Furiose Aufholjagd wird nicht belohnt

Die Spieler der LTi Gießen 46ers wussten gar nicht so richtig, wie sie sich verhalten sollten und wirkten ein wenig orientierungslos. Obwohl sie das Spitzenspiel in der Basketball-Bundesliga gegen den haushohen Favoriten Brose Baskets Bamberg mit 80:81 (40:50) verloren hatten, wurden sie mit einem minutenlang andauernden Applaus von den begeisterten Fans in der Osthalle verabschiedet.

Gießens "Gudd Stubb" war zum zweiten Mal nach dem Umbau 2007 mit 4003 Zuschauern ausverkauft und stand nach dem großartigen Kampf der Mannschaft von Trainer Vladimir Bogojevic Kopf. Ein ansonst sehr kritischer Edel-Anhänger ließ sich sogar zu folgendem Statement hinreißen: "Das war das beste Spiel, das ich seit Langem von den 46ers gesehen habe." Und mit dieser Meinung stand er nach einer nervenaufreibenden Schlussphase ohne das nötige Quäntchen Glück nicht allein.

Mit einer an Intensität kaum noch zu steigernden Leistung im letzten Viertel holten die 46ers einen 20-Punkte-Rückstand auf und hatten den Sieg zum Greifen nahe. Dass es letztlich für den Rangsechsten nicht ganz für die Sensation reichte, um den Deutschen Meister, der unter der Woche mit dem Sieg in der Euroleague gegen Olympiakos Piräus auf internationaler Ebene für positive Schlagzeilen gesorgt hat, die erste Saisonniederlage in der Basketball-Bundesliga beizubringen, lag an Nuancen. Ausgerechnet der alles überragende Elvir Ovcina zeigte 30 Sekunden vor dem Ende Nerven, als er nach einem "T" des maulenden Casey Jacobsen an die Linie ging und nur einen seiner beiden Freiwürfe zum 74:76 verwandelte.

Das wäre vielleicht noch zu verkraften gewesen, aber der sich anschließende Ballverlust von Ryan Brooks, der sich an der Grundlinie verdribbelte und dabei mit einem Bein im Aus stand, war schon eher in die Rubrik "völlig unnötig" einzuordnen. Anstatt auszugleichen oder in Führung zu gehen - und damit das so oft zitierte Momentum, sprich den psychologischen Vorteil zu besitzen, hielten nun die Bamberger in den Schlusssekunden den Ball in ihren Händen. Gaben ihn aber auch wieder her, sodass die Zuschauer weiter auf die Folter gespannt wurden.

Als noch 6,4 Sekunden zu spielen waren, nahm sich Gießens Allrounder Anthony Smith ein Herz und legte zum 77:79 ab. Die Order, sofort zu foulen, wurde konsequent umgesetzt, sodass Brian Roberts zwei Freiwürfe zugesprochen bekam, die er trotz des ohrenbetäubenden Lärms sicher zum 81:77 für die Gäste aus dem Frankenland in die Reuse einfliegen ließ. Chase Griffins Dreier bei Restspielzeit von einer Sekunde toppte zwar die Spannung noch einmal, doch der glückliche Sieg war den Gästen nicht mehr zu nehmen.

Gießens Trainer Bogojevic war über die Niederlage seiner Mannschaft nicht gerade amüsiert, beim 34-Jährigen überwog die Unzufriedenheit. "In den letzten 108 Sekunden sind uns zwei Ballverluste unterlaufen, die vermeidbar waren, aber unserer Unerfahrenheit zuzuschreiben sind." Geärgert haben ihn aber vor allem die in Hälfte eins 50 zugelassenen Punkte. Und dabei insbesondere die offenen Dreier von Jacobsen und Karsten Tadda. "Wir haben den Bambergern gefühlt neun offene Dreier gestattet. Ich kann mich nicht daran erinnern, dass wir auch nur einen Dreierversuch von Bamberg gut verteidigt haben." Nicht nur ihm fehlte in diesen Situationen die nötige Einstellung bei der Mann-Mann-Verteidigung. Bogojevics Gegenüber Chris Fleming war unterdessen froh, dass er in Gießen mit einem blauen Auge davongekommen war. "In Gießen ist es immer sehr schwer, die Umstände sind nicht leicht. Sie spielen im Augenblick einen sehr guten Basketball. Ich bin zufrieden mit dem Sieg, trotz schwieriger Bedingungen inklusive dem technischen Foul am Ende haben wir das gut gemanagt und den Sieg nach Hause gebracht."

Schon im Vorfeld des Spiels hatte der Ex-Gießener Anton Gavel, der sage und schreibe null Punkte erzielte (Schnitt über zwölf), geunkt, "Gießen wird sicher schwerer als Olympiakos Piräus." Doch danach sah es nach der ersten Hälfte nicht aus. Der Deutsche Meister agierte sehr diszipliniert und meist nach dem gleichen Schema: Penetration nach innen, Pass nach außen. Dort lauerten die völlig frei gelassenen Jacobsen und Tadda und schenkten ein nach dem anderen Dreier ein (Jacobsen in Hälfte eins vier von vier Tadda zwei von zwei). Erstmals in Führung lagen die 46ers beim 29:28 (14., Zachery Peacock), die sie aber bis zur Pause wieder abgeben mussten (40:50). Für die meiste Diskussion auf den Rängen hatte aber das "T"-Festival gesorgt (12.), dass die oft von ihrer Linie abweichenden Schiedsrichter nach Verbalattacken zwischen Peacock und Reyshawn Terry verordnet hatten. Reyshawn bekam gleich zwei technische und ein unsportliches Foul aufgebrummt.

In Durchgang drei erhöhten die Bamberger den Druck sowie das Tempo und legten sich ein beruhigendes 20-Punkte-Polster (72:52, 29.) an. Im Gefühl des sicheren Sieges schalteten die Gäste mehrere Gänge nach unten, und die 46ers starteten ihre Verzweiflungs-Aufholjagd. Angeführt vom nicht zu stoppenden Griffin legten die Lahnstädter einen furiosen 14:0-Lauf hin, den Dirk Mädrich mit einem Dreier zum 69:73 beendete (35.). Aber anstatt nachzulegen, unterlief den 46ers erneut ein Anfängerfehler. Als die Baskets mit einer Ganzfeld-Mannpresse agierten, musste plötzlich Powerforward Peacock den Ball über die Mittellinie bringen und missachtete dabei die Acht-Sekunden-Regel. Bogojevic tobte an der Außenlinie, nahm seine unaufmerksamen Guards in die Verantwortung und bilanzierte nach der Niederlage: "Wir hatten gute Phasen am Anfang und am Ende, unsere Energieleistung im letzten Viertel war lobenswert. Ich hätte mir aber gewünscht, dass wir schon zu einem frühen Zeitpunkt so agiert hätten. Wir haben gegen eine erfahrene und abgeklärt spielende Mannschaft verloren." Wolfgang Gärtner

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