Sport intensiv auszuüben", sagt Woltering. Fünfmal pro Jahr sei sie mit Podgorica im Trainingslager gewesen, "man kann trainieren, wann man will". Undenkbar in Deutschland, wo eine Bundesligaspielerin nicht selten gefragt wird: Und was machst du beruflich?

In Ungarn: Eigene Arena, eigene Umkleide, eigenes Fitnessstudio

Emily Bölk schwärmt von ihren ersten Eindrücken in Budapest: "Eine eigene Arena, eigene Umkleide, eigenes Fitnessstudio, alles in einem Trainingsareal."

Konträrer könnten die Gegensätze nicht sein: Bislang trainierte sie sowohl beim Buxtehuder SV als auch beim Thüringer HC in Schulturnhallen. Bölk will mit Budapest künftig "alles gewinnen, das mittelfristige Ziel ist die Teilnahme am Champions-League-Finale". Das findet, wie könnte es anders sein, seit einigen Jahren in Budapest statt: Vor 11 000 Zuschauern. FOTO: DPA

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