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Der heimische Schwimmsport leidet während der Corona-Pandemie still.

Schwimmen

Gießens Jahrgang Nichtschwimmer

Die kontinuierliche pandemiebedingte Schließung der Hallenbäder zwingt die heimischen Vereine in die Knie - die baldige Öffnung macht Hoffnung, kann die Probleme aber nicht direkt auffangen.

Der Gießener Schwimmsport leidet still und scheint von der Corona-Pandemie besonders betroffen zu sein: »Alles tot. Im Moment dümpeln wir ziellos durch die Gegend«, erklärte Stefan Alt, Abteilungsleiter Schwimmen beim Gießener SV Mitte Mai.

Sein in Leihgestern wohnender Kollege, Uwe Hermann, Vereinstrainer vom TV Wetzlar, weiß: »Wir sind als einzige Sportart auf ein anderes Element, das Wasser, angewiesen. Seit November 2020 hat der Breitensport keine Chance und ist vom Wasser abgegraben.«

Stefan Alt vom Gießener SV

Nun, endlich, sagen sich viele, gibt es Licht am Ende des Tunnels: »Wir planen, die Hallen- und Freibäder in Gießen zwischen dem 7. und 13 Juni, zu öffnen«, sagte Stadtwerke-Sprecher Uli Boos letzte Woche - die entstandenen Probleme wiegt das freilich nicht auf.

Die Pandemie hat schwerwiegende Folgen für die Schwimmfähigkeit der Bevölkerung. Im Auf und Ab der Lockdowns wurden auch die Schwimmbäder immer wieder für längere Zeit geschlossen.

Beim Gießener SV sank die Mitgliederzahl um ein Viertel

Der Schwimmunterricht in den Schulen, Vereinstraining und private Schwimmkurse konnten zum überwiegenden Teil seit Beginn des ersten Lockdowns im März 2020 nicht stattfinden.

Ein ganzer Jahrgang junger Nichtschwimmer, sinkende Mitgliederzahlen wie beim Gießener SV um rund 25 Prozent innerhalb eines Jahres und eine Warnung vor mehr Ertrinkenden sind die Folge.

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»Die Lage ist dramatisch. Wir haben einen Riesenstau in der Schwimmausbildung«, sagt Michael Hohmann, Präsident der Lebens-Rettungs-Gesellschaft (DLRG) Hessen: »Ein kompletter Jahrgang hat das Schwimmen nicht gelernt. Allein in Hessen sind das 75 000 Kinder, die in der dritten oder vierten Schulklasse das Schwimmen gelernt hätten.«

In den ersten Corona-Monaten waren alle Bäder geschlossen - über den Sommer hinweg hatten die Bäder zwar auch im Gießener Land geöffnet, die beschränkte Besucherzahl pro Quadratmeter aber erschwerte Vereinen Gruppentraining enorm. Seit November nun hat im heimischen Landkreis lediglich das durch einen Förderverein geführte Hallenbad in Biebertal geöffnet, das von den von Verordnungen ausgeklammerten Spitzensportlern genutzt wird.

Unsere Wartelisten sprengen bei der Öffnung jegliche Kapazitäten

Stefan Alt, Gießener SV

»Von unseren 80 jugendlichen Mitgliedern sind etwas mehr als zehn aktiv«, weiß Stefan Alt vom GSV. Rettungsschwimmer dürften weiterhin ausgebildet werden - »diese Möglichkeit in den Verordnungen haben wir gefunden«, sodass eine kleine Leistungsgruppe in Biebertal in den Wassergenuss kommt. »Das geht aber auch an die finanziellen Grenzen.«

Der Rest stehe seit einem halben Jahr still - »unsere Wartelisten sprengen bei der Öffnung jegliche Kapazitäten.« Elementar sei für den Vereinssport die Öffnung der Hallenbäder. »Wir waren und sind da abhängig von den Stadtwerken Gießen«, meint Alt.

Uwe Hermann ist Fachangestellter für Bäderbetriebe bei den Stadtwerken

Der 41-jährige Uwe Hermann ist nicht nur Vorsitzender der Deutschen Schwimm-Jugend, sondern auch Fachangestellter für Bäderbetriebe bei den Stadtwerken.

Er weiß: »Für eine Menge Badbetreiber ist eine Öffnung auch ein wirtschaftliches Risiko, wenn sie Gefahr laufen, zügig wieder schließen zu müssen. Im ersten Lockdown haben wir das Wasser abgelassen, seit November bleibt es im Becken, die Technik läuft mit reduzierter Energie weiter.«

Wenn die Bäder geschlossen sind, weichen die Menschen auf andere Badestellen aus.

Uwe Hermann, TV Wetzlar

Keine Schwimmausbildung hat Folgen. Fehlende Schwimmfähigkeit kann Leben kosten. »Der beste Schutz vorm Ertrinken ist es nun einmal, schwimmen zu können«, sagt Hohmann. Im Jahr 2020 sind in Deutschland mindestens 378 Menschen ertrunken.

Zumal es um die Schwimmfähigkeit in Deutschland schon vor der Pandemie alles andere als gut bestellt war. Eine repräsentative Umfrage hat schon 2017 ergeben, dass sich fast 60 Prozent der Zehnjährigen nicht sicher im Wasser bewegen können.

»Wenn die Bäder geschlossen sind, weichen die Menschen auf andere Badestellen aus«, weiß Hermann. »Wir haben viele Möglichkeiten, um nur die Lahn, Silbersee, Heuchelheimer See oder Dutenhofener See zu nennen. Das Risiko, zu ertrinken, ob wegen des kalten Wassers oder Alkohol, steigt dort ohne Aufsicht.«

Der Dutenhofener See.

Der hessische Stufenplan sieht vor, dass Schwimmbäder ab Stufe zwei, also einer Inzidenz von unter 50 an fünf aufeinander folgenden Tagen, öffnen dürfen - mit der Öffnungs-Ankündigung der Stadtwerke flammt nun Hoffnung auf, wenngleich die Vereinbarkeit von Schwimmkursen und begrenzter Personenkapazitäten herausfordernd ist.

Uwe Hermann weiß: »Wichtig ist, dass die Kinder wieder schwimmen können. Schwimmen ist nicht nur ein hohes Kulturgut, sondern auch aus sozialen Aspekten so wichtig. Der Sport als Integrationsfaktor ist unerreicht.«

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