Spektakulär und ereignisreich ist die Saison 2019/20 für die Gießen 46ers verlaufen - hier stopft Gießen Powerforward Jordan Barnett einhändig den Ball über den Göttinger Terry Allen in die Reuse. FOTO: JELINEK
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Spektakulär und ereignisreich ist die Saison 2019/20 für die Gießen 46ers verlaufen - hier stopft Gießen Powerforward Jordan Barnett einhändig den Ball über den Göttinger Terry Allen in die Reuse. FOTO: JELINEK

Gießen 46ers

Gießen 46ers: Abwechslungsreiche Unterhaltung auf allen Ebenen

  • Wolfgang Gärtner
    vonWolfgang Gärtner
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Die Spielzeit 2019/20 wird immer als Corona-Saison im Gedächtnis bleiben. Sie verlief beim Basketball-Erstligisten Gießen 46ers turbulent und präsentierte einige dicke Überraschungen - bis hin zum vorzeitigen Ende am vergangenen Montagabend.

Ein unfitter John Bryant, das Gehen von Heiko Schelberg, das Kommen von Michael Koch, die Blamage am dritten Spieltag beim Heimspiel gegen Neuling Hamburg, der frenetisch gefeierte Sieg in der Osthalle gegen Würzburg mit Ex-Aufstiegstrainer Denis Wucherer, die starke Performance von Eigengewächs Alen Pjanic, der im Fanlager polarisierende Headcoach Ingo Freyer und und und... Bei den Gießen 46ers wurde es nie langweilig - sie sorgten auf allen Ebenen für eine abwechslungsreiche Unterhaltung.

Bitterste Niederlage:Pleiten gab es mit 14 reichlich bis zum 21. Spieltag (Gießen absolvierte nur 20), der zumindest für die sieben Clubs - darunter die 46ers - als eine Art Saisonabschluss gewertet wurde, die sich am vergangenen Montag bei einer Videoschalte mit der Ligaspitze auf freiwilliger Basis entschlossen hatten, die Spielzeit nicht in einem Playoff-Format vor "Geisterkulisse" fortzusetzen. Die gefühlt schmerzhafteste Niederlage erlitt die Freyer-Truppe an einem Freitagabend im Oktober, als sie in der Osthalle beim 75:79 gegen Aufsteiger Hamburg verlor. Teyvon Myers verpasste kurz vor dem Ende den Ausgleich zum 75:75, der Ball bei seinem Korbleger wurde mit viel Nachdruck von Marvin Ogunsipe ans Plexiglas gedrückt.

Tollster Sieg:3200 Zuschauer aus dem Häuschen - und ein bestens gelaunter John Bryant, der nach dem 91:87 gegen starke Würzburger die Humba anstimmte und Historisches geleistet hatte. Der aufgrund seiner mangelnden Fitness permanent in der Kritik stehende 46ers-Kapitän trumpfte mit seinem ersten Triple-Double auf. In 37 Minuten gelangen dem Center 19 Punkte, 10 Rebounds und 12 Assists. Gießens Ex-Coach Denis Wucherer lobte den 2,11-m-Mann und bescheinigte ihm, ein großartiges Spiel gemacht zu haben. Dank des vierten Saisonsiegs etablierten sich die 46ers Anfang Dezember 2019 im Tabellenmittelfeld - ganze zwei Erfolge sollten bis Mitte März folgen, als die BBL die Saison wegen der Corona-virus-Krise aussetzte. Letztlich belegen die Gießen 46ers Rang 14, hätten aber bei einem kompletten Abbruch der Saison den 13. Platz eingenommen, wenn man die Quotientenregel angewendet hätte, da die Teams unterschiedlich viele Spiele aufwiesen.

Beste Neuverpflichtung:Die Saison hatte noch nicht begonnen, da ging es im Kader der 46ers zu wie in einem Taubenschlag. Zuerst erwischte es den jungen und unerfahrenen Center Duke Shelton, der nach der Vorbereitungsphase seine Tasche packen musste - ihm fehlte die Masse für den Positionskampf unter dem Korb. Für Shelton kam der 2,08 m große Center Kendall Gray, der fast nie die Erwartungen erfüllte. Dann ging es Aufbauspieler Alexander Abreu kurz vor dem Saisonauftakt gegen Crailsheim an den Kragen. Der 1,80 m große Puerto Ricaner schleppte sich die ganze Zeit mit einer Hüftverletzung herum, die nicht besser werden sollte. Für die Königsposition verpflichteten die Gießener Stephen Brown nach. Zwei Trennungen wahrlich zu einem ungünstigen Zeitpunkt. Zuguterletzt kam Mitte November mit Powerforward Matt Tiby die dringend benötigte Mehr-Qualität ins Team - mit Abstand die beste Neuverpflichtung. Der US-Amerikaner ersetzte den Langzeitverletzten Luke Petrasek, der an einer Wirbelsäulenverletzung laborierte und erst wieder im Februar dieses Jahres sein Comeback feierte.

Größter Leistungssprung:Alen Pjanic war der große Gewinner im Team. Das Gießener Eigengewächs entwickelte sich am meisten weiter. Mit seinem unbändigen Willen war er - obwohl erst 22 Jahre alt - der emotionale Leader. Seine spektakulären Blocks und Dunks fanden sich fast serienmäßig in den Wochen-TopTen von MagentaSport wieder. Verbesserungswürdig ist seine Dreierwurfauswahl, Fouls muss er reduzieren.

Dickste Überraschung: Retter Heiko Schelberg musste den Club nach acht ereignisreichen Jahren verlassen. Die Harmonie zwischen dem Geschäftsführer und den Gesellschaftern war gestört. Schelberg hatte 2012 den damals klammen Club als Geschäftsführer übernommen. Seinerzeit drohte die Insolvenz, die Schelberg in kürzester Zeit durch Sponsorenzahlungen, Fan-Spenden und Darlehen in einer Rettungsaktion abwendete. Der Aufsichtsrat sprach bei der Trennung davon, dass eine Ära zu Ende gehen würde. Im Februar folgte der nächste Paukenschlag: Die 46ers präsentierten den Ex-MTV- und Nationalspieler Michael Koch als Nachfolger und gaben ihm mit dem Amt des Sportdirektors gleich noch einen zweiten Posten dazu.

Coolste Aktion: Einen emotionalen Abschied mit Sprechchören und einem überdimensionalen Banner bescherten die Fans der Hinter-dem-Korb-Fraktion dem scheidenden Geschäftsführer Schelberg. Bei der 82:90-Niederlage gegen Frankfurt ließ er sich im Fanblock feiern.

Heftigste Fandiskussion: Sie waren nicht zu überhören - die Freyer-raus-Rufe bei mehreren Auftritten in der Osthalle. Der Trainer hat bei einigen Anhängern keinen leichten Stand - er steht bei ihnen ob der Rekrutierung, des Spielstils und des Coachings in der Kritik. Mit Michael Koch haben Freyer und sein "Co" Steven Wriedt nun einen weiteren Fachmann, der beratend an ihrer Seite steht. Zusammen werden sie sicher eine Lösung finden, die alle zufriedenstellen wird. Die Heimspiele für die Gießen 46ers müssen von Vorteil für das Team sein. Das große Ziel des Trios für die kommende Saison.

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