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Kein U17-Länderspiel des DFB in Gießen. Die Hoffnung auf eine große Kulisse ist ausgeblieben. (Foto: Schepp)

Ist Gießen noch "Die Sportstadt"?

Das deutsche U 17-Nationalteam trägt in Wetzlar und Marburg Spiele für die EM-Qualifikation aus – Gießen ist raus: Kabinen und Duschen hätten saniert werden müssen. Wie schaut es in bzw. mit der Sportstadt Gießen aus?

"Gießen – Die Sportstadt." Das war einmal, in den 70er, 80er und 90er Jahren war die mittelhessische Metropole im Spitzensport führend. Der MTV 1846 Gießen war als Basketball-Bundesligist das Aushängeschild, in den 80er Jahren gesellte sich Volleyball-Bundesligist USC Gießen dazu, ehe im Frauenhandball der VfB 1900 Gießen und vor allem der TV Lützellinden für regionale, nationale und internationale Schlagzeilen sorgten. Im Fußball war zudem der VfB 1900 Gießen in der Oberliga Hessen bis 1982 obenauf. Aber all das liegt viele, viele Jahre zurück – dies bekommt die Sportstadt Gießen zu spüren.

Gießen hat seine Vormachtstellung als Sportstadt Nummer eins in Mittelhessen verloren, Wetzlar hat durch den Bau der Arena und die Modernisierung des Stadions zumindest strukturell gleichgezogen, wenn nicht sogar mehr. Die HSG Wetzlar, früher HSG Dutenhofen/Münchholzhausen, schaffte den Sprung in die Handball-Bundesliga der Männer und gehört seit 16 Jahren dem Oberhaus an, der RSV Lahn-Dill ist im Rollstuhlbasketball führend, zudem holte die zweimalige Hessentagsstadt u. a. die Handball-WM, die Tischtennis-DM und die Tanz-WM zu sich. Ein weiterer Coup gelang den Oberen der Stadt Wetzlar 2013, als das Fußball-Testspiel zwischen der deutschen U 17-Nationalelf gegen Spanien in die Goethestadt geholt wurde.

Vor über 6000 Zuschauern trennten sich die Kontrahenten im schmuck modernisierten Wetzlarer Stadion 1:1.

"Risiko nicht tragbar"

Im März ist es wieder so weit – der Deutsche Fußball-Bund (DFB) gibt sich mit seiner U 17 die Ehre in Mittelhessen – in Wetzlar und Marburg. Es geht um die EM-Qualifikation, die Titelkämpfe finden im Mai in Bulgarien statt. Die deutsche Elf von Trainer Christian Wück trifft dabei auf die Slowakei, die Ukraine und Italien.Einer der Austragungsorte war zunächst auch Gießen gewesen – bis zur vergangenen Woche. Das Waldstadion, Heimspielstätte des Verbandsligisten VfB 1900 Gießen, sollte nach 2007 wieder ein U 17-Länderspiel erhalten. Damals unterlag das DFB-Team vor über 3500 Zuschauern dem Team der USA mit 1:3. Doch bei der Austragung der U 17-EM-Qualifikation ist Gießen nun nicht mehr dabei. "Wir haben vom Hessischen Fußball-Verband die Information erhalten, dass der DFB Ausrichter sucht", sagt VfB-1900-Jugendleiter Harry Pfeiffer. Schnell wurde im Vorstand deutlich, dass der Klub bereit war, sich als Spielort zu bewerben. Es folgten Telefonate mit Bastian Krebs, dem Teammanager der U 17.

