Gießen 46ers sind nicht clever genug

Es gibt Situationen, in denen alles wie in Zeitlupe abzulaufen scheint. Dazu gehören durchaus auch entscheidende Momente in Basketballspielen, wenn plötzlich 24 Sekunden eine Ewigkeit darstellen. Doch als Osvaldo Jeanty, Guard der LTi Gießen 46ers, am Samstagabend in der Arena Ludwigsburg den Ball knapp sieben Sekunden vor Schluss in die Hand bekam, verwechselte er Schein und Sein. Die Uhr tickte unbarmherzig herab, während Jeanty gemächlich nach vorne schlurfte und es aufgrund dieser Trödelei nicht schaffte, einen potenziell siegbringenden Wurf innerhalb der regulären Spielzeit anzubringen. Anstatt einen knappen Sieg einzufahren, verloren die weiterhin stark abstiegsbedrohten Gießener das Bundesligaspiel am Ende mit 90:98 (39:43, 78:78) nach Verlängerung bei EnBW Ludwigsburg.

Während sich Jeanty zu viel Zeit gelassen hatte, war es wenige Sekunden zuvor Stevan Tapuskovic, der zu schnell handelte: Nachdem der einmal mehr überragende Elvir Ovcina 35 Sekunden vor Ende der regulären Spielzeit mit einem Dreipunktwurf aus der Ecke den Ausgleich hergestellt hatte, traf ein Distanzwurf von Ludwigsburgs Quadre Lollis nur den Ring. Der Rebound landete mit 17 Sekunden Restspielzeit bei Tapuskovic, der sofort zum Fastbreak durchstartete, in ein Eins-gegen-Eins ging und sofort versuchte, zu punkten, anstatt die Uhr noch weiter herunterzuspielen. Doch anstelle von zwei Zählern war der Ball plötzlich wieder in Händen der Gastgeber, die jedoch wiederum in Person von Domonic Jones den Ball an Joe Werner verloren. Der passte nun Jeanty an, der dann, wie erwähnt, die Uhr komplett aus dem Fokus verlor und die Zeit einfach ausspielte. »Ich bin sehr, sehr enttäuscht. Wir sind nicht belohnt worden für unsere Arbeit, was auch daran lag, dass wir am Ende einige schlechte Entscheidungen getroffen haben«, war auch Vladimir Bogojevic, dem Trainer der Gießener, klar.

Dabei war die Verlängerung eigentlich gar nicht so unwahrscheinlich, schließlich spielten in der Arena Ludwigsburg zwei Teams auf Augenhöhe eine über lange Strecken ausgeglichene Partie. In der Anfangsphase gelang es keinem Team, sich abzusetzen, stattdessen wechselte die Führung munter hin und her. Erst in den Schlussminuten des ersten Spielabschnitts und Anfang des zweiten Viertels gelang es den 46ers, sich etwas abzusetzen. Vier Zähler von Tapuskovic, der dazu noch Joe Werner beim Einwurf schön in Szene setzte, und vier Punkte von Jeanty ließen Gießen auf 27:19 (11.) davonziehen. Kurz danach dann aber eine Schwächephase der Gäste aus Mittelhessen, die mehr als dreieinhalb Minuten lang keinen Korb mehr erzielen konnten und die Führung wieder an die EnBW verloren, ehe zwei Treffer des ansonsten blassen Kevin Johnson die Bogojevic-Truppe wieder mit 33:32 in Führung brachten (16.). Für eines der Highlights der Partie sorgte Backup-Aufbauspieler Viktor Jacovic, der nach einem Ballgewinn den Fastbreak startete, dann den Ball ohne Sichtkontakt hinter sich spielte, wo Ovcina mitgelaufen war und unbedrängt per Dunking zum 37:35 (18.) vollenden konnte. Dank dreier Distanztreffer gingen dann aber die Ludwigsburger mit einem Vorsprung in die Kabine.

Die Gießener, bei denen die beiden etatmäßigen Starter Lorenzo Williams (Muskelverletzung im Oberschenkel) und Maurice Jeffers (Wadenverletzung) nur in Zivil auf der Bank Platz nehmen konnten, hatten beim 39:43 keinen Klassenunterschied zum Tabellenzwölften der BBL erkennen lassen.

