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Gießen abgehängt? "Das ist zu kurz gedacht"

(sno) Der Leiter des Sportamts Gießen, Tobias Erben, äußert sich im Gespräch zum Start ins neue Jahr über den Vergleich mit Wetzlar und sein Verständnis von einer Sportstadt. Über seine Arbeit sagt er: "Egal was wir machen, wir werden immer kritisiert." Zum maroden Waldstadion hat er eine klare Meinung.

Herr Erben, die Stadt Wetzlar hat im letzten Jahr ein Länderspiel der deutschen Nationalmannschaft im Basketball ausgetragen, sie lud die U 17-Nationalmannschaft im Fußball ein und empfängt am 15. Januar nun ehemalige Fußball-Stars wie Edgar Davids, Icke Häßler oder Patrick Kluivert. Ist Gießen als Sportstadt abgehängt?

Tobias Erben: Das sehe ich nicht so. Gießen bleibt selbstverständlich eine Sportstadt und leistet einen wichtigen Beitrag für Mittelhessen. Die Wetzlarer Rittal-Arena bietet andere Möglichkeiten. Aber dass wir deshalb abgehängt wurden, kann ich nicht nachvollziehen.

Das kommt auf die Betrachtungsweise an.

Erben: Genau. Erst mal muss man sich fragen: Wie definiert sich eine Sportstadt? Für mich ist wichtig, dass die ortsansässige Bevölkerung die Möglichkeit hat, Sport zu treiben. Da bieten wir den rund 100 Gießener Sportvereinen mit der Bereitstellung unserer Anlagen sehr gute Möglichkeiten. Für mich ist nicht nur wichtig, dass man beim Sport zuschauen, sondern auch selbst aktiv werden kann. Abgesehen davon hatten wir im letzten Jahr zwei Highlights mit dem Turnfest und den deutschen Meisterschaften im Turnen.

Gerade das Turnfest war erfolgreiche Werbung für den Breitensport. Was Events im Spitzensport angeht, hinkt Gießen aufgrund der Infrastruktur aber hinterher.

Erben: Das Landesturnfest war ein ideales Beispiel, wie man Menschen mit einfachen Mitteln zum Sport mobilisieren kann. Es findet aber eben nur alle vier Jahre statt. Und beim nächsten Mal sicher nicht bei uns. Und es stimmt, wenn der Deutsche Fußball-Bund bei der Austragung von Länderspielen die Wahl zwischen Wetzlar, Marburg und Gießen hat, dann entscheidet er sich gegen das Gießener Waldstadion.

Stört Sie das?

Erben: Egal ist es mir nicht. Dass solche Ereignisse in Mittelhessen stattfinden, freut mich. Mich ärgert eher die öffentliche Diskussion, dass einmalige Ereignisse, wo 4000 Schüler einigen 17-Jährigen beim Fußball zuschauen, als Indikator dafür genommen werden, dass Gießen als Sportstadt abgehängt sei. Für mich liegt der Fokus darauf, selbst Sport zu machen. Wir haben in Gießen andere Highlights, wie die Pfingstregatta.

Wie ordnen Sie eine Veranstaltung wie den Hero-Cup ein, der mit ehemaligen Fußball-Stars am 15. Januar halt in Wetzlar macht?

Erben: Wer das sehen möchte, kann das im Fernsehen schauen oder 20 Euro Eintritt zahlen. Die Osthalle wäre dafür wahrscheinlich nicht der richtige Austragungsort gewesen. Dass es in der Rittal-Arena stattfindet, ist okay. Ganz grundsätzlich: Natürlich kann ich auch die vorhandenen finanziellen Mittel für Events ausgeben. Dieses Geld würde dann aber den Sportvereinen an der Basis fehlen. Die Rittal-Arena ist eben darauf ausgelegt, an 365 Tagen im Jahr möglichst viele Veranstaltungen auszutragen. Was macht man an den 350 Tagen im Jahr, an denen die HSG Wetzlar kein Heimspiel hat? Die Osthalle in Gießen ist keine Veranstaltungs-, sondern eine Schulsporthalle. Da sind uns oft Grenzen gesetzt.