Zügig war ein Termin für eine Ortsbegehung des Gießener Waldstadions gefunden. Das war Ende letzten Jahres. "Der Zustand der Kabinen wurde bemängelt, aber das hätten wir hinbekommen", so Pfeiffer, der ausführt: "Ein paar Tage später kam dann aber der Spielplan heraus, und da stand für Gießen nur noch die Partie Italien gegen Ukraine zur Debatte. Da war für uns schnell klar, dass wir das nicht machen. Das Risiko war für uns zu groß. Von der Organisation her wäre das zwar machbar gewesen", führt Pfeiffer aus, der mit seinen Mitstreitern davon ausgegangen war, dass auch eine Begegnung Deutschlands in Gießen stattfinden würde, aber bei Italien gegen die Ukraine drohte der Aufwand in keinem Verhältnis zum Nutzen zu stehen.

Dem VfB 1900 nutzte auch die angebotene Unterstützung des Sportamtes nichts. Amtsleiter Tobias Erben dazu: "Harry Pfeiffer kam Ende November, Anfang Dezember zu uns und teilte uns mit, dass die U 17 in Gießen spielen werde. Wenig später gab es eine Ortsbegehung mit Verantwortlichen des VfB 1900, des DFB und mit Max Schneider vom Sportamt Gießen, um alles unter die Lupe zu nehmen. Wir hätten schon geholfen. Beispielsweise bei den Umkleidekabinen. Da hätten wir im Vorfeld kosmetische Reparaturen vorgenommen", erklärt Erben.

Aber ohne ein deutsches Spiel waren aus Gießener Sicht die Überlegungen ohnehin hinfällig, der VfB 1900 gab die Partie Italien – Ukraine zurück, diese findet nun auch in Wetzlar statt. Teammanager Krebs, der seit 2009 die U 17 des DFB betreut, erläuterte dazu: "Die Kabinen in Gießen hätten nicht nur renoviert, sondern saniert werden müssen. Und alles hätte angesichts der Kürze der Zeit nicht rechtzeitig fertiggestellt werden können."

Es folgte die Anfrage des DFB in Wetzlar, ob man dort das für Gießen vorgesehene Spiel zusätzlich austragen könnte. Erbens Pendant in Wetzlar, Sportamtsleiter Wendelin Müller, sagte umgehend zu. "Wir stehen mit dem DFB schon lange in Kontakt, das fing bereits im Vorfeld des Hessentages 2012 an", so Müller. Was folgte, war der Zuschlag für das Länderspiel 2013 der U 17 gegen Spanien – ein voller Erfolg. "Wir haben mit Marburg zusammen die höchsten Zuschauerzahlen bei einem U 17-Länderspiel in den letzten Jahren gehabt", erläutert Müller stolz. Der DFB war vor allem von den Stadien angetan, die keine Wünsche offen ließen. Da die Wetzlarer und Marburger 2013 bewiesen hatten, dass sie eine solche Großveranstaltung stemmen können, lag es für den DFB nahe, für die EM-Qualifikation erneut nach Mittelhessen zu gehen.

Lob für Wetzlar und Marburg

"Letztendlich habe ich die Spiele in Wetzlar und Marburg 2013 zu verantworten gehabt. Und die Stadien sind prädestiniert für solche Spiele, auch die Infrastruktur mit Hotels, Verkehrsanbindung, Nähe zum Frankfurter Flughafen und so weiter", sagt Krebs. Auch wenn der organisatorische Aufwand für solch eine Veranstaltung enorm ist, Angst müssten die Städte nicht haben. "Die Spielorte bleiben auf keinen Kosten sitzen. Das geht alles zu Lasten des DFB", stellt Krebs klar. "Die Logistik an sich muss vor Ort gegeben sein. Es geht damit auch über die ansässigen Vereine, wenn zum Beispiel Plakate, Sicherheitspersonal, Catering oder andere Dinge angegangen werden. Dann setzt man sich zusammen und schaut, wie es aussieht", führt Krebs aus, dass der DFB die regionalen Ressourcen nutzt.

Finanziell sind Wetzlar und Marburg aus dem Schneider, auch Gießen wäre auf keinen Kosten sitzen geblieben. Aber letztlich wäre die Partie Italien gegen Ukraine tatsächlich alles andere als zugkräftig gewesen.

Michael Schüssler

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