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Deutschland ist Gastgeber der Fußball-EM 2024. Um die Ausrichtung der EM 2024 hatten sich die Fußball-Verbände aus Deutschland und der Türkei beworben.

Anstoß

Fußball-EM 2024 in Deutschland ? Ein nachhaltiger Erfolg?!

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Seit Donnerstagnachmittag ist klar: Die Fußball-Europameisterschaft 2024 findet in Deutschland statt. Aber ist das wirklich nur Grund zum Jubel? Ein Kommentar.

Reinhard Grindel sprang von seinem Sitz auf und drückte den einen Kopf kleineren WM-Botschafter Philipp Lahm, der neben ihm gesessen hatte, an seine Brust: Deutschland wird die Fußball-Europameisterschaft 2024 ausrichten – und Lahm wird Chef des Organisationskomitees. Grindel wird außerdem (vorerst) seinen Job als DFB-Präsident behalten dürfen.

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Viel wichtiger als das Postengeschacher im deutschen Fußball ist aber der Effekt, der von einem solch großen Turnier ausgeht. Zum Vergleich dient die WM 2006, das "Sommermärchen", welches in der deutschen Erinnerungskultur trotz aller Skandale rund um die Korruptionsvorwürfe bei der Vergabe dennoch weiterhin über die Maßen positiv besetzt ist. Die Nachrichtenseite rp-online.de hat dazu die entsprechenden Zahlen: 2,86 Milliarden Euro wurden während des 2006er Turniers von den Fans ausgegeben, bundesweit entstanden 38 000 neue Jobs – wenn auch nur befristet –, 1,3 Millionen ausländische Besucher wurden empfangen, dabei waren nicht einmal 400 000 im Stadion. Die wohl wichtigste Zahl ist 150 000. Denn um diese Zahl stieg infolge der WM die Mitgliedszahl des DFB und seiner Vereine.

Genau darauf hoffen Grindel und Co. mit Blick auf 2024 auch. Das wurde in den ersten Worten nach Bekanntgabe der Vergabeentscheidung schon deutlich. Doch die DFB-Oberen dürfen eines nicht vergessen: Ein "Sommermärchen" wird nur schwierig zu wiederholen sein. Eine Welt- und nicht "nur" eine Europameisterschaft, ein überraschend starkes deutsches Team, bestes Wetter über fast vier Wochen bei gleichzeitig sehr guter Sicherheitslage und vergleichsweise ruhigem politischem Klima werden nicht wieder einfach so zu haben sein.

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Weitere Umstände im internationalen Fußball geben zudem zumindest Anlass zur Skepsis mit Blick auf die Euro 2024: Die Kommerzialisierung im Fußball – erst am Mittwochabend in den Stadien der Bundesligisten prominent von verschiedensten Fangruppierungen angeprangert – wird bis dahin weiter fortschreiten. Das heißt aber auch: Wer wird überhaupt ein EM-Ticket bekommen – und wenn ja, zu welchem Preis? Welchen Anteil an der Ausgestaltung des Turniers hat der DFB noch, wenn UEFA, TV-Firmen und Sponsoren den Ablauf weitestgehend vorgeben und vieles reglementieren? Und können es sich die öffentlich-rechtlichen Sendeanstalten bis dahin noch leisten, ihre Gelder für die Übertragung aller Matches auszugeben oder gewinnen international tätige Privatsender die Oberhand, die ihre Ausgaben dann durch teure Abos wieder reinholen müssen?

Ebenfalls nicht unterschätzt werden sollte die Tatsache, dass 2006 zwar 150 000 Menschen neu in die Vereine des DFB eintraten, die Mitgliederzahl davor aber einige Jahre stagniert hatte und auch danach bis heute zu keinem Zeitpunkt mehr so stark angestiegen ist. Die Zahl der Vereine sinkt übrigens seit Mitte der 1990er Jahre stetig. Ein Grund dafür: Die steigende Kluft zwischen den Fußballbossen in der Frankfurter Zentrale und dem Amateurfußballer auf dem flachen Land.

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Die Funktionäre sollten daher die Vergabe der EM 2024 nun dafür nutzen, jene Kluft bis in sechs Jahren wieder zu verkleinern, denn ansonsten ist die Zahl der Vereine, in denen junge Fußballbegeisterte überhaupt noch eintreten können, noch kleiner – und der Boom womöglich nicht annähernd so groß wie unter den historisch äußerst günstigen Bedingungen bei der WM 2006. Gleichzeitig sollten sich die Fehler rund um "Die Mannschaft" beim diesjährigen WM-Aus in Russland nicht wiederholen, denn ansonsten ist es mit der Begeisterung für ein großes Turnier auch unter Ausklammerung des nicht programmierbaren sportlichen Erfolges schnell wieder vorbei.

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