Kommt Ihnen Gießen bei der Bewertung also insgesamt zu schlecht weg?

Erben: Wir reden hier von zwei Sportstätten. Darauf begrenzt es sich. Auf den Vergleich Stadion Wetzlar gegen Gießener Waldstadion und Rittal-Arena gegen Osthalle. Das Ganze nur an diesen zwei Anlagen festzumachen, halte ich für ein bisschen zu kurz gedacht. Es ist auch unfair gegenüber den anderen Sportlerinnen und Sportlern, wenn man sich nur darauf fokussiert und alles andere ausblendet. Gießen hat Stärken und Schwächen, wie jede Stadt.

Was sind denn Gießens Stärken?

Erben: Wir sind breit und vielfältig aufgestellt. Dadurch, dass wir eine Universitätsstadt sind, lernen wir Trendsportarten schnell kennen. Vieles von dem ist eben kaum medienpräsent und passiert im Verborgenen. Die Gießen 46ers haben wir in der ersten Basketball-Bundesliga, unser Gießen-Achter rudert in der 2. Liga. Im Tanzsport haben wir mit dem Rot-Weiß-Club (Bundesliga) und der TSG Blau-Gold (2. Liga) mehrere Aushängeschilder. Erstklassig sind wir in Wieseck auch im Kegeln und Radrennen.

Und die Schwächen?

Erben: Unsere Vereinslandschaft ist geprägt von Klein- und Kleinstvereinen. Wir haben nur mit dem MTV einen richtig großen Verein mit über 2000 Mitgliedern. Wir haben in fast allen Sportarten konkurrierende Vereine. Im Fußball sind das der VfB 1900 Gießen und die TSG Wieseck, im Basketball der MTV, das BBLZ, der VfB 1900 und die Basketballakademie. In der Leichtathletik heißt es TSG Wieseck gegen LAZ Gießen. In den einzelnen Vereinen findet sehr viel statt, aber nicht gebündelt.

Was löst das aus?

Erben: Dadurch fehlt der große Durchbruch, um überregional und national in der Spitze zu agieren. Da beschäftigen wir uns zu sehr mit uns selber. Natürlich treibt der Wettbewerb an. Jeder Verein möchte besser sein als der direkte Nachbar. Aber es geht auch einiges an Energie verloren.

{newPage}Die Vorsitzende des Turngaus Mittelhessen, Ingrid Hubing, hat kürzlich gesagt: "Um leistungsmäßig voranzukommen, brauchen wir neue Hallen und Geräte. Das ist seit jeher das Problem."

Erben: Der Turngau favorisiert das Vorhalten einer Halle mit feststehenden Turngeräten. Idealerweise mit einer Schnitzelgrube. So etwas in Gießen eine ganze Woche vorzuhalten, nur damit Turner am Abend ihre Übungen machen, ist natürlich eine finanzielle Frage. Unsere Hallen in Gießen werden vom Schulsport genutzt. Eine Veränderung der Situation müsste auch vom Hessischen Turnverband favorisiert werden, man müsste mit dem Turnzentrum in Linden absprechen, wie man die Infrastruktur für die Leistungssportler verbessern könnte. All das ist schwierig.

Bei all den Wünschen und Beschwerden, die bei Ihnen einlaufen: Was ist Ihre oberste Priorität bei der Verteilung der Gelder?

Erben: Wir können nur das ausgeben, was wir haben. Der Fokus liegt klar auf den Vereinen, die Angebote für Kinder und Jugendliche machen. Wenn Gelder knapp sind, werden diese Vereine stärker berücksichtigt. Wir verteilen an die Vereine pro Jahr cash rund 300 000 Euro. Rund zwei Drittel davon gehen für Betriebskosten, Mieten und Pachten drauf. Ein Großteil der restlichen 100 000 Euro geht an die Jugendsportförderung.

Das Sportamt legt viel Wert auf Jugendarbeit. Wie wichtig ist die Kooperation zwischen Schule und Verein?