Nach dem Seitenwechsel dann zunächst die schwächste Phase in der gesamten Partie. In den ersten vier Minuten nach der Halbzeitpause gelang es weder den Gastgebern noch den 46ers, in einen offensiven Rhythmus zu kommen. Gerade einmal sechs Punkte, vier auf Ludwigsburger, zwei auf Gießener Seite, fielen in diesen Minuten. Dann aber kamen die Hausherren wieder richtig in ihr Spiel, während die 46ers sich nun einem wachsenden Rückstand gegenübersahen. Nach zwei Punkten von Ludwigsburgs Neuzugang TJ Thompson stand es 41:55 (26.) aus Sicht der Gäste. Doch dreimal Tapuskovic sowie sechs Punkte in Folge von Joe Werner und ein Distanzwurf von Jeanty zeigten nicht nur, dass die Spieler von Bogojevic sich nicht aufgegeben hatten, sondern brachten Gießen bis zum Viertelende auch wieder auf 57:60 zurück. »Vladimirs Team hat Charakter bewiesen«, lobte auch Ludwigsburgs Coach Tolga Öngören die 46ers nach dem Spiel.

Das Spiel der Gießener verlagerte sich nun zusehends auf die Schultern der Innenspieler Werner und Ovcina. In den ersten fünf Minuten des Schlussviertels waren es einzig der Powerforward und der Center, die sich in die Punkteliste eintragen konnten. Jedoch schien dies die beiden reboundstärksten 46ers-Akteure auszulaugen, denn gerade das Fangen von Fehlwürfen, was vor allem in der ersten Halbzeit hervorragend gelungen war, machte den Mittelhessen nun einige Probleme. Bogojevic, den anstelle von Gerald Wasshuber (stand zeitgleich für die Licher BasketBären in der ProB an der Seitenlinie) sein verletzter Spieler Maurice Jeffers beim Coaching unterstützte, musste ab Mitte des Viertels auf Max Weber (5. Foul) verzichten und spielte nur noch mit einer Sechs-Mann-Rotation (Ovcina, Werner, Jeanty, Lischka, Tapuskovic, Jacovic), nachdem der formschwache Johnson ab Mitte des dritten Viertels nicht mehr spielen durfte und Jannik Freese, der nach seinem Jochbeinbruch mit einer Maske auflief, nur zu einem Kurzeinsatz in der ersten Halbzeit kam. Dennoch hielten die Gießener das Spiel offen, ehe es nach der eingangs beschriebenen Situation zur Verlängerung kam.

Doch in den fünf Extraminuten waren die Ludwigsburger frischer und agiler als die 46ers. Allein Thompson kam auf zehn Zähler, während bei den Gästen auch die 150 mitgereisten Fans nicht den Unterschied machen konnten: »Es war toll, diese Unterstützung hat uns viel gegeben«, bedankte sich Bogojevic bei den Anhängern. »Trotzdem haben wir am Ende kein Benzin mehr im Tank gehabt, 20 Punkte in fünf Minuten zu kassieren, ist nicht unser wahres Gesicht«, war der Ex-Nationalspieler mit der Leistung seines Teams in der Verlängerung unzufrieden. Dennoch gibt sich der Headcoach positiv gestimmt: »In dem Moment, wo wir einmal unsere Mannschaft komplett auf das Feld schicken können, sind wir auf jeden Fall für den Abstiegskampf gewappnet. Ich bin fest davon überzeugt, dass Lorenzo Williams und Maurice Jeffers bis zum nächsten Samstag ihre Verletzungen auskuriert haben.« Dann kommen die Braunschweiger in die Sporthalle Ost. In der Hinserie unterlagen die 46ers zunächst EnBW Ludwigsburg nach Verlängerung, ehe dann in Braunschweig ein Sieg gefeiert werden konnte. Und endlich wieder zwei Punkte bejubeln zu können, darauf wartet man in Gießen, trotz des Sieges in Bremerhaven vor zwei Wochen, ja nun auch schon wieder eine gefühlte Ewigkeit. Martin Vogel

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