SK Gießen neuer Tabellenführer

(fjd) Der SK 1858 Gießen hat sich erstmals seit 1997 (!) wieder an die Tabellenspitze der Schach-Oberliga Ost gesetzt. Aus der ersten Doppelrunde im neuen Jahr konnte Gießen drei von vier möglichen Punkten erzielen.

Dem ungefährdeten 5,5:2,5 am Samstag über den SC Steinbach ließen Georg Legde und Co. am Sonntagvormittag ein 4:4 gegen Brett vorm Kopp Frankfurt folgen, sodass der Traditionsverein vier Spieltage vor Saisonende mit 10:4 Mannschafts- und 31 Brettpunkten ganz oben steht.

SK Gießen - SC Steinbach 5,5:2,5: Insbesondere der Verlauf von Peter Gerbers Weißpartie am sechsten Brett gegen die Deutsch-Russin Julia Schlein war für den Betrachter ein Wechselbad der Gefühle. Gegen die Najdorf-Variante der Sizilianischen Verteidigung (1. e4 c5 2. Sf3 d6 3. d4 cd 4. Sd4: Sf6 5. Sc3 a6 6. Lg5 usw.) wählte Gerber die lange Rochade und versuchte durch den thematischen Vormarsch seiner Königsflügelbauern dem schwarzen Monarchen zu Leibe zu rücken. Dabei verpasste das Gießener Urgestein ein gewinnverheißendes Springeropfer auf f5, sodass sich die Nachziehende nicht nur konsolidierte, sondern ihrerseits starkes Gegenspiel am Damenflügel erhielt. Ein simpler Figureneinsteller Schleins kurz vor der Zeitkontrolle verschaffte Gerber dann doch noch den vollen Zähler.

Mehr mit dem Resultat als mit dem Verlauf der Partie zufrieden sein durfte auch Dr. Stefan Klingelhöfer. Gegen Holger Rasch plante der Gießener Fide-Meister mit Weiß ein solides Damenbauernspiel, wurde aber bereits im 2. Zug (!) aus allen Träumen gerissen, als der Steinbacher mit der innovativen "Ampel im Nachzug" (1. d4 Sf6 2. Sf3 h6 3. g3 g5 ?!) aufwartete. Glück für den Gießener Fide-Meister, dass der zeitnotgeplagte Rasch kurz vor dem 40. Zug durch ein Versehen eine dreimalige Zugwiederholung konstruierte, wonach Klingelhöfer sofort den Schiedsrichter ans Brett beorderte und regeltechnisch korrekt das Unentschieden reklamierte.

Überraschend glatt triumphierte Georg Legde als Nachziehender über seinen Fide-Meister-Kollegen Dr. Klaus-Jürgen Lutz. Erstmals mit der im Spitzenschach selten gespielten Aljechin-Verteidigung (1. e4 Sf6 2. e5 Sd5 3. d4 d6 4. Sf3 Lg4 usw.

) aufwartend, eroberte Legde bereits nach wenigen Zügen durch den Doppelangriff Dd8-d4 sowohl Ta1 als auch Lf4, was ihm entscheidenden Materialvorteil einbrachte (0:1, 20.). Durch den Kurzsieg von Brettnachbar Legde animiert, gab Gießens IM Anatoli Donchenko seine Partie gegen And Janoschka ebenfalls nach 20 Zügen remis.

Aus der Eröffnung leichte Initiative erlangte dafür Ersatzmann Dr. Lutz Konrad, der im späteren Endspiel mit Dame, Springer und fünf Bauern gegen Dame und vier Bauern durch Abwehr aller Dauerschachgefahren seine Mehrfigur sicher zur Geltung brachte. Von ungleichen Materialverhältnissen geprägt war die Auseinandersetzung zwischen Steinbachs Julian Rubel und Thomas Henrich am fünften Brett. Erstgenannter opferte früh die Qualität für zwei Bauern, später entstand die Konstellation drei weiße Leichtfiguren gegen schwarzes Turmpaar plus Mehrbauer, die Henrich zur Geltung brachte.

Gießen - Steinbach 5,5:2,5: Brett 1: FM Derichs - Wahedi 0:1; 2: IM Donchenko - FM Janoschka remis; 3: FM Legde - FM Dr. Lutz 1:0; 4: FM Dr. Klingelhöfer - Rasch remis; 5: Henrich - Rubel 1:0; 6: Gerber - Schlein 1:0; 7: Kosak - Schaper remis; 8: Dr. Konrad - Hrubesch 1:0.

