John Bryant (2. v. r.) zeigt bei der 82:97-Niederlage seiner 46ers gegen Oldenburg eine gute Leistung. Hier bedient er Brandon Bowmann (l.), während Gästespieler Nathan Boothe ihn attackiert.	FOTO: FRIEDRICH
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John Bryant (2. v. r.) zeigt bei der 82:97-Niederlage seiner 46ers gegen Oldenburg eine gute Leistung. Hier bedient er Brandon Bowmann (l.), während Gästespieler Nathan Boothe ihn attackiert. FOTO: FRIEDRICH

Basketball-Bundesliga

Gießen 46ers: Das verflixte dritte Viertel

  • Markus Konle
    vonMarkus Konle
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Die Lage der Gießen 46ers bleibt äußerst brenzlig. Der Tabellenletzte liefert gegen Oldenburg eine starke erste Hälfte ab, fällt aber im dritten Viertel auseinander und verliert mit 82:97.

Brandon Thomas, der Kapitän der Gießen 46ers, zog die Schultern hoch und murmelte: »Ein gebrauchter Tag.« Dann nahm er seine Tasche und verließ die Sporthalle Ost. Diese deutsche Redewendung hatte er gerade von einem Journalisten gelernt. Und sie brachte den Auftritt seines Teams in der zweiten Halbzeit auf den Punkt - und auch seinen eigenen. Bei der 82:97 (37:40)-Niederlage gegen die Baskets Oldenburg fand Thomas offensiv nie zu seinem Spiel, blieb aus der Distanz bei fünf Versuchen erfolglos und stand so für eine der großen Schwächen der 46ers am Samstagabend: Die katastrophale Dreierquote von 26 Prozent, die dabei im letzten Viertel noch etwas aufpoliert wurde, als die Partie schon entschieden war. Bis zum Schlussabschnitt hatten die Gießener gerade einmal zwei Dreier versenkt - bei 17 Versuchen (am Ende waren es sechs von 23).

Gegen eine Spitzenmannschaft wie die Oldenburger, die in Gießen ihren achten Sieg in Serie feierten, muss bei den 46ers eben über 40 Minuten alles passen - um eine Überraschung zu schaffen, müssen alle Spieler ihr Limit erreichen, darf man sich keine längere Schwächephase wie im dritten Viertel erlauben. Das ging mit 29:12 an die Niedersachsen, die nach einer 69:49-Führung die Partie souverän nach Hause brachten.

Dass eine Überraschung durchaus im Bereich des Möglichen lag, hatte der Gießener Auftritt in der ersten Halbzeit bewiesen. Die 46ers verteidigten aggressiv, sie nötigten den Favoriten allein vor der Pause zu acht Ballverlusten und überzeugten auch in der Offensive: Immer wieder attackierten die Gießener den Oldenburger Korb, spielten oft den Extrapass und verblüfften damit offenbar ihren Kontrahenten. »In der ersten Halbzeit haben wir das sehr ordentlich gemacht und das umgesetzt, was wir uns vorgenommen hatten«, sagte Trainer Rolf Scholz hinterher, der Zugang John Bryant in die Anfangsformation beordert hatte. »Big« John war der Mann des ersten Viertels und legte in seinem zweiten Spiel nach seiner Rückkehr eine Performance hin, die ihm wohl nur die wenigsten angesichts seiner athletischen Defizite zugetraut hätten.

Der Routinier gab sofort den Anführer auf dem Feld, strahlte Präsenz aus, dirigierte seine Kollegen auf dem Feld und war unter dem Korb so etwas wie der zweite Pointguard. Er war oft anspielbereit, verteilte den Ball klug und war am Ende in 26 Minuten Spielzeit mit 19 Punkten, acht Rebounds und drei Assists in diesen Kategorien auch statistisch der beste Gießener.

»John hat sich in den letzten Tagen super eingefunden ins Team«, lobte Scholz seinen Center. Allerdings bekam er zu wenig Unterstützung von seinen Kollegen. So blieb beispielsweise Aufbauspieler Jonathan Stark unter seinen Möglichkeiten. Er hatte früh Foulprobleme und wurde diesmal seiner Führungsrolle nicht gerecht. »Insbesondere wenn das Spiel physischer wird, wenn mehr Druck in der Verteidigung ausgeübt wird, hat man immer noch das Gefühl, dass er einen Schritt zurückmacht«, stellte Scholz fest.

46ers lassen sich Schneid abkaufen

So richtig physisch wurde das Spiel im dritten Viertel. Zunächst hatte Scottie James mit vier Zählern in Folge den 37:40-Rückstand zur Pause in eine 41:40-Führung der 46ers gedreht, doch dann fielen die Gießener auseinander. Oldenburg verteidigte nun deutlich aggressiver, stand besser in den Passwegen und traf hochprozentig aus allen Lagen: Nach einem 10:0-Lauf lagen die Niedersachsen mit 56:44 vorn (26.), zum Viertelende mit 69:49. Das war’s.

»Wir haben versucht, uns mit zu vielen Dribblings zu helfen. Wir haben den Ball nicht mehr schnell genug bewegt und nicht nach innen zu John gebracht, der das in der ersten Halbzeit wirklich super gemacht hat«, analysierte Scholz das dritte Viertel. Und Kapitän Thomas meinte: »Wir haben die Aggressivität verloren. Oldenburg kam mit mehr Energie aus der Pause, und wir haben nicht mehr genug dagegengehalten. Das müssen wir abstellen, und ich muss meine Würfe treffen.«

Die Erfahrung eines katastrophalen dritten Viertels ist keine neue für die 46ers in dieser Saison - und um sich aus einem derart tiefen Loch wie am Samstag zu befreien, braucht es Selbstvertrauen. Das fehlt den Gießenern nach erst zwei Saisonsiegen und nun wieder vier Niederlagen in Serie. »Oldenburg war auch mental stärker als wir«, sagte Alen Pjanic, der anfügte: »Wir müssen aus dem dritten Viertel lernen und nun eben in Ludwigsburg gewinnen.« Um beim Spitzenreiter am Samstag überhaupt eine Außenseiterchance zu besitzen, brauchen die 46ers aber über 40 Minuten eine ähnliche Vorstellung wie gegen die Baskets in der ersten Halbzeit. Und keiner ihrer Leistungsträger darf einen »gebrauchten Tag« erwischen.

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