Henni Nachtsheim.

Das Sport-Jahr 2020 mit Henni Nachtsheim

Es gibt manchmal nicht "diese eine Wahrheit"

Unser Redakteur Ronny Th. Herteux und Badesalz-Comedian haben das ungewöhnliche Jahr 2020 Revue passieren lassen.

Hallo Herr Nachtsheim, 2020 liegt bald hinter uns, 2021 vor uns. Wäre es nicht besser gewesen, vor Jahresfrist gleich 2020 zu überspringen?

So eine Option hätten vermutlich ein Großteil der Menschen in Anspruch genommen. Da das aber nicht möglich war, mussten wir eben irgendwie durch dieses Jahr durch. Das war für manche etwas leichter, für viele schwerer.

Wir müssen uns der Wirklichkeit stellen, wenngleich es einem manchmal schwerfällt, zwischen Fakten und Fake News zu unterscheiden. Was waren für Sie die wichtigsten Sport-Fakten?

Da es auch für den Sport ein schwieriges Jahr war, in dem es mehr ums Überleben als um Wettbewerbe ging, haben mich Ergebnisse deutlich weniger interessiert als normalerweise. Wenn bei mir was hängengeblieben ist, dann er Sieg der Bayern in der Champions-League. Ich bin ja bekanntermaßen kein Bayern-Fan, aber das war schon beeindruckend. Ansonsten habe ich, wie immer, bei der Eintracht am Genauesten hingeschaut.

Natürlich war auch das Fußball-Jahr ein ganz besonderes. Keine Zuschauer, keine Stimmung. Wie kam das bei Ihnen so einsam und verlassen vor dem Bildschirm an?

Wenn ich Eintracht-Spiele schaue, fehlen mir die lauten Eintracht-Fans zwar enorm, trotzdem schaffe ich es, mich auf das Spiel zu konzentrieren und mitzufiebern. Bei allen anderen Spielen schaue ich eher unterkühlt zu. Du siehst Barcelona gegen Juve und kapierst, dass die Magie so einer Begegnung längst nicht nur durch Messi und Ronaldo, sondern vor allem auch durch ein volles, energiegeladenes Stadion erzeugt wird.

Immer wieder ist in letzter Zeit von der Gefahr einer Entfremdung zwischen Profis und Fans zu hören. Können Sie sich vorstellen, dass volle Stadien auch nach Ende der Pandemie die Ausnahme sein werden?

Ich kann nur für mein Umfeld und mich sprechen, aber ich spüre diesbezüglich keine Entfremdung, schon gar keine pauschale. Natürlich habe ich auch hingeguckt, wo Spieler aufgrund Corona Gehaltskürzungen akzeptiert haben und wo nicht. Und natürlich werde ich die, die sich arschig verhalten, in Zukunft anders sehen und bewerten. Aber alle in Sippenhaft zu nehmen, fühlt sich für mich falsch an.

Unstrittig ist, dass Zuschauer bzw. deren Gebaren Einfluss auf die Leistungen der Sportler nehmen, positiv wie negativ. War das Sportjahr 2020 vielleicht deshalb auch eines des reinen Sports nach dem Motto: die beste Mannschaft hat gewonnen?

Es ist auf jeden Fall interessant, wie sich bestimmte Dinge bzw. Verhalten beim Fußball ohne Zuschauer verändert haben. Weniger alberne Schauspiel-Einlagen z.B. Aber die Bayern wären auch ohne Pandemie Triple-Sieger geworden, weil sie es einfach, ob mit oder ohne Zuschauer, am meisten von allen wollten und konnten. So, aber jetzt reicht’s auch mit der Bayern-Loberei, ich hab schließlich einen Ruf zu verlieren...

Wie haben Sie die Diskussionen verfolgt, der Fußball hätte eine Sonderstellung, weil relativ früh klar war, dass die Profis ihre Saison zu Ende bringen können und bereits wieder mitten in der neuen stecken.

Eine hochsensible Diskussion, bei der man abwägen muss, was man sagt. Meine Partnerin ist Schulsozialarbeiterin und fand das eher falsch. Wir haben uns ein paar Mal deswegen auseinandergesetzt, weil ich eher dafür war, dass wieder gespielt wird. Das Interessante an unseren Diskussionen war, dass jeder Argumente dagegen oder dafür hatte, die der andere trotz entgegengesetzter Meinung verstanden hat. Sie hat mir z.B. erzählt, dass ihr ein Junge an ihrer Schule gesagt hat, dass er das gemein findet, dass er selbst gerade mit seiner Vereinsmannschaft nicht spielen darf, die Bundesliga aber schon. Das verstehe ich und nehme es auch ernst. Aber ich habe auch die mitbekommen, die froh waren, wenigstens noch Fußball gucken zu können, wenn sie schon nicht spielen dürfen. Und ein Kollege hat mir berichtet, dass sie wegen Corona abgebrochene Filmdreharbeiten fortsetzen konnten, weil sie das Hygiene-Konzept der DFL übernommen hätten. Was mir mal wieder gezeigt hat, dass es manchmal nicht "diese eine Wahrheit" gibt, sondern Dinge manchmal unglaublich viele verschiedene Seiten haben.