Erben: Schule und Verein sind zusammen eine Chance. Man muss sich das aber überlegen. Manche Vereine haben festgestellt, dass ihr Engagement in den Schulen dazu führt, dass die Anzahl der Vereinsmitglieder gesunken ist. Einige Eltern kamen mit dem Argument: Wieso soll ich noch 60 oder 80 Euro Beitrag zahlen, wenn mein Kind doch schon zweimal wöchentlich in der Schule bespaßt wird? Der Schuss kann auch nach hinten losgehen, es ist nicht das Allheilmittel. In der Schule geht es vor allem darum, möglichst viele zur sportlichen Betätigung anzuleiten und dem Bewegungsmangel entgegenzutreten. Einige neunjährige Kinder können nicht vernünftig rückwärts laufen. Die Note zwei oder drei im Sportunterricht sagt nicht viel aus. Die Grundkoordination der Kinder geht mittlerweile häufig verloren.

Kann das Sportamt gegensteuern?

Erben: Zunächst mal stehen den Gießener Schulen die Hallen ja täglich bis 18 Uhr zur Verfügung. Und dann ist es so, dass wir ja nicht nur das knappe Gut Geld verteilen, sondern auch das knappe Gut Hallenzeiten. Wenn ein Verein kommt und Eltern-Kind-Kurse oder Jugendkurse anbieten will, genießt das höhere Priorität als Freizeitsportgruppen. Dann kann man schauen, ob es für diese Gruppen nicht andere Hallen oder Trainingszeiten gibt. Da versuchen wir zu steuern, was nicht einfach ist. Viele Gruppen betonen, dass sie schon seit über 20 Jahren zu dieser Zeit trainieren. In der Regel finden wir aber eine tragfähige Lösung.

Zurück zum Waldstadion. Es wird nicht saniert, oder?

Erben: Nach aktuellem Stand der Dinge wird sich nichts tun. Von städtischer Seite aus hat das keine Priorität. Das muss vom Verein aus kommen. Dass es alleinige Aufgabe der Stadt Gießen ist, das Stadion zu modernisieren, finde ich nicht fair.

Die Frage ist, für wen sich solch eine Investition rentieren würde.

Erben: Richtig. Wenn man mehr Geld in die Hand nehmen soll, muss man sich fragen: Für wen und was? Für die 200, 300 Zuschauer, die beim VfB 1900 regelmäßig kommen? Da muss man die Verhältnismäßigkeit sehen. Es ist mir teilweise zu einfach, die Verantwortung an die Stadt zu übertragen.

Die Footballer des MTV bringen rund 1000 Zuschauer ins Waldstadion. Warum dürfen sie nicht alle Heimspiele dort austragen? Müssen sie die Heimspiele, die ihnen gestattet werden, als Gefallen empfinden?

Erben: Nein, was heißt Gefallen? Wir ermöglichen das eben. Seit mehreren Jahren. Auch in diesem Sommer, wenn drei Spiele in der 2. Liga stattfinden sollen. Die anderen können sie im Weststadion austragen. Solange keine Fußballspiele stattfinden, passt das.

Irgendeiner ist immer nicht zufrieden mit der Entscheidung des Sportamts...

Erben: Egal wie wir es bei der Platzvergabe machen, wir werden immer kritisiert. Egal wie viel Geld wir den Vereinen geben, es ist immer zu wenig. Aber damit kann ich umgehen, weil ich weiß: Es ist transparent und nachvollziehbar, wie wir arbeiten.

Gibt es auch Lob?

Erben: Wir verstehen uns als Dienstleister. Lob gibt es selten. Vieles wird als selbstverständlich erachtet.Wenn etwas schlecht gelaufen ist, wird die Schuld beim Sportamt gesucht. Wir machen dann den besten Job, wenn alles rundläuft und uns keiner sieht.

Warum ist der Job als Leiter des Sportamts trotzdem reizvoll?

Erben: Ich habe die Chance, bei Sportveranstaltungen hinter die Kulissen zu schauen und mitzuwirken. Ich kann meine Erfahrung als Leistungssportler einbringen, damit Sport in Gießen gut aufgehoben ist. Dafür brenne ich. Das kann gerne noch lange so weitergehen.

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