Brett vorm Kopp Frankfurt - SK Gießen 4:4: Im Gießener Lager scheiden sich die Geister, ob Michael Kosak beim Zwischenstand von 3,5:2,5 seine leicht vorteilhafte Endposition gegen den Frankfurter Taxi-Fahrer Erhard Rüger nicht hätte auf Gewinn weiterspielen sollen. Kosak hatte im Königsinder den frühen weißen Damenflügelvorstoß b2-b4-b5 mit Gegendrohungen im Zentrum beantwortet. Als Rüger den positionell fehlerhaften Abtausch des starken Sg5 gegen den Defensivläufer auf e6 forcierte, habe der unvertreibbar auf c5 postierte Rappe durch Angriff auf den anfälligen e4-Bauern das weiße Spiel vollkommen gelähmt, so die Einschätzung von Teamkollege Derichs.

Wesentlich mehr aus seinem Anzugsvorteil machte Georg Legde am dritten Brett. Gegen den berüchtigten Angriffsspieler Harilos Karabalis entschied sich Legde für den königsindischen Vierbauernangriff (1. d4 Sf6 2. c4 g6 3. Sc3 Lg7 4. e4 d6 5. f4 usw.), wobei er nach Eliminierung des schwarzen Vorpostenspringers auf d4 im weiteren Verlauf den rückständigen schwarzen d6-Bauern einkassierte. Letztlich partieentscheidend war aber das Eindringen des weißen Turms auf die siebte Reihe und der weiße Freibauer auf c7. Die Doppelbelastung, einerseits die Mattdrohungen gegen f7 und gleichzeitig die Umwandlung des c7-Bauern abzuwehren, kostete Karabalis einen Offizier. Seine gute Form in dieser Saison unterstrich Thomas Henrich mit dem fünften Sieg im sechsten Spiel. Gegen Peter Günther entkorkte Gießens erster Vorsitzender eine alte Idee von Großmeister Bent Larsen aus den 60er Jahren, der seinerzeit die französische Abtauschvariante mit dem Damenausfall Dd1-f3 anreicherte (1. e4 e6 2. d4 d5 3. Sc3 Lb4 ed5: ed5: 5. Df3 usw.). Besagter Aufbau verschaffte Henrich nicht nur das Läuferpaar, sondern im weiteren Verlauf auch gefährlichen Königsangriff. Bedingt durch die irrige Annahme, nach einem Figurenscheinopfer den preisgegebene Offizier sofort wieder zurück zu bekommen, geriet Widerpart Peter Günther dann auch materiell in eine aussichtslose Schieflage.

Die drei Punkteteilungen an den Brettern 2,4, und 7 schienen Gießen dann Aussichten auf einen knappen Mannschaftssieg zu eröffnen. Sowohl Anatoli Donchenko im Läuferspiel (1. e4 e5 2. Lc4 Sf6 3. d3 usw.) gegen den Ex-Gießener Fide-Meister Jochen Wege als auch Dr. Stefan Klingelhöfer im Franzosen (1. e4 e6 2. d4 d5 3. Sc3 Lb4 4. e5 b6 usw.) gegen Stephan Wendel führten mit den schwarzen Steinen durch solide Spielweise die angestrebte Verflachung der Stellung herbei, sodass man sich nach knapp drei Stunden auf Remis einigte. Etwas mehr hatte sich möglicherweise der zweitbundesligaerfahrene Thomas Sunder im Botwinnik-System (1. e4 c5 2. c4 usw.) erhofft, doch das völlig blockierte Zentrum bot im Gewinnsinne zu wenig Optionen (2,5:3,5).

Bvk Frankfurt - SK Gießen 4:4: Brett 1: FM Carmeille - FM Derichs 1:0; 2: FM Wege - IM A. Donchenko remis; 3: Karabalis - FM Legde 0:1; 4: Wendel - FM Dr. Klingelhöfer remis; 5: Günther - Henrich 0:1; 6: Rüger - Kosak remis; 7: Vollmar - Sunder remis; 8: Schwenkreis - I. Donchenko 1:0.

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema

Kommentare