Sie selbst sind als Comedian auch vom Lockdown betroffen und durften nicht mehr vor Publikum auftreten. Sie leben auf der Bühne ganz besonders von der Interaktion mit den Zuschauern. Wie fühlt sich das Jahr 2020 aus Sicht des "Bühnenmenschen" Nachtsheim an?

Für uns Bühnenmenschen war dieses Jahr hart. Emotional, sowie wirtschaftlich. Unsere Auftritte sind ein wahnsinnig wichtiger Bestandteil unserer Arbeit, ganz abgesehen davon, dass wir am aktuellen Programm über ein Jahr geschrieben und gearbeitet haben und es schon bitter ist, nach ein paar Monaten nicht mehr spielen zu können. Aber wie hier schon einmal berichtet, haben wir dafür nach ein paar Monaten unseren eigenen Radiosender "Radio Badesalz" gegründet, vor allem, um so den Kontakt zu unseren Leuten zu halten. Die Reaktionen darauf sind teilweise unglaublich, und zeigen uns, dass das genau richtig war. Wir haben auf den Podcast-Portalen, wo man jede Folge umsonst anhören kann, innerhalb weniger Wochen 70 000 Abonnenten bekommen. Aber auch wenn wir uns darüber freuen, wissen wir natürlich, wie brutal Corona auch unsere Branche erwischt hat! Sowohl Künstler als auch die vielen Dienstleister, ohne die es im normalen Kulturleben gar nicht geht. Deswegen hoffen wir inständig, dass es in absehbarer Zeit wieder aufwärts geht!

Sind Sie in Sorge, dass sich das Publikum auch von den Kulturschaffenden "entfremden" könnte nach dem Motto, es geht auch ohne?

Nullkommanull! Ich glaube auch gar nicht, dass Menschen das überhaupt denken. Ich kenne nur Leute, die Live-Veranstaltungen vermissen. Und das von Monat zu Monat mehr!

Noch mal zum Sport, die Frankfurter Eintracht rangiert auf Rang neun nach drei Siegen, zwei Niederlagen und acht Unentschieden. Bedarf es da noch besonderer Worte?

Ich habe in den letzten Wochen immer wieder gelesen, die Eintracht befände sich im Niemandsland. Was meiner Ansicht nach eine überhebliche Betrachtung ist. Die Mannschaft befindet sich im Mittelfeld einer starken Bundesliga, das ist noch nichts Schlimmes. Sie hat einige Punkte liegen gelassen, mit denen sie zwar besser dastünde, aber sie war andererseits in fast allen Spielen nur ganz schwer zu schlagen. Ich kann damit gut leben. Außerdem, wie hat meine Tante Lilli immer gesagt: "Wenn Du mit nem Boot über en See fährst, solltest Du schon abwarte, bis Du am anderen Ufer angekomme bist, bevor Du Dich beim Kapitän beschwerst!"

Während in Frankfurt relative Ruhe herrscht, hat Schalke 04 in dieser noch jungen Saison inzwischen den vierten Trainer an Bord gelotst, während Sportvorstand Jochen Schneider weiter in Amt und Würden bleibt. Ein Beispiel, wie sich der Fußball unglaubwürdig macht?

Das ist mir zu hochgegriffen. Schalke hat offensichtlich die Seuche, und ich finde nicht, dass der Verein die Bundesliga repräsentiert.

Wenn Paris St. Germain seinen Trainer Thomas Tuchel an Heiligabend feuert, dann hat der Anstand einen Tiefpunkt erreicht. Hat der Profifußball als Sport ausgedient?

Mein Gott Herr Herteux, Sie wollen es aber kurz vorm Jahreswechsel noch mal richtig wissen! Klare Antwort: natürlich nicht. In jeder Branche gibt es bessere und schlechtere Unternehmen, und bessere und schlechtere Menschen. Das in Paris ist eklig, fies und im hohen Maße unsympathisch. Aber es gibt genügend Vereine, die das nicht so handhaben würden.

2020 wird als das Jahr der Corona-Pandemie in die Geschichtsbücher eingehen und tiefe Spuren in der Wirtschaft, im gesellschaftlichen Zusammenleben und im Sport hinterlassen. Da bleibt abschließend nur noch die Frage: Was haben wir von 2020 gelernt, was wünschen wir uns von 2021?

Diese Frage ist zu umfassend, als dass ich mir zutrauen würde, sie zu beantworten. Ganz abgesehen davon, dass das jeder anders bewerten wird. Und was den Ausblick auf 2021 angeht, würde ich gerne noch mal meine geschätzte Tante zitieren. Die hat nämlich mal gesagt: "Wenn Du eh net glaubst, dass es am Ende vom Tunnel wieder Licht gibt, brauchste erst gar net neifahrn!" So seh ich’s auch